Workcamp mit Jugendbegegnung 1997
 
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Reisebericht des Workcamps mit Jugendbegegnung in Recife / Brasilien vom 16. August - 6. September 1997: 

 "O mundo parca que nâo gira somos todos iguais sou tudo que tenho para doar me. Quero um mundo novo onde pessoas, bichos e coisas esistam por que amam e entendam o sentido da vida!"
Die Welt scheint sich nicht zu drehen - wir alle sind gleich - ich bin alles, was ich zu geben habe. Ich will eine neue Welt in der Menschen, Tiere und Dinge leben, weil sie lieben und den Sinn des Lebens verstehen! 
Aussage eines Straßenkindes. 

Programm
16.8. Ankunft in Recife Fahrt zu unserer Unterkunft in Olinda
17.8.

 

vormittags

 

Treffen mit ErzieherInnen von Ruas e Praças, Capim de Cheiro und Sobe e Desce
Vorstellungsrunde und Kennenlernen 
Überblick über die Projekte und ihre Ziele 
Vorstellung der deutschen Gruppe 
nachmittags Erkundung Olindas 
18.8. Abfahrt für die Woche auf dem Hof Capim de Cheiro Informations- und Kennenlerngespräch mit dem Team dort 
Programmübersicht und Tagesablauf 
abendlicher "Kulturaustausch"
19.8. vormittags Hausbau, Bohnen pflanzen, Schweine putzen (Mitarbeit) 
nachmittags Hausbau, Maniok-Ernte (Mitarbeit), Fußballworkshop
20.8 vormittags Hausbau, Bohnen pflanzen, Maniok-Ernte (Mitarbeit)
nachmittags Besuch einer Maniok-Mühle
21.8. vormittags Hausbau, Gemüsebeet (Mitarbeit)
nachmittags Zirkus- und Percussion-Workshop
22.8. vormittags Hausbau, Wasserrohre verlegen (Mitarbeit) 
Vorbereitung des Folklorefestes 
nachmittags Folklorefest
abends Abschlußabend mit "deutschem" Essen, Lagerfeuer, Spiele
23.8. gemeinsamer Ausflug (Straßenkinder, ErzieherInnen, deutsche Gruppe) in die Mangrove-Sümpfe und an den Strand von Pitimbu
abends Gesprächsrunde mit der Gruppe "arbeitender Mädchen", Lagerfeuer
24.8. gemeinsamer Ausflug nach Joâo Pessoa
25.8. vormittags "Ländermeisterschaft" im Fußball: Brasilien - Deutschland 
Abschied von Capim de Cheiro
nachmittags Strandausflug nach Pitimbu, Tanzworkshop
abends Rückkehr nach Olinda, Besprechung und Einteilung der Projektbesuche 
26.8.
 

 

Treffen mit verschiedenen Gruppen im Movimento, Recife: 
Informationen zu Entstehung und Geschichte der Straßenkinderbewegung 
Vorstellung der Arbeit der AG Recife und der SoliJugend 
Deutschland und die Deutschen - ein Spiel der Vorstellungen 
Referat über das Straßenkinderprojekt "Iglu" in Karlsruhe
27. 8. vormittags Besprechung bei Ruas e Praças, Einteilung der Kleingruppen für die Projektarbeit 
Besuch des Casa da Cultura 
nachmittags Straßenarbeit (in Kleingruppen) 
abends Erfahrungsaustausch
28.8 ganztägig Straßenarbeit, Besuch verschiedener Projekte in Kleingruppen 
abends Tanzworkshop
29.8. vormittags zur freien Verfügung, alternative Stadtrundfahrt 
nachmittags Besuch des Projektes ArteManha
30.8. Ausflug nach Itamaraca 
31.8 Ausflug nach Gaibu 
1.9. vormittags Besuch beim Projekt CEEP (Lernzentrum für Volksbildung) mit projekteigener Bäckerei und Schule 
nachmittags Besuch einer Zuckerrohrfabrik (Einlaß trotz vereinbarten Termins verweigert)
2.9. vormittags Besuch des Projektes Semente do Amanha, Empfang im deutschen Generalkonsulat 
nachmittags Besuch der Schule der jungen Arbeiter, Besuch von Matutos Projekt
3.9 vormittags Besuch der Projekte Sobe e Desce und Resurreição
nachmittags Besuch der Projekte ArteManha und Educadores de Sto Amaro
4.9 vormittags Rückblick und Auswertungsgespräch im Movimento
nachmittag Vorbereitung des Abschiedsfestes 
abends Abschiedsfest in unserer Pousada
5.9. Abreisetag 
6.9. Landung in Frankfurt, schmerzliche Trennung

Vorbemerkung
Die diesjährige Brasilienbegegnung war bereits die fünfte dieser Art und auch dieses Jahr fand der bewährte Programmvorschlag unserer Partnergruppe Ruas e Praças (eine Woche Workcamp außerhalb und zwei Wochen "Stadt" mit gemischtem Programm) bei allen Anklang. 
Der Teilnehmerbeitrag betrug wieder DM 1000,-, dank der Förderung durch das BMFJ und die Stadt Karlsruhe. Allerdings wurden auch wieder die entstehenden Impfkosten von allen privat getragen. Die Unterkunft von 1996, ein günstiges und freundliches Hotel im Stadtkern von Olinda, hat sich bewährt und wurde daher auch diese Jahr in Anspruch genommen. 
Die 14 TeilnehmerInnen waren teilweise bereits "begegnungserfahren": Einige waren schon mehrmals mit der SoliJugend Karlsruhe-Hohenwettersbach international unterwegs gewesen, fünf TN hatten bereits 1995 beziehungsweise 1996 an der "Brasilien-Begegnung" teilgenommen. 
Bei zwei Vorbereitungstreffen konnten sich die TN kennenlernen. Hierbei gab es ausführliche technische und organisatorische Reiseinformationen, Erfahrungsberichte von TN aus dem letzten Jahr und eine Videovorführung. Das große Interesse der TN an der sozialen Arbeit mit den Straßenkindern, an der noch unbekannten brasilianischen Kultur und den tiefgreifenden sozialen Problemen dort wurde so noch gesteigert. 
Nachdem sich das Reisetagebuch als Form des Berichts im Vorjahr bewährt hat, einigten wir uns im Vorfeld auch dieses Jahr wieder darauf, ein solches zu erstellen. Aus diesem Grundfolgt der Gesamtbericht keinem einheitlichen Stil, gewinnt aber gerade dadurch an Bedeutung, daß hier unterschiedliche Impressionen zum Ausdruck kommen. 
 
 

Samstag, 16.8. (Anreisetag):
11.45 Uhr Abflug in Frankfurt, zuvor Anreise mit Bahn und Auto. Wir waren alle pünktlich am Flughafen, so daß diese Aufgabe schon einmal gemeistert war. 
Nach einem reibungslosen Flug wurden wir in Recife herzlich von unseren brasilianischen Freunden in Empfang genommen. Mit zwei VW-Bussen, voll mit Gepäck und Passagieren, fuhren wir nach Olinda in unsere "pousada" (Unterkunft). Wir unterbrachen unsere Fahrt kurz, um an einem Straßenrand Kokosmilch aus unreifen Kokosnüssen zu trinken und anschließend die Kokoshaut auszukratzen. Sie erinnerten nicht an die in Deutschland erhältlichen Kokosnüsse, die Milch war wenig süß und die Haut "schlabberig". 
Zum ersten Mal erlebte ich auch, wie in wenigen Minuten der Tag zur Nacht werden kann. 
Abends gingen wir in Olinda in ein Straßenrestaurant, um unseren Hunger zu stillen. Dort machten manche von uns die erste Bekanntschaft mit einem Straßenjungen. Er nahm unsere Reste und aß mit anderen Straßenkindern davon. Die Teller brachte er wieder zurück. 
Der Tag endete für uns nach brasilianischer Zeit früh (nach deutscher sehr spät), da wir alle einen langen Tag hinter uns hatten. 
Susanne
Sonntag, 17.8.:
Nach dem Frühstück kamen Erzieher aus dem Projekt Ruas e Praças, Capim de Cheiro und dem Projekt Sobe e Desce aus Olinda in die pousada, um sich und die Projekte vorzustellen. Ganz wichtig für sie war die Geschichte und Entwicklung der Straßenkinderbewegung und die Entstehung der Projekte. Interessant für mich war, daß das Projekt Ruas e Praças nach der Einfrierung staatlicher Projekte entstand. Drei Erzieher aus den staatlichen Projekten führten ihre Arbeit auf der Straße ohne Lohn und finanzielle Mittel weiter. Die Straßenkinder sammelten ihre eigenen Materialien im Müll und horteten sie in einem Kanalrohr. Wir erfuhren sehr viele Details über die Projekte, die uns natürlich neugierig und wißbegierig machten. 
Vor zwei Jahren fand das 10-jährige Jubiläum der Straßenkinderbewegung statt, an dem die Kinder 16 für die Entwicklung wichtige Ereignisse aufmalten und diese zu einem großen Stoffbanner zusammennähten. Mittlerweile gibt es auch schon Postkarten mit diesen Bildern zu kaufen. 
Auf der anderen Seite versuchten wir, Deutschland auf typisch deutschen Photos darzustellen, die Cornelius aufgenommen hatte. Er erklärte hierzu, daß es nichteinfach war, etwas "typisch deutsches" zu photographieren. 
Nach einem phantastischen Essen brasilianischer Art fuhren wir mit einem öffentlichen Bus an einen nahegelegenen Strand. Leider fing es an zu regnen, so daß wir unseren Ausflug abkürzen mußten. 
Abends erklommen wir den Hügel von Olinda, um von dort aus den Blick auf Olinda und Recife zu genießen. Die Brasilianer verblüfften uns mit ihrem Einfallsreichtum und ihrer immerzu freundlichen Art. 
Susanne
Montag, 18.08.:
Nach etwas verspäteter Abfahrt - bedingt durch diverse Geldwechselaktionen - kamen wir gegen 13.00 Uhr auf dem Sitio an. Kaum waren die Hütten in Sichtweite, als unser Bus auch schon von brasilianischen Kiddies bevölkert war. Als wir dann ausstiegen, war die freudige Begrüßung nicht mehr zu bändigen. Die Überschwenglichkeit, die zunächst noch auf gewisse Verlegenheit unserer Gruppe stieß, bewirkte bald, daß jeder von uns ein Kind an der Hand hatte. Ruckzuck waren unsere Gepäckstücke in die Zimmer befördert. Hier - großes Erstaunen über die Größe und Einrichtung der beiden Räume, denn die Berichte derer, die schon einmal auf dem Sitio gewesen waren, hatte uns auf wesentlich anderes vorbereitet. Nach kurzem Einrichten gab's Kokosnüsse für alle und dann Essen. Vor allem das Spülen erwies sich als etwas gewöhnungsbedürftig. Doch auch hier berichteten und die "alten Hasen" von wesentlich schlechteren Bedingungen, denn immerhin gibt es jetzt fließend Wasser. Nach dem Essen unsere erste freie Zeit auf dem Sitio, die gleich zur kleinen Ortserkundung genutzt wurde. So machten wir unsere erste Bekanntschaft mit dem Fluß, aber auch mit der absoluten Einfachheit. 
Danach war Begrüßungs- und Vorstellungsrunde angesagt. Hier müssen wieder einmal die dolmetscherischen Fähigkeiten von Ines hervorgehoben werden, denn es war gar nicht mal so leicht, gegen die völlig aufgekratzten Kids anzukommen. Und dennoch war es erstaunlich, wie offen die Kinder teilweise über ihre Situation erzählten. Die Runde wurde mit einem "Gordischen Knoten", einem Lied und einem kleinen Imbiß abgeschlossen und ging in gemeinsames Freizeitvergnügen über. Gegen 17.00 Uhr ging es zum ersten Mal zum Baden im Fluß, wobei sich die Deutschen zunächst noch ausklinkten. Doch beim Abendessen waren wieder alle vereint und ebenso beim ersten "Kulturaustausch" danach. Wir kamen jedoch kaum gegen die Energie der Brasilianer an, die sofort mit Trommeln anrückten. Die etwas ruhigeren vergnügten sich beim Dominospiel und nur das Lagerfeuer war aufgrund des plötzlich einsetzenden Regens ein Mißerfolg. 
Karin
Dienstag, 19.08.:
 Nach ruhig verbrachter Nacht (wider aller Erwartungen und Horrorvorstellungen von Vogelspinnen, Skorpionen und sonstigem Gelärch) begann der Tag sehr früh. Selbst wer länger schlafen wollte, hätte bei dem regen Treiben auf dem Sitio keine Chance gehabt. Irgendwann hatten sich dann alle im "Mensahaus" versammelt und nach dem Frühstück wurde in einer kurzen Besprechung eingeteilt, wer wie den Vormittag verbringen würde. Zur Auswahl standen Bohnen pflanzen, Fundament des alten/neuen Hauses freilegen, Schweine putzen, Küchendienst und Misthaufen verlegen. Wenngleich die Motivation der Kiddies bisweilen etwas zu wünschen übrig ließ, war bald viel geschafft. Erstaunlich , wieviel man bewerkstelligen kann, wenn man früh beginnt. So wurden wir dann noch mit etwas Freizeit vor dem Mittagessen belohnt. 
Für den Nachmittag war neben der Maniok-Ernte eigentlich hauptsächlich Fußball geplant. Da jedoch der Hausbau möglichst schnell beginnen sollte, hielten wir es für angebracht, noch weiter zu schuften, um dann um 16.30 Uhr völlig geplättet unser Flußbad zu nehmen. Anfangs waren zwar auch hier diverse Hemmschwellen (Furcht vor Flußspinnen, -schlangen, -skorpionen oder ähnlichem...) zu überschreiten, aber dann siegte auch hier das inzwischen vorhandene Gemeinschaftsgefühl zwischen Brasilianern und Deutschen. Dies ist wohl auch als Grund dafür zu sehen, daß es schon heute keiner Organisation mehr bedurfte, um nach dem Abendessen ein bunt gemischtes fröhliches Zusammensein mit Spiel, Gesang und "Übersetzungskursen" zu erreichen. 
Karin
Mittwoch, 20.08.:
Heute ist erst unser zweiter voller Tag auf Capim de Cheiro und wir fühlen uns hier fast schon wie zu Hause. Es ist verblüffend, wie gut man sich mit den Kindern und den Erziehern versteht, obwohl man nicht dieselbe Sprache spricht. Es macht viel Spaß, mit ihnen zu spielen und zu arbeiten, weil man sich dadurch immer besser kennenlernt. 
Heute morgen wurden wir wieder in verschiedene Gruppen eingeteilt, um am zusammengestürzten Haus weiterzuarbeiten, Bohnen zu sähen und Maniok zu schälen. Bei der Arbeit fällt uns immer auf, wie schwer es den Kindern fällt, sich darauf zu konzentrieren, weil sie es nicht gewohnt sind. Es ist ja auch nicht Sinn der Sache, sie zu überfordern, weil sie sich hier schließlich wohl fühlen sollen. 
Nach dem Mittagessen - es gab wie die letzten Tage Bohnen und Maniok - sind wir zu einer Maniokmühle gegangen, in der die Leute vom Sitio ihren Maniok selbst zu Mehl verarbeiten können. Es war sehr interessant, die altmodische Arbeitsweise kennenzulernen. Da die Geräte nicht gleich funktionieren wollten, hat uns der Mühlenbesitzer für den Abend noch einmal eingeladen. Wir mußten dann auch bald zurückgehen, um vor dem Dunkelwerden noch ein Bad im Fluß nehmen zu können. Es ist immer wieder erfrischend und macht viel Spaß, sich nach einem anstrengenden Tag im knietiefen Fluß zu waschen. 
Nach dem Abendessen sind wir dann also wieder zur Mühle gewandert. Dort haben wir uns alle um das Trockenbecken versammelt, in dem die Tabiokas, eine Art Fladen aus Maniokmehl, gebacken wurden. Am besten haben die Tabiokas mit Kokosraspeln geschmeckt. Es war total gemütlich. Ein paar von uns durften auf dem Traktor von Pedro wieder mit zurück zum Sitio fahren. 
Als die Kinder alle im Bett waren, hat sich unsere Gruppe noch vor unserer Hütte zusammengesetzt. Wir haben Lieder gesungen, und es war eine schöne, idyllische Atmosphäre. 
Kerstin und Maike
Donnerstag, 21.08.:
Heute vormittag wurde am Haus weitergebaut und am Gemüsebeet gearbeitet. Die Kinder bauen dort alles selber an: Salat, Bohnen, Paprika, Gurken, Karotten... Das Ereignis des Vormittags war der Streit zwischen einem Jungen und einem Mädchen der 5-Tage-Woche. Sie gingen mit Holzstöcken aufeinander los - man hat sich nicht getraut, dazwischenzugehen., bis die Erzieher kamen. Das Mädchen ist mit ihren Freundinnen daraufhin am selben Tag noch abgereist. Anscheinend hat sich das Verhältnis zwischen den Kindern in den letzten beiden Jahren ziemlich gebessert. Nach den Erzählungen der anderen waren solche Prügeleien vor 2 Jahren noch an der Tagesordnung. Wir hatten das Gefühl, daß sich die Kinder untereinander recht gut verstehen. 
Am Nachmittag kamen zwei Studentinnen aus Rio de Janeiro, die mit den Kindern für das morgige Folklorefest Zirkuseinlagen geübt haben. Es hat ihnen und uns auch sehr viel Spaß gemacht. Tonho hat sich Zeit genommen, um uns noch ein paar brasilianische Trommelrhythmen beizubringen. Wir fanden es toll, wie er zu jeder Gelegenheit versucht hat, uns die brasilianische Kultur näherzubringen. 
Nach dem Flußbad und dem Abendessen entfachten wir ein großes Lagerfeuer. Die Kinder haben getrommelt und uns ihre Tänze gezeigt. Jochen hat noch eine Feuerspuckeinlage gebracht, die vor allem die Kinder verblüfft hat. Unsere Singspiele kamen auch immer wieder super an. 
In solchen Momenten merkt man richtig, wie wohl sich die Kinder hier fühlen und wie gut es ihnen tut, für ein paar Tage das harte Leben auf der Straße vergessen zu können. 
Maike und Kerstin
Freitag, 22.08.:
Heute war es so weit - der große Folkloretag war herangekommen und damit leider auch die Abreise der 5-Tages-Kinder. Schon seit einer Woche liefen die Vorbereitungen und auch heute sollte der gesamte Vormittag damit verbracht werden, den Tag, in unserem Fall reduziert/konzentriert auf 1 Stunde, möglichst festlich zu gestalten. Doch auch heute war wieder einmal unsere Flexibilität gefragt und ein Teil der Gruppe wurde abgerufen zum Wasserrohre verlegen und zum Haus(weiter)bau. Der Rest der Gruppe machte sich jedoch mit Feuereifer daran, Girlanden zu basteln und den Versammlungs- (Fest-!!)platz mit Luftballons und Bildern zu schmücken. 
Und auch unsere brasilianischen Freunde waren nicht untätig. Sie überraschten uns mit einer Ausstellung ihrer gesammelten Werke, bestehend aus Bildern, Ton-, Kokosnuß- und Kürbisfiguren. Der Höhepunkt war jedoch sicherlich die "Folklorekuh" - ein menschgroßes Ungetüm aus Stoff und Pappmaché, das später, mit einem Kind als "Innenleben", für uns tanzen sollte. Doch bevor die Feier losging, traten die "Zirkusfrauen" noch einmal in Aktion, um die am Vortag einstudierten Akrobatiknummern wieder aufzufrischen. Das Ergebnis all dieser Vorbereitungen war ein wunderschönes Fest mit brasilianischen und deutschen Vorführungen und Showeinlagen, Gesang, Tänzen und vielen lachenden Gesichtern - kurz - der Abschluß einer ereignisreichen Woche, der all das in sich vereinigte, was wir an Wärme, Gemeinschaft, Kreativität und Freude erfahren hatten, und der uns sicher lange in Erinnerung bleiben wird. Am Ende des Festes stand die große Geschenkübergabe. Jeweils ein T-Shirt für alle Kinder und Betreuer, dazu Bonbons und Schokolade. Es ist schwer zu sagen, wer sich mehr freute - Beschenkte oder Schenkende. 
Umso trauriger war es dann, Abschied zu nehmen. Abschied zu nehmen von den 5-Tages-Kindern, die wir so in unsere Herzen geschlossen hatten, und von denen wir wußten, daß wir sie womöglich auf der Straße (leimschnüffelnd) wiedersehen würden. Doch wir sollten keine Zeit für traurige Gedanken haben, denn nun hieß es das Abendessen vorzubereiten. Essen von den Deutschen war angesagt und so bemühten wir uns, einen Nudelauflauf zu zaubern, der dann auch auf großen Anklang (und Hunger) stieß. Nach dem Abendessen wurde der Tag mit einem großem Lagerfeuer und Spielen abgerundet. 
Karin
Samstag, 23.08.:
Trotz nächtlicher Vogelspinnen- und Skorpionjagden, waren an diesem Morgen alle ausgeschlafen. Ein Kontrastprogramm sollte uns heute in den Mangue und zum Strand von Pitimbu führen. 
Nach einem hervorragenden Frühstücksbüffet ging die Reise los und wir kamen auch schon bald in einem Dorf nahe am Mangrovensumpf an. Wie uns Luis abends am Lagerfeuer in seiner Werwolf- und Geistergeschichte erzählt hatte, darf man im Sumpf nicht fluchen, sonst wird der Geist des Mangue böse und läßt die Menschen den Rückweg nicht mehr finden. Ein bißchen leise vor sich hingeflucht hat dann doch der eine oder andere, wenn er mal bis zu den Knien im Morast eingesunken ist. Der Geist der Mangue war uns aber wohl gesonnen und so kamen wir ohne Irrwege wieder an unserem Bus an. Zum Abschied sang eine alte Frau, die in dem Dorf lebt, noch ein Liedchen und wurde mit Gejohle von ihrer Familie aufgefordert, auch noch den Dance do bumbum dazu aufzuführen. 
Weiter ging's nach Pitimbu, wo wir ein herrliches Stück Strand fanden und uns am Wochenendstrandhaus einer brasilianischen Mittelstandsfamilie ein Mittagessen genehmigten. Danach luden die malerischen Sandsteinklippen zu ausgedehnten Spaziergängen ein. Die Rückfahrt verlief bis auf eine Polizeikontrolle problemlos. Abends gab es dann einen Capoeira-Workshop mit Tonho. Anschließend bestand Gelegenheit, die Mädchengruppe, die übers Wochenende in Capim de Cheiro war, kennenzulernen: Zuerst führten die Mädchen Tänze vor, danach war große Frage- und Antwortstunde am Lagerfeuer und die Mädchen erzählten von ihrer Arbeit auf der Straße, von ihrem Leben und ihren Hoffnungen und Erwartungen an die Zukunft. Wir erzählten ihnen von Deutschland und unserem Leben dort. Für uns selbstverständliche Dinge sind für sie größtenteils unvorstellbar. Das große Finale war die Präsentation aktueller deutscher Diskomusik. Bei Vollmond kühlten dann noch einige die verschwitzten Körper im Fluß. 
Andreas
Sonntag, 24.08.:
Am heutigen Sonntag machten wir - die deutsche Gruppe, Dudui, Luis und die Moradores - uns mit dem Mikroomnibus auf den Weg nach Joâo Pessoa, der Hauptstadt des Bundesstaates Paraiba. Nach einer kurzen Stadtrundfahrt unternahmen wir einen Rundgang durch die Altstadt. Dabei besichtigten wir ein Benediktinerkloster sowie eine alte Kirche. Beeindruckend waren die Dachkonstruktionen aus Holz, deren Bauweise einem Schiffsrumpf nachempfunden ist. Der Schiffbau war die einzige den Siedlern vertraute Technik, die es ermöglichte, eine Fläche solcher Größe zu überspannen. Anschließend nahmen wir an einer Führung durch das Franziskanerkloster teil und besichtigten dabei sowohl den historischen Teil als auch das angeschlossene Museum für moderne brasilianische Kunst. 
Nach dem Mittagessen fuhren wir an der Küste entlang zum östlichsten Punkt Amerikas, dem Capo Bianco. Nach einigen waghalsigen Wendemanövern und einigen Diskussionen über den Weg, wurden wir schließlich von einer Gruppe netter Motorradfahrer zur richtigen Landstraße geführt. Wir fuhren zügig zum Sitio zurück, da dort schon die Gruppe der "arbeitenden Mädchen" wartete, um zurück nach Recife gebracht zu werden. Nach einer kurzen Verabschiedung der Mädchen gingen wir alle zum Fluß, um uns sowie die Schuhe und Kleider des Vortages zu waschen. 
Nach dem anschließenden Abendessen war der Tag auch schon am Ende, da wir alle ziemlich müde waren. Damit ging eine Woche Sitio zu Ende. 
Es war eine wunderschöne Zeit und obwohl ich vor zwei Jahren schon einmal hier gewesen bin, war es eine Woche voller neuer Eindrücke und Kontakte. Im Vergleich zu vor zwei Jahren hat sich auch einiges verändert: Die von uns gegrabene Regenwasserzisterne funktioniert nun, die Landwirtschaft wurde intensiviert und durch einen kleinen Traktor vereinfacht. Das Essen war dieses Mal besser und es gab weniger Magenprobleme. Doch am allerwichtigsten finde ich die Feststellung, daß die Aggression und Gewaltbereitschaft der Kinder und Jugendlichen spürbar zurückgegangen sind. Man konnte sehen, daß die Kinder gerne auf dem Sitio wohnen und daß die Erzieher mit sehr viel Spaß und Engagement bei der Arbeit sind. 
So war dies der letzte Abend einer erlebnisreichen und rundum gelungenen Woche. 
Marc
Montag, 25.08.:
Da dies der Abfahrtstag vom Capim de Cheiro war, haben wir uns und die Moradores mit einem ausgiebigem Abschiedsfrühstück verwöhnt, welches mit vielen heimischen Früchten angereichert war. 
Anschließend wurden unsere Geschenke verteilt, ein Dankeschönbrief, ein Gutschein für einen Fernseher, den alle Brasilianer sehr hoch schätzten, und die Fußballshorts, eine Spende vom KSC. 
Da sich nun zwei farblich abgestimmte Mannschaften bilden konnten, fand die Ländermeisterschaft Brasilien - Deutschland statt. Als sich die beiden Mannschaften auf dem Fußballfeld aufgestellt hatten, wurden die Nationalhymnen gesungen. Man konnte sehr genau die Freude in den Augen der Kinder sehen, die Freude darüber, daß die Shorts jetzt öfter zum Spielen zur Verfügung stehen würden. 
Das Spiel wurde, wie nicht anders zu erwarten war, von den Brasilianern 4:3 gewonnen, wobei zu erwähnen ist, daß unsere Spieler sich gut gehalten haben, obwohl sie sich dem Sportstil angepaßt hatten und barfuß antraten. Ein Spieler (Marc!) konnte aufgrund von zwei daraus resultierenden großen Blasen zwei Tage lang kaum laufen. 
Danach folgte der eher traurige Teil, der Abschied von den Moradores und Luis, dem dort lebenden Erzieher. Nun war der erste schöne Teil unseres Workcamps vorbei, und alle waren neugierig, auch die andere Seite der Arbeit von Ruas e Praças kennenzulernen. 
Da uns einige Zeit blieb, bis wir in der Stadt erwartet wurden, nutzten wir diese, um an einen nahegelegenen Strand zu fahren. Dort konnten wir noch ausspannen; einige sind die Gegend auskundschaften gegangen, da es an diesem Strand bunte Sandsteinfelsen gibt, andere nutzten die Zeit, um mit den am Strand wohnenden Einheimischen ins Gespräch zu kommen. 
Abgeschlossen wurde dieser Kurzausflug mit einem Fischessen in einem rustikalen Strandlokal, wo wir dazu ermuntert wurden, die erste Tanzstunde mit Tonho zu genießen. 
Als wir in der Pousada angekommen sind, wurde noch der nächste Tag besprochen, welcher aus dem Grund wichtig war, da er der erste Straßenarbeitstag sein sollte. 
Zdena
Dienstag, 26.08.:
Heute Morgen stand ein Treffen mit den verschiedenen Gruppen, wie Ruas e Praças, Sobe e Desce, Educadores de Sto Amaro, Pe no Chao, Semente do Amanha und den Sprechern des Movimento an. 
Zuerst stellten sich die Erzieher vor, die wir noch nicht kennengelernt hatten und erzählten uns von ihren Gruppen und ihrer Arbeit auf der Straße und in den Familien. Nach dieser Vorstellungsrunde hörten wir etwas über die Entstehung und Geschichte der Straßenkinder: 
 
- Ihre Geschichte beginnt in der Kolonialzeit, sie stammen von den Sklaven ab, die nach Nordbrasilien verschleppt wurden und um die sich ihre Eltern nicht mehr kümmern konnten, weil sie soviel arbeiten mußten. Auch gab es viele Waisen, um die sich derzeit kirchliche Institutionen kümmerten. 
-1920 wurde das erste Waisenhaus gegründet und 
-1923 das erste Kindergericht für Minderjährige, die Kleinkriminalitäten begingen. Jedoch gab es einen Kodex, der nur die Kinder der Armen und nicht der Reichen bestrafte. 
- 1940 wurde die Gruppe der "kleinen Staßenzeitungsausträger" gegründet, die die arbeitenden Straßenkinder betreuten. 
-1948: Gründung der UNICEF und gleichzeitig ein Ausbildungszentrum für Ältere 
-1964 Entstehung der staatlichen und nichtstaatlichen Kinderpolitik:
staatl.: sie versuchen nur kleine Verbesserungen zu erreichen 
nichtstaatl.: sie gründen Gruppen und Initiativen für pädagogische Arbeit auf der Straße und in den Favelas  -1970-84 werden endlich größere Veränderungen erreicht, da viele Gruppen gegründet wurden und die nationale Sraßenkinderbewegung Kinderrechtsgesetze festlegte auf die sich jedes Gericht berufen könnte!!
-1990 Verabschiedung des Straßenkinderstatuts auf gesetzlicher Basis 
-Heute: Im Vergleich zu den ersten Straßenkindern, deren Eltern Sklaven waren, den ganzen Tag arbeiteten und die Kinder verwahrlosten, gibt es heute kaum Unterschiede, denn die Kinder gehen auf die Straße weil auch ihre Eltern den ganzen Tag arbeiten.
Diese geschichtliche Nachhilfestunde regte natürlich zu einer munteren Diskussion an und es tauchten auch viele Fragen an die Brasilianer auf, sowohl auf ihre Geschichte bezogen als auch auf ihre Arbeit, die Projekte und die Gefährlichkeit in den Favelas. 
Nach solch einem ausführlichen und interessanten Vormittag aßen wir im Movimento zu Mittag und läuteten nach einer Pause den deutschen Nachmittag ein, bei dem wir zuerst noch einmal die SoliJugend, sowie die AG Recife vorstellten, von unserer Arbeit und Bemühungen in Deutschland erzählten. Wir berichteten von der Finanzierung und der Geldbeschaffung auf verschiedenen Festen und bei Aktionen. Wir erzählten von Deutschland und Brasilien im Vergleich, z.B. im Größenvergleich und fragten die Brasilianer, was sie von Deutschland wissen. 
Anschließend berichtete uns Britta, was sie bei dem deutschen Straßenkinderprojekt "IGLU" gesehen und gelernt hatte. Nach weiteren interessanten Themen und Diskussionen beendeten wir diesen aufschlußreichen Tag und jeder konnte den Abend selbst verplanen, was einige für eine erste Stadtbesichtigung nutzten, viele aber auch gleich zur Pousada zurückkehrten und sich im Pool oder in der Hängematte entspannten. 
Susann
Mittwoch, 27.08.:
Vormittags fand eine Besprechung mit der Grupo Ruas e Praças statt, bei der die Gruppen für die Straßenarbeit eingeteilt wurden. 
Da uns noch etwas Zeit blieb, besichtigten wir noch das zentral in Recife liegende Casa da Cultura, ein ehemaliges Gefängnis, in dem heute traditionelle Kunst vorgestellt und auch verkauft wird. 
Nachmittags fuhren wir dann mit dem Erzieher Tonho zum Stadtteil "Boa Viagem", das Touristenviertel Recifes. Aus diesem Grund ist die Kluft zwischen Straßenkind und der Umgebung noch größer als anderswo. Ein Straßenmädchen führte uns zu einem Abbruchhaus, in dem ca. zehn Straßenkinder, aber meist Jugendliche wohnen. Als wir von ihnen in ihr "zu Hause" hereingebeten worden sind, saßen die Jugendlichen auf dem Boden und haben Leim geschnüffelt. Ein junges Mädchen hatte währenddessen ein kleines Kind im Arm, welches offensichtlich ihr eigenes war. Ein anderes Mädchen kochte in einer großen alten Büchse auf offenem Feuer Reis. Danach gingen wir vor das Haus auf die Straße, wo die Jungs Capoeira tanzten unter dem Gesang und Trommeln von Tonho. Sehr auffällig war, daß diese Szene wohl eher selten war, denn vorbeifahrende Autofahrer blieben oft kurz stehen um zuzuschauen. Andere reagierten anders, sie hupten und gaben zur gleichen Zeit Gas. 
Später sind wir in die Nähe von einem Touristenmarkt gegangen und haben auf Kinder gewartet, die an diesem Abend von Capim de Cheiro zurückkommen sollten. Da es sehr lange dauerte, packte Tonho zur Beschäftigung Papier und Filzstifte aus. Wir saßen auf dem Boden und haben gemalt und gefaltet, genauso wie es die Straßenkinder auch machen. Die Reaktionen der vorbeilaufenden Menschen war interessant: Ärmere Brasilianer lächelten und nickten bewundernd, reichere schauten weg und gingen vorbei oder blieben neugierig kurz stehen und schauten zu. Nach einiger Zeit war klar, daß es einen Organisationsfehler gab und die Kinder an diesem Tag woanders hingefahren wurden, und so fuhren wir müde zurück zur Pousada. 
Zdena
Donnerstag, 28.08.:
Den Vormittag verbrachte ich mit Britta und Karin bei Jocimar von Pé no chão ("Fuß auf dem Boden") im Stadtteil Encruzilhada. An einem ruhigen Plätzchen bauten wir einen bunten Pavillon auf. Nach und nach fanden sich auch einige Kinder ein, und so frischten wir mit Farben den "Capoeira-Kampfkreis" auf dem Boden auf. Die Atmosphäre war ruhig und entspannt, und unter den Kindern gab es keinerlei Aggressivität. Nach getaner Arbeit machten die Mädchen ein Hüpfspiel, und die Jungs, die auch beim Malen schon schwer zu motivieren waren, packten nach und nach ihre Leimflaschen aus. So war der Zeitpunkt gekommen, sich zurückzuziehen. 
Nachmittags waren wir mit Tonho in Boa Viagem, es waren aber kaum Kinder da, da in der Nähe gerade ein "Konkurrenzprojekt" zugange war. Ein anderer Teil unserer Gruppe erlebte aber in der "Kleinen Hölle", was wirklich Schlimmes im Leben der Kinder in der Favela passieren kann. 
 
"Kleine Hölle" - Zusatzbericht: Wir sind mit drei Erzieherinnen von Ruas e Praças zu einem Platz gegangen, der sich "die kleine Hölle" nennt (die Erzieher nennen ihn so!). Uns wurde erzählt, daß es für die Erzieher sehr schwer sei, mit den Kindern und Jugendlichen dort zu arbeiten, da es zu viele Drogen und Prostitution gibt. Und so kam es auch: Wir kamen in diese "kleinen Hölle" an, und die Kinder und Jugendlichen umgaben uns sofort, da sie uns begrüßen und unsere Namen wissen wollten. Was vielen von uns in diesem Moment schon aufgefallen war, war ein etwa 15-16 Jahre altes, hochschwangeres Mädchen, das an einem Pfeiler lehnte und Leim schnüffelte. 
Wir beschäftigten uns mit den Straßenkindern, malten mit ihnen und spielten Domino, als plötzlich ein Riesenchaos einsetzte und alle Kinder ihre Leimflaschen verschwinden ließen. Als wir uns dann umdrehten und in die Richtung schauten, in die auch die Blicke der Brasilianer gerichtet waren, sahen wir den Polizeikombi dann auch. Nach der Durchsuchung der meisten Jugendlichen nahmen sie zwei Jungs mit, einer davon, wie sich später herausstellte, war der Mann von dem schwangeren Mädchen. Er selbst war um die 17. 
Plötzlich hörten wir einen Schrei, und im selben Moment kam auch schon ein Stein geflogen, in Richtung Polizeiauto. Die Schwangere hatte ihn geworfen. Dann drohte sie von weitem mit einer Eisenstange, immer noch mit hysterischem Geschrei gegen die Polizisten gerichtet. Als dann eine Freundin von ihr dazwischenging, ließ sie die Stange fallen, nahm sich eine 5l-Glas-Flasche, zerschlug diese auf dem Steinboden und ging damit, immer noch hysterisch, auf die Polizisten los. 
Eine andere Freundin mischte sich ein und konnte sie beruhigen. Jetzt fing sie auch an, sich den Bauch zu halten und machte ein schmerzverzerrtes Gesicht. Als wir genauer in den Polizeikombi schauten, sahen wir, daß der eine der beiden Jungs abgehauen war. Als die Polizei eine Weile lang weg war, tauchte er plötzlich wieder lachend und sich freuend auf. 
Es war sehr erschreckend, den Alltag der Straßenkinder so mitzuerleben. Das traurige Ende war, daß nach 10 Minuten die Schwangere wieder zu ihrer Leimflasche griff und, mit einer Hand auf ihrem schwangeren Bauch, weiterschnüffelte. 
Zdena
Abends war dann noch Tanzstunde mit Tonho. 
Andreas
Freitag, 29.08.:
Der Freitag sollte nun das Wochenende einläuten und stand zur freien Verfügung. Dennoch fand eine kleine Gruppe nach der anstrengenden Woche in der Stadt genug Kraft, um eine spontane "alternative" Stadtrundfahrt zu unternehmen. Diese Stadtrundfahrt führte mit dem Bus ins Stadtzentrum von Recife und von dort sollte die Fahrt mit der "Metro", die entgegen ihrem Namen jedoch eine oberirdische S-Bahn ist, fortgesetzt werden. Schon der Fahrscheinkauf gestaltete sich aufgrund der Sprachbarriere schwierig, konnte aber doch vor allem durch die Pfiffigkeit der Brasilianer gelöst werden und so führte die Fahrt mitten durch die Favelas bis hin zum Busbahnhof von Recife.
Schockierend war vor allem der Blick aus dem Bahnfenster auf die erbärmlichen Holzhütten, die an den völlig verdreckten Flußarmen stehen und in denen auf engstem Raum meist sehr kinderreiche Familien wohnen. Später erklärte uns Ines, daß viele Straßenkinder aus eben solchen Gebieten stammen.
Das eigentliche Ziel, der Busbahnhof, an dem die Überlandbusse abfahren, war eher eine Enttäuschung, da er wesentlich kleiner als erwartet war und so einem europäischen Bahnhof gleicht. Allerdings erinnert er von der Organisation her mehr an einen kleine Flughafen, mit vielen privaten Busanbietern, ohne zentralen Fahrplan und mit Kontrollen vor den Bahnsteigen.
Interessanter war dann ein kurzer Spaziergang durch ein an den Busbahnhof angrenzendes Stück Regenwald. Faszinierend hier zu sehen, wie Pflanzen, die man aus Europa nur als Zierpflanzen kennt, mitten im Wald in einer unbeschreiblichen Vielfalt und Dichte wachsen. Besonders beeindruckend ist Bambus, der hier über 8 Meter hoch wächst und der, wenn er sich im Wind wiegt, gefährlich knarrt und knackst, so als ob in Kürze der ganze Bambusbusch in sich zusammenstürzt. Die Rückfahrt zur Pousada mußte auf dem gleichen Weg wie die Hinfahrt durchgeführt werden, da kein Bus direkt nach Olinda gefunden werden konnte. Nach einer individuell gestalteten Mittagspause besuchte wiederum ein Teil der Gruppe ein Projekt auf einer Müllhalde (ArteManha).
 
Dieses Projekt kann sicher zu den faszinierendsten gezählt werden. Nach einem Gespräch mit den zwei verantwortlichen Erzieherinnen am Vorabend war uns zunächst einmal jegliche Lust vergangen, die auf dem Müllberg lebenden "Rattenmenschen" zu "besichtigen". Was wir bisher an Armut und Elend gesehen hatten, schien sich dort auf unproportionale Weise konzentriert zu haben. Die Menschen dort leben vom Abfall der Gesellschaft und sehen sich oft selbst als solchen. Die Tatsache, daß gerade dieses absolute Elend eines der beliebtesten Photomotive der Touristen ist, die zu Hause die brasilianische Armut veranschaulichen wollen, schreckte umso mehr von einem Besuch des Projektes ab. Mit mulmigem Gefühl im Bauch machten sich dennoch einige auf den Weg zur Müllhalde am Rande von Olinda und was wir dort vorfanden, läßt sich kaum in Worte fassen. Inmitten des dreckigen Elends glänzt das Projekt "ArteManha" und unzählige Kinderaugen. Die beiden Erzieherinnen verdienen uneingeschränkte Hochachtung für das, was sie dort leisten. Nur mit Enthusiasmus und Idealismus nahmen sie im Mai ihre Arbeit auf und schufen so aus dem sozialen und finanziellen Nichts ein Projekt, das vom Leben enttäuschten Menschen ihr Selbstwertgefühl und Wertschätzung zurückgab. Mitten im Müll und aus dem Müll bauten sie ein Haus, das nunmehr zu einer hochfrequentierten Begegnungsstätte für die dort lebenden Kinder und Jugendlichen geworden ist. Hier wird gespielt, gebastelt, Müll "verwertet" und vor allem viel gelacht. Ganz offensichtlich ist hier ein Zentrum der Freude entstanden. Wir durften einen Nachmittag lang an dieser Freude Teil haben und halfen beim Bemalen der Hütte und des spärlichen Inventars. 
Martin und Karin
Zum Abschluß des Tages wurde ein Samba Openair besucht, auf dem unermüdlich getanzt wurde.
Cornelius
Samstag, 30.08.:
Auf den heutigen Tag haben wir uns schon lange gefreut: Nach einer Woche auf der Straße ein Strandgang zum relaxen. Wir sind mit zwei Sammeltaxis auf die Insel Itamaraca aufgebrochen. Bei dieser Gelegenheit haben wir Raffaels altes Haus besichtigt, das mitten im Wald an einem wunderschönen See liegt. Tonho tat es ziemlich leid, daß das Haus so zerfällt, weil die Grupo es gerne für ihr Projekt haben würde. 
Mit nur einem Sammeltaxi fuhren wir dann weiter zum Strand. Wir genossen Meer, Sonne und Aqua de Coco, andere typische Getränke durften natürlich auch nicht fehlen. Es tat ganz gut, sich auszuruhen und sich die Ereignisse der letzten Woche noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen. Es ist viel passiert und die teilweise für uns erschreckenden Bilder von den leimschnüffelnden Straßenkindern müssen erst noch verarbeitet werden. Trotz allem fanden wir die Straßenarbeit sehr interessant. das Durchhaltevermögen der Erzieher und die Offenheit der Kinder haben uns beeindruckt. 
Als wir wieder in der Pousada waren, verspürten wir alle großen Hunger. Also sind wir losgezogen, um etwas zu essen. Das beste Essen bekommt man eindeutig auf dem Hügel von Olinda, von dem man auch eine tolle Sicht auf ganz Recife hat. 
Maike und Kerstin
Sonntag, 31.08.:
Und auch heute sollten wir uns noch einmal erholen und neue Kräfte für die bevorstehende Woche sammeln. Gaibu war das Ziel unseres Ausfluges, ein malerischer Strand südlich von Recife. Doch schon kurz nach unserer Abfahrt aus der Pousada mit zwei Kombis zeichnete sich ab, was uns bevorstehen sollte - ein diesiger, verregneter Sonntag. Am Strand angekommen konnten wir unser landeskundliches Wissen um einen Fakt bereichern: Auch in Brasilien kann es wie aus Kannen gießen. Somit war wie so oft unsere Flexibilität gefragt und wie so oft überzeugten uns die Brasilianer mit ihrer offensichtlich unerschütterlichen guten Laune. Es dauerte nicht lange, bis wir uns wieder auf die südamerikanische Kultur eingelassen hatten und bei Fischsuppe und anderen Leckereien neue brasilianische Tänze und Lieder lernten. Mit der Zeit ließ auch der Regen nach und die Gruppe zerstreute sich. Das Meer stellte sich als warm genug heraus und die felsige Küstenlandschaft versetzte ein paar eifrige Wanderer in wahre Begeisterungsausbrüche. So wurde der Tag doch noch zu einem Erfolg und unser Brasilienbild war um einige landeskundliche Eindrücke reicher geworden. 
Karin
Montag, 01.09.:
In Deutschland kosten Briefe ab heute 1,10 DM und Postkarten 1,- DM. Es ist Antikriegstag mit Aktionen der Friedensbewegungen, u.a. in Karlsruhe auf dem Marktplatz gegen der Eurofighter 2000. Dieses Geld sollte besser in soziale Projekte wandern, statt dort Mittel zu streichen. Ich wäre gerne dabei, bei der Protestaktion! 
Wir in Brasilien hatten heute den Besuch des Projektes CEEP (Lernzentrum für Volksbildung) und den Besuch einer Fabrik zur Verarbeitung von Zuckerrohr auf dem Programm. 
Celina vom Projekt CEEP erzählte uns bei Cashew-Saft von der Geschichte, der Arbeit und den Problemen des Projektes. Das Projekt wurde gerade zehn Jahre alt. In einem bei Paudalha befindlichen Haus mit großem Grundstück lernen die Kinder den Umgang mit Pflanzen und richtiger Ernährung. 
In einer nahegelegenen projekteigenen Bäckerei kann das Bäckerhandwerk erlernt werden. Schräg gegenüber liegt die projekteigene Schule, in der die Kinder Schreiben und Lesen lernen. Am Wochenende können sie dort zum Beispiel Kinofilme sehen, Karate lernen u.ä. Das Projekt betreut die Kinder und Jugendlichen aus Paudalha und Umgebung. Anfangs waren es sechs Betreuer. Mittlerweile sind es nur noch vier. Einerseits liegt dies an finanziellen Schwierigkeiten des Projekts und andererseits an der Schwierigkeit, gutes Betreuerpersonal zu finden, da dieses Projekt doch sehr abgeschieden in einem Dorf liegt. 
Repressionen unter anderem durch einen Prozeß (Vorwurf: Das Projekt würde die Kinder ausbeuten durch Kinderarbeit) erschweren die Arbeit zusätzlich. 
Die Menschen der Gegend leben ausschließlich von den Zuckerrohrpflanzungen, sofern sie dort Arbeit bekommen. Die Großgrund-/Plantagenbesitzer üben starken Druck auf die Menschen aus, um ihre Plantagen, die aus der Kolonialzeit und der Militärdiktatur stammen, und ihre Macht zu behalten. Die Dörfer sind meistens auf zwei Familienklans verteilt, die die politische Macht innehaben. Parteineugründungen gibt es kaum, da die neue Konkurrenz mit Mordanschlägen rechnen muß. 
Die Plantagen sind in der Regel der fruchtbare Boden. Der weniger fruchtbare bleibt den Menschen zum Anbauen ihrer Lebensgrundlage. Eine Neu-/Umverteilung des Grundbesitzes gab es nach der Militärdiktatur nicht. 
Das Führungspersonal der Fabrik zur Verarbeitung von Zuckerrohr verwehrte uns den Einlaß, da wir kurze Hosen anhatten. Dies widerspricht der Kleiderordnung der Fabrikleitung/des Fabrikbesitzers. So mußten wir uns mit den 10 Geboten von Abraham Lincoln für die Kapitalisten, kapitalistische Parolen (vergleichbar mit den sozialistischen Parolen in den ehemaligen sogenannten sozialistischen Ländern) und dem bedrückendem Anblick der vielen Menschen, die vor der Fabrik auf Arbeit hoffend warteten zufrieden geben. 
Da wir Touristen/Westeuropäer in Brasilien von der Polizei/Militär doch recht zuvorkommend behandelt werden, gab mir das einen Eindruck der Realität für viele Menschen in Brasilien. Die Gruppe war sehr empört über diesen Vorfall. 
Jochen
Dienstag, 02.09.:
Am Dienstag stand der Besuch des Projektes Semente do Amanha sowie für eine kleine Gruppe ein Gespräch beim Konsul an. Am Nachmittag besuchte dann die eine Hälfte der Gruppe die Schule der jungen Arbeiter und die andere das Projekt von Matuto, der einige Jungs betreut, die in einer alten Fabrikhalle wohnen. 
Das Projekt Semente do Amanha, "Keim des Morgens", ist ein Stadtteilprojekt, das die Funktion eines Kinder- und Schülerhortes erfüllt. Beim Eintreffen der Gruppe nach einer langen und besonders schlaglochreichen Fahrt waren die Kinder gerade mit Malen beschäftigt. Die Kleineren saßen auf dem Boden und malten mit Fingerfarben, die Älteren fertigten z.T. schon richtige Kunstwerke. Schon bald jedoch wurden die Trommeln ausgepackt und die Capoeira- Künste präsentiert. Hier wurden jetzt vor allem die Jungs der deutschen Gruppe mit eingespannt, aber auch Ines, mit ihrer großen Brasilienerfahrung ließ es sich nicht nehmen, mit in den Kampftanz einzusteigen. Anschließend fand die schon obligatorisch gewordene Vorstellungsrunde statt, die meist langweilig ist, für die Brasilianer jedoch einen sehr hohen Stellenwert hat. Das Mittagessen bei der Gruppe fand leider unter Zeitdruck statt, um die kleine Delegation, die im deutschen Konsulat am Vormittag ein Gespräch hatte, nicht allzu lange warten zu lassen. 
 
Zusatzbericht "Konsul": 
Der Stellvertreter des Konsuls, Herr Grüner, hieß uns im Generalkonsulat herzlich willkommen. In einem kurzen Gespräch zeigte er sich sehr interessiert an unserem Projekt. Wir hatten die Möglichkeit, unsere Arbeit und ihre Fortschritte vorzustellen, Ideen und Anliegen vorzutragen und uns zugleich für die bisherige und auch weiterhin zugesicherte freundliche Unterstützung des Konsuls in vielerlei wichtigen Fragen und Problemen zu bedanken. 
Martin
Da sich beide Gruppenteile aufgrund einer falsch eingeschätzten Busfahrtzeit verpaßt hatten konnte sich nur vier Leute auf den Weg zur Schule der jungen Arbeiter machen. Währenddessen besuchte eine größere Gruppe das Projekt von Matuto: 
 
Am späten Nachmittag war ein Teil der Gruppe mit Matuto in der Innenstadt verabredet. Matuto arbeitete früher für Pé no Chao, und die Solidaritätsjugend Karlsruhe hat seit Beginn der deutsch-brasilianischen Beziehungen ständig Kontakt zu ihm. 
Wir liefen zuerst in die Richtung des alten Hafens. auf dem Weg erklärte Matuto, wie es zu seinem Engagement für die Jugendlichen gekommen war. Als er bei Pé no Chao ausstieg, um seinen Lebensunterhalt auf andere Weise zu verdienen, hatte er noch Kontakt zu einigen Jugendlichen gehalten. Diese hatten sich in einer alten Lagerhalle am Hafen niedergelassen, und sie werden dort geduldet bis die Halle einer neuen Metrolinie weichen muß. Dies wird spätestens im Jahr 1999 geschehen. Bis dahin haben die Jungen und Mädchen, insgesamt 9, ein Zuhause, und das macht es ihnen leichter, ihr Leben zu organisieren. So arbeiten die meisten, zum Beispiel an der Tankstelle oder als Verkäufer. Auf diese Weise können sie ein geregeltes Leben führen und haben Geld für das Nötigste. Die für eine feste Arbeit notwendigen Papiere wie Geburtsurkunde oder Personalausweis konnten die Jugendlichen durch die Unterstützung von Matuto bekommen. 
Als wir am Lagerhaus ankommen, werden wir sehr herzlich empfangen. Sofort führen die Jugendlichen uns durch ihre "Heimat". Einige haben sich aus alten Kartons, Matratzen und Stoffbahnen eine "Hütte" innerhalb des Hauses gebaut, mit Postern, Fotos und anderem Schmuck zum Kleinod gemacht. Die Halle ist so groß, daß man sogar darin Fußball spielen kann. Fußball in der Halle gehört zum Alltag, und manchmal werden auch andere Jugendliche zum Turnier eingeladen. Wenn die Jungen und Mädchen gerade nichts zu tun haben, dann produzieren sie einfachen Schmuck zum Verkauf. Man erzählt uns von Pelé und seiner Idee, wie die Jugendlichen Geld verdienen könnten. Er wollte eine Art Kantine für die Arbeiter der umliegenden Lagerhallen und Baustellen eröffnen. Mit Matutos Hilfe hatten sie schon Tische und Stühle gebaut, doch eines Tages kam die Polizei, und seitdem hat man Pelé nicht mehr gesehen. 
Man erzählt uns auch, daß nachts ca. 30 weitere Jugendliche in der Lagerhalle Sicherheit und ein Dach über dem Kopf suchen. Im Gegensatz zu den festen Bewohnern der Lagerhalle nehmen von diesen viele Drogen und führen ein ungeregeltes Leben. 
All diesen Jugendlichen versucht Matuto zu helfen. Ich persönlich fand es sehr beeindruckend, wie sich Matuto für diese Jugendlichen engagiert, ohne dafür Geld zu bekommen. Auch seine geleistete Arbeit finde ich sehr gut, da er einer der wenigen ist, die sich um ältere Jugendliche kümmern, und da er den Jugendlichen Hilfe zur Selbsthilfe gibt, sie dabei aber ihre Freiheit behalten. 
Marc
Nach einem Rundgang durch die Schule der jungen Arbeiter, bei dem die Klassen, aber vor allem die Werkstätten besichtigt wurden, wurde über die Arbeitsweise aufgeklärt. So können in der Schule der jungen Arbeiter Kinder aus den umliegenden Armenvierteln, aber auch Straßenkinder, die in keine öffentlichen Schule könnten, lernen. Begonnen wird mit Alphabetisierungsklassen und einfachen Stunden zu Kunst und Kultur. Wenn dann diese Alphabetisierungsklassen erfolgreich durchlaufen werden, kann in einer der schuleigenen Werkstätten eine Berufsausbildung angeschlossen werden. So sind Ausbildungsgänge mit praktischem und theoretischem Unterricht in den Bereichen Schlosser, Drucker, Elektriker und Elektroniker sowie demnächst eine rein praktische Ausbildung zum Schreiner möglich. Leider schaffen es nur sehr wenige Straßenkinder, die Schule der jungen Arbeiter bis zum Schluß zu durchlaufen, da hierfür über viele Jahre hinweg kontinuierlich gelernt werden muß, was für ein Straßenkind, das ständig der Gewalt und der Drogenproblematik auf der Straße ausgesetzt ist, ein riesiges Problem darstellt. 
Am Abend stand nach diesem anstrengendem Tag mit 2 Projekten für jeden kein weiteres Programm an. 
Cornelius
Mittwoch, 03.09.:
Es wurden zwei Kleingruppen gebildet. Die erste Gruppe ging in eine Favela in Olinda (Projekt Sobe e Desce) und anschließend auf das Müllbergprojekt ArteManha. Die zweite Gruppe ging zu Resurreição ("Wiederauferstehung"), ein Projekt, in dem Kinder neben Schreiben und Lesen auch Sticken und Tanzen lernen können. Zwischendurch besuchte die Gruppe zwei der Häuschen in der Favela, in der Kinder aus diesem Projekt wohnen. Nachmittags ging es in ein Stadtteilprojekt, in dem Tonhos Bruder arbeitet. Es wurden Tänze vorgeführt. 
Jochen
Donnerstag, 04.09.:
So sehr wir es verdrängt hatten, kam der Tag des Abschieds doch viel zu schnell. 
Schon sehr früh fuhr die erste Gruppe los, um einige Abschiedsgeschenke zu kaufen. Der andere Teil der Gruppe frühstückte gemütlich und stellte anschließend eine Checkliste für den heutigen Abend zusammen. Gegen halb elf trafen wir uns mit der Grupo Ruas e Praças im Movimento, wo wir ein Resümee über die drei Wochen Workcamp in Brasilien zogen: Die Woche auf Capim de Cheiro mit den Kids und die zwei Wochen Straßenarbeit in Recife bei den verschiedenen Gruppen. 
Die Auswertung brachte positive als auch negative Meinungen zutage, vor allem jedoch konstruktive Verbesserungsvorschläge von beiden Seiten. Auch hörten wir viel Positives von Seiten der Grupo in Bezug auf unsere Vorbereitung und unserer Verständigung ohne viel Portugiesischkenntnisse. Trotzdem wären zwei Übersetzer von Vorteil gewesen. 
Wir hörten noch einmal etwas über die Gesamtsituation in Brasilien, wie die Schichten getrennt sind, wer zur Mittel- und zur Unterschicht und wer zu den wirklich ganz Armen gehört. Diese sind heute nämlich noch viel ärmer als früher, weil es keine klaren Grenzen mehr gibt. Die Oberschicht hat an der Währungsreform nur verdient, die Kriminalität und die Drogen haben zugenommen. 
Später äußerten die Brasilianer den Wunsch, eine brasilianische Gruppe nach Deutschland zu schicken. Wir erklärten ihnen vor allem die finanziellen Probleme und die Schwierigkeit der Finanzierung dieses Projekts, versprachen aber in Deutschland darüber zu sprechen und eine Realisierung zu prüfen. Die Schwierigkeit liegt weniger in der Unterbringung der Brasilianer, sondern vor allem bei den Flugkosten, die sich beide Seiten nicht leisten können. 
Gegen zwölf Uhr dreißig aßen wir zum letzten Mal das Essen unserer brasilianischen Köchin und danach fuhr die Einkaufsgruppe los, um die Verköstigung unserer Abschiedsparty zu sichern, zu der wir alle Gruppen noch einmal eingeladen hatten. Eine andere Gruppe bereitete schon einige Dinge in der Pousada vor und nach einiger Hektik, Streß, viel Arbeit und einer Abkühlung im Pool empfingen wir gegen neunzehn Uhr die ersten Gäste. Nach und nach trudelten alle ein. Unser Buffet war ein voller Erfolg und Bartosz wurde Barkeeper des Abends. Nach dem offiziellen Teil mit Dankeschön und kleinen Geschenken wurde es ein toller Abend mit viel brasilianischer und etwas deutscher Musik. Diesen tollen Abend wird so schnell keiner von uns vergessen und jeder sehnt sich schon jetzt wieder nach Brasilien und unseren brasilianischen Freunden. 
Susann
Freitag/Samstag, 05./06.09.:
Nach der ausgiebigen Abschlußfeier hatten wir heute einmal die Gelegenheit auszuschlafen. 
Nach dem letzten brasilianischen Frühstück brach allgemeine Geschäftigkeit aus. An allen Orten wurde gepackt, gerechnet und schnell noch einige Postkarten auf den langen Weg über den Atlantik geschickt, den wir heute noch vor uns hatten. 
Noch ein letztes Bad, ein Imbiß und dann -bereits viele Stunden vor Abflug, damit uns nicht das gleiche Schicksal ereilen konnte, wie die Gruppe vor zwei Jahren, die vier weitere Tage in Recife bleiben mußte (zwar wäre uns allen dieser Umstand recht gewesen; und doch: Die Verpflichtungen des Alltags riefen bereits)- die Fahrt zum Flughafen. 
Da uns trotz einstündiger Fahrtzeit noch rund drei Stunden bis zum Abflug blieben, vertrieben wir uns noch die Zeit mit unseren brasilianischen Freunden. 
Der Abschied fiel uns allen letztlich schwer. Ein "vale !" war nur selten zu hören, vielmehr ein "ciao !" als ein letzter ehrlich gemeinter Gruß an unsere Freude, von denen uns die Sprache - mehr nicht - trennt. "Ciao !" als Zeichen dafür, daß wir vieles mit uns nehmen würden, als Zeichen des Dankes für drei Wochen, die vieles klarer werden ließen, die neue Ansichten über den eigenen Tellerrand hinaus ermöglichten und viele andere relativierten - und als Zeichen dafür, daß viele von uns mit Gewißheit wiederkommen werden. 
Der Rückflug war lang. Zumindest schien der Flug in der Nacht lang. Morgens um fünf nach acht Ortszeit setzte unsere Maschine in Frankfurt/Main auf. Eine lange Reise ging zu Ende, deren Eindrücke wohl vielen von uns im Gedächtnis bleiben werden. Sollte es uns vielleicht gelingen, durch unsere Erzählungen andere Menschen für die Problematik der Straßenkinder in Brasilien zu interessieren, darüber hinaus nicht die Probleme im eigenen Land und auf dem eigenen Kontinent zu vergessen - also die uns erfahrene Sensibilisierung auch auf unseren Alltag zu übertragen, ohne den Aspekt aus den Augen zu verlieren, daß Kontinuität in unserer Unterstützung in Brasilien wesentlich für die Arbeit der Erzieher in Recife ist, so glaube ich behaupten zu dürfen, daß unser Aufenthalt ein voller Erfolg war. 
Bartosz

Bericht über das Nachtreffen am 25./26.10. 1997 in Karlsruhe
Genau sieben Wochen nach unserer Rückkehr nach Deutschland stand endlich das lang ersehnte Nachtreffen an. Die Freude über das Wiedersehen war groß und die gegenseitige Begrüßung erfolgte mit brasilianischer Herzlichkeit. Neben großem "Hallo", privaten Gesprächen und dem Austausch von Photos, hatten wir uns auch einige "ernsthafte" Tagesordnungspunkte vorgenommen. 
Zunächst stand die Frage im Vordergrund, wie denn die vergangenen Wochen verlaufen seien und wieviel der brasilianischen Erlebnisse und Lebenshaltungen in unserer deutschen Wirklichkeit Einzug gehalten hätten. Einigkeit herrschte darüber, daß uns alle der deutsche Alltag mit all seiner Normalität wieder eingeholt hat. Und dennoch war sich dabei jeder sicher, daß sich ein kleines Stück dieser Wirklichkeit verändert hat, daß sich unser Wahrnehmungshorizont vergrößert hat. Dieses neue "Er-Leben" bewerteten wir als sehr positiv, in der Sicherheit, in diesen drei Wochen Brasilien etwas ganz besonders Schönes und Wichtiges miterlebt und mitgenommen zu haben. 
Aus diesem Stimmungsbild heraus verfassten wir dann einen Brief an die einzelnen Gruppen. Ines war hier einmal mehr für den Übersetzungspart zuständig (Danke!!!). Diesem Brief wurden dann alle wichtigen Photos beigelegt, sozusagen als Erinnerung und kleines Dankeschön für /an alle Gruppen. In dem nun folgenden Auswertungsgespräch ergab sich für die Teilnehmer der Maßnahme folgende Bewertung: 

1. Die Gruppe: 
Die diesjährige Gruppe wurde von allen als homogen und angenehm empfunden. Gelegentlich auftretende Diskrepanzen, die vor allem auf unterschiedlichen Erwartungshaltungen einzelner Teilnehmer beruhten, wurden innerhalb der Gruppe ausdiskutiert und weitestgehend beigelegt. Die brasilianische Seite äußerte sich vor allem positiv über die Flexibilität, das große Interesse sowie die Offenheit der deutschen Gruppe. Das gute Verhältnis der beiden Gruppen zueinander und das im Laufe der Begegnung entstandene Gemeinschaftsgefühl kam vor allem im Abschlußabend und (für die Deutsche Gruppe) beim Nachtreffen zum Ausdruck. 

2. Die Unterkunft: 
Die schon 1996 in Anspruch genommene Pousada überzeugte auch diese Jahr mit all ihren Vorteilen. Das Problem der zu teuren zusätzlichen Mahlzeiten konnte dieses Jahr behoben werden. Eine gute Bekannte eines Mitgliedes der Partnergruppe hatte sich bereiterklärt gegen einen relative geringen Aufpreis uns täglich eine warme Mahlzeit in die Pousada zu liefern. Dies entlastete nicht nur das Gruppenbudget, sondern brachte auch Erleichterungen und Zeitersparnisse innerhalb des Programmablaufs. Eine ähnliche Handhabung wird daher auch für das nächste Jahr empfohlen. 

3. Das Team: 
Das Team bestand aus Martin, Mitglied der Bundesjugendleitung der Soli-Jugend, Ines, Ex-Praktikantin im Partnerprojekt und Übersetzerin im Vorjahr und Marc, Teilnehmer der Maßnahme 1995 und engagiertes Mitglied der AG Recife. Wir hatten die Bereiche Finanzen (Marc), Vertretung der Solidaritätsjugend und Organisation (Martin) und Übersetzung (Ines) untereinander aufgeteilt. Es fanden regelmäßige feste Teambesprechungen statt und die Zusammenarbeit war produktiv. Die Aufteilung erwies sich als ausgesprochen hilfreich (vor allem die Abtrennung des finanziellen Bereiches), eine zusätzliche Dolmetscherin würde die Arbeit vor allem im organisatorischen Bereich jedoch erheblich erleichtern. 

4. Kommunikation: 
Durch die Übersetzung konnten alle Programmpunkte verstanden werden. Der deutsche Erzieher, der im Vorjahr die Übersetzungstätigkeit unterstützen konnte, fehlte in diesem Jahr. Besonders fiel dies auf, als sich die Gruppe für die einzelnen Projekte aufteilte. Ines konnte natürlich immer nur bei einem Projekt wirken. Wie bereits erwähnt, wäre ein weiterer Dolmetscher empfehlenswert, zumindest für einzelne Tage der Begegnung (v.a. Projekttage). Von Anfang an zeigten sich die TN interessiert an Möglichkeiten der nonverbalen Verständigung und am Erlernen verschiedener portugiesischer Wörter und Redewendungen. Hierdurch konnten auch persönliche Kontakte geknüpft werden. Einmal mehr war die Sprache insgesamt Mittel (wenn auch ein unverzichtbares), aber nicht Voraussetzung für die Verständigung. 

5. Programm: 
Die bewährte Mischung aus sozialpolitischen Einblicken, gemeinsamen Arbeiten, dem Zusammenleben mit den Straßenkindern und touristischen Anreizen stellte alle vollauf zufrieden. Die Zeit auf dem Sitio wurde als besonders schön und intensiv erlebt, die Vielfalt des Programms fand großen Anklang. 

Gruppen, Kleingruppen und persönliche Unternehmungen wechselten sich ab. Die Dauer von drei Wochen war angemessen und auf keinen Fall zu wenig. Die Sitio-Woche wurde allgemein als zu kurz empfunden und es bleibt zu überlegen, diese zu verlängern oder dort einen weiteren, kürzeren Aufenthalt einzuplanen. 

Bezüglich der vielen Projekttage wurden kritische Stimmen laut. Viele TN fühlten sich überfordert. Schon zwei Projekte am Tag kennenzulernen ist viel, bei mehr als zwei Projekten ist die Aufnahmefähigkeit weitestgehend ausgereizt. Eine bessere Verteilung der verschiedenen Projekte auf mehrere Tage wäre hier empfehlenswert. 

Das Abschiedsfest, das die deutsche Gruppe in der Pousada für die neugewonnenen brasilianischen Freundinnen und Freunde aus den Projekten organisierte, war ein voller Erfolg. Ganz offensichtlich ist es eine sehr gute Idee, sich durch ein solches Fest bei den Erzieherinnen und Erziehern für ihre Mühe zu bedanken. 

6. Das Partnerprojekt Ruas é Praças: 
Es gab dieses Jahr kein richtiges gemeinsames Workcamp-Werk, dafür eine Vielzahl kleinerer Werke. So halfen wir bei der Erstellung des Fundaments eines neuen Hauses, verlegten Wasserrohre und beteiligten uns darüber hinaus an all den täglich anfallenden Arbeiten auf dem Sitio. Die Gruppe integrierte sich und wurde integriert. Die Zusammenarbeit klappte hervorragend. Trotz der oft nicht wenig anstrengenden Arbeit und eines relativ hohen Arbeitsanteils im Tagesablauf murrte niemand und es blieb dennoch Zeit zum Kennenlernen und zu Gesprächen, aber auch zum Basteln Spielen und Spaßen. 

7. Interkulturelles: 
Durch die vielen gemeinsamen Unternehmungen wurde ein reges Miteinander ermöglicht. Musik liegt in Brasilien immer und überall in der Luft und wir Deutschen können da nicht immer mithalten. Es bleibt, die Empfehlung zu wiederholen, darauf vorbereitet zu sein. Wir hatten diesmal zwar eine Gitarre und konnten auch das eine oder andere Lied vortragen, doch davon kann man nie genug präsentieren! - Macht übrigens Laune! 

Die Empfehlung des Vorjahres aufgreifend, konnten wir uns dieses Jahr schon auf den Vorbereitungstreffen Material erarbeiten und Themen und Probleme zur sozialpolitischen Lage Deutschlands anschneiden. Die Präsentation (u.a. Photos aus dem deutschen Alltag, Zeitungsbilder, wie groß ist Deutschland im Vergleich zu Brasilien etc.) erwies sich als hilfreich und wurde von den brasilianischen Erziehern mit großem Interesse aufgenommen. In diese Richtung könnte trotzdem noch einiges mehr erarbeitet werden. In jedem Fall zeigte sich hier, daß die Vortreffen nicht nur dem gegenseitigen Kennenlernen dienen, sondern durchaus auch sinnvolle Arbeitsschwerpunkte zur Vorbereitung beinhalten können und sollen. 

Erst am Sonntagnachmittag nahmen wir schweren Herzens voneinander Abschied. Bis zuletzt reflektierten wir und werteten aus. Am Ende waren sich alle einig: Diese Maßnahme und die AG-Recife (in Zusammenarbeit mit der SoliJugend), das ist was ganz Wichtiges und Großes! 

Martin
Reisebericht des
Workcamps 1998
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