Workcamp mit Jugendbegegnung
1997
Reisebericht des Workcamps mit Jugendbegegnung
in Recife / Brasilien vom 16. August - 6. September 1997:
"O mundo parca que nâo gira somos todos iguais sou tudo
que tenho para doar me. Quero um mundo novo onde pessoas, bichos e coisas
esistam por que amam e entendam o sentido da vida!"
Die Welt scheint sich nicht zu drehen - wir alle sind gleich - ich
bin alles, was ich zu geben habe. Ich will eine neue Welt in der Menschen,
Tiere und Dinge leben, weil sie lieben und den Sinn des Lebens verstehen!
Aussage eines Straßenkindes.
Programm
| 16.8. Ankunft in Recife |
|
Fahrt zu unserer Unterkunft in Olinda |
| 17.8.
|
vormittags
|
Treffen mit ErzieherInnen von Ruas e Praças,
Capim
de Cheiro und Sobe e Desce
Vorstellungsrunde und Kennenlernen
Überblick über die Projekte und ihre Ziele
Vorstellung der deutschen Gruppe |
|
nachmittags |
Erkundung Olindas |
| 18.8. Abfahrt für
die Woche auf dem Hof Capim de Cheiro |
|
Informations- und Kennenlerngespräch mit dem Team
dort
Programmübersicht und Tagesablauf
abendlicher "Kulturaustausch" |
| 19.8. |
vormittags |
Hausbau, Bohnen pflanzen, Schweine putzen (Mitarbeit) |
|
nachmittags |
Hausbau, Maniok-Ernte (Mitarbeit), Fußballworkshop |
| 20.8 |
vormittags |
Hausbau, Bohnen pflanzen, Maniok-Ernte (Mitarbeit) |
|
nachmittags |
Besuch einer Maniok-Mühle |
| 21.8. |
vormittags |
Hausbau, Gemüsebeet (Mitarbeit) |
|
nachmittags |
Zirkus- und Percussion-Workshop |
| 22.8. |
vormittags |
Hausbau, Wasserrohre verlegen (Mitarbeit)
Vorbereitung des Folklorefestes |
|
nachmittags |
Folklorefest |
|
abends |
Abschlußabend mit "deutschem" Essen,
Lagerfeuer, Spiele |
| 23.8. |
|
gemeinsamer Ausflug (Straßenkinder,
ErzieherInnen, deutsche Gruppe) in die Mangrove-Sümpfe und an den
Strand von Pitimbu |
|
abends |
Gesprächsrunde mit der Gruppe "arbeitender Mädchen",
Lagerfeuer |
| 24.8. |
|
gemeinsamer Ausflug nach Joâo Pessoa |
| 25.8. |
vormittags |
"Ländermeisterschaft" im Fußball: Brasilien
- Deutschland
Abschied von Capim de Cheiro |
|
nachmittags |
Strandausflug nach Pitimbu, Tanzworkshop |
|
abends |
Rückkehr nach Olinda, Besprechung und Einteilung
der Projektbesuche |
26.8.
|
|
Treffen mit verschiedenen Gruppen im Movimento,
Recife:
Informationen zu Entstehung und Geschichte der Straßenkinderbewegung
Vorstellung der Arbeit der AG Recife und der SoliJugend
Deutschland und die Deutschen - ein Spiel der Vorstellungen
Referat über das Straßenkinderprojekt "Iglu"
in Karlsruhe |
| 27. 8. |
vormittags |
Besprechung bei Ruas e Praças, Einteilung
der Kleingruppen für die Projektarbeit
Besuch des Casa da Cultura |
|
nachmittags |
Straßenarbeit (in Kleingruppen) |
|
abends |
Erfahrungsaustausch |
| 28.8 |
ganztägig |
Straßenarbeit, Besuch verschiedener Projekte in
Kleingruppen |
|
abends |
Tanzworkshop |
| 29.8. |
vormittags |
zur freien Verfügung, alternative Stadtrundfahrt |
|
nachmittags |
Besuch des Projektes ArteManha |
| 30.8. |
|
Ausflug nach Itamaraca |
| 31.8 |
|
Ausflug nach Gaibu |
| 1.9. |
vormittags |
Besuch beim Projekt CEEP (Lernzentrum für Volksbildung)
mit projekteigener Bäckerei und Schule |
|
nachmittags |
Besuch einer Zuckerrohrfabrik (Einlaß trotz vereinbarten
Termins verweigert) |
| 2.9. |
vormittags |
Besuch des Projektes Semente do Amanha, Empfang
im deutschen Generalkonsulat |
|
nachmittags |
Besuch der Schule der jungen Arbeiter, Besuch von Matutos
Projekt |
| 3.9 |
vormittags |
Besuch der Projekte Sobe e Desce und Resurreição |
|
nachmittags |
Besuch der Projekte ArteManha und Educadores
de Sto Amaro |
| 4.9 |
vormittags |
Rückblick und Auswertungsgespräch im Movimento |
|
nachmittag |
Vorbereitung des Abschiedsfestes |
|
abends |
Abschiedsfest in unserer Pousada |
| 5.9. |
|
Abreisetag |
| 6.9. |
|
Landung in Frankfurt, schmerzliche Trennung |
Vorbemerkung
Die diesjährige Brasilienbegegnung war bereits die
fünfte dieser Art und auch dieses Jahr fand der bewährte Programmvorschlag
unserer Partnergruppe Ruas e Praças (eine Woche Workcamp außerhalb
und zwei Wochen "Stadt" mit gemischtem Programm) bei allen Anklang.
Der Teilnehmerbeitrag betrug wieder DM 1000,-, dank der
Förderung durch das BMFJ und die Stadt Karlsruhe. Allerdings wurden
auch wieder die entstehenden Impfkosten von allen privat getragen. Die
Unterkunft von 1996, ein günstiges und freundliches Hotel im Stadtkern
von Olinda, hat sich bewährt und wurde daher auch diese Jahr in Anspruch
genommen.
Die 14 TeilnehmerInnen waren teilweise bereits "begegnungserfahren":
Einige waren schon mehrmals mit der SoliJugend Karlsruhe-Hohenwettersbach
international unterwegs gewesen, fünf TN hatten bereits 1995 beziehungsweise
1996 an der "Brasilien-Begegnung" teilgenommen.
Bei zwei Vorbereitungstreffen konnten sich die TN kennenlernen.
Hierbei gab es ausführliche technische und organisatorische Reiseinformationen,
Erfahrungsberichte von TN aus dem letzten Jahr und eine Videovorführung.
Das große Interesse der TN an der sozialen Arbeit mit den Straßenkindern,
an der noch unbekannten brasilianischen Kultur und den tiefgreifenden sozialen
Problemen dort wurde so noch gesteigert.
Nachdem sich das Reisetagebuch als Form des Berichts
im Vorjahr bewährt hat, einigten wir uns im Vorfeld auch dieses Jahr
wieder darauf, ein solches zu erstellen. Aus diesem Grundfolgt der Gesamtbericht
keinem einheitlichen Stil, gewinnt aber gerade dadurch an Bedeutung, daß
hier unterschiedliche Impressionen zum Ausdruck kommen.
| Samstag, 16.8. (Anreisetag): |
|
11.45 Uhr Abflug in Frankfurt, zuvor Anreise mit Bahn und
Auto. Wir waren alle pünktlich am Flughafen, so daß diese Aufgabe
schon einmal gemeistert war.
Nach einem reibungslosen Flug wurden wir in Recife herzlich
von unseren brasilianischen Freunden in Empfang genommen. Mit zwei VW-Bussen,
voll mit Gepäck und Passagieren, fuhren wir nach Olinda in unsere
"pousada" (Unterkunft). Wir unterbrachen unsere Fahrt kurz, um an
einem Straßenrand Kokosmilch aus unreifen Kokosnüssen zu trinken
und anschließend die Kokoshaut auszukratzen. Sie erinnerten nicht
an die in Deutschland erhältlichen Kokosnüsse, die Milch war
wenig süß und die Haut "schlabberig".
Zum ersten Mal erlebte ich auch, wie in wenigen Minuten
der Tag zur Nacht werden kann.
Abends gingen wir in Olinda in ein Straßenrestaurant,
um unseren Hunger zu stillen. Dort machten manche von uns die erste Bekanntschaft
mit einem Straßenjungen. Er nahm unsere Reste und aß mit anderen
Straßenkindern davon. Die Teller brachte er wieder zurück.
Der Tag endete für uns nach brasilianischer Zeit
früh (nach deutscher sehr spät), da wir alle einen langen Tag
hinter uns hatten.
Susanne
Nach dem Frühstück kamen Erzieher aus dem Projekt
Ruas
e Praças, Capim de Cheiro und dem Projekt Sobe e Desce
aus Olinda in die pousada, um sich und die Projekte vorzustellen.
Ganz wichtig für sie war die Geschichte und Entwicklung der Straßenkinderbewegung
und die Entstehung der Projekte. Interessant für mich war, daß
das Projekt Ruas e Praças nach der Einfrierung staatlicher
Projekte entstand. Drei Erzieher aus den staatlichen Projekten führten
ihre Arbeit auf der Straße ohne Lohn und finanzielle Mittel weiter.
Die Straßenkinder sammelten ihre eigenen Materialien im Müll
und horteten sie in einem Kanalrohr. Wir erfuhren sehr viele Details über
die Projekte, die uns natürlich neugierig und wißbegierig machten.
Vor zwei Jahren fand das 10-jährige Jubiläum
der Straßenkinderbewegung statt, an dem die Kinder 16 für die
Entwicklung wichtige Ereignisse aufmalten und diese zu einem großen
Stoffbanner zusammennähten. Mittlerweile gibt es auch schon Postkarten
mit diesen Bildern zu kaufen.
Auf der anderen Seite versuchten wir, Deutschland auf
typisch deutschen Photos darzustellen, die Cornelius aufgenommen hatte.
Er erklärte hierzu, daß es nichteinfach war, etwas "typisch
deutsches" zu photographieren.
Nach einem phantastischen Essen brasilianischer Art fuhren
wir mit einem öffentlichen Bus an einen nahegelegenen Strand. Leider
fing es an zu regnen, so daß wir unseren Ausflug abkürzen mußten.
Abends erklommen wir den Hügel von Olinda, um von
dort aus den Blick auf Olinda und Recife zu genießen. Die Brasilianer
verblüfften uns mit ihrem Einfallsreichtum und ihrer immerzu freundlichen
Art.
Susanne
Nach etwas verspäteter Abfahrt - bedingt durch diverse
Geldwechselaktionen - kamen wir gegen 13.00 Uhr auf dem Sitio an. Kaum
waren die Hütten in Sichtweite, als unser Bus auch schon von brasilianischen
Kiddies bevölkert war. Als wir dann ausstiegen, war die freudige Begrüßung
nicht mehr zu bändigen. Die Überschwenglichkeit, die zunächst
noch auf gewisse Verlegenheit unserer Gruppe stieß, bewirkte bald,
daß jeder von uns ein Kind an der Hand hatte. Ruckzuck waren unsere
Gepäckstücke in die Zimmer befördert. Hier - großes
Erstaunen über die Größe und Einrichtung der beiden Räume,
denn die Berichte derer, die schon einmal auf dem Sitio gewesen waren,
hatte uns auf wesentlich anderes vorbereitet. Nach kurzem Einrichten gab's
Kokosnüsse für alle und dann Essen. Vor allem das Spülen
erwies sich als etwas gewöhnungsbedürftig. Doch auch hier berichteten
und die "alten Hasen" von wesentlich schlechteren Bedingungen, denn immerhin
gibt es jetzt fließend Wasser. Nach dem Essen unsere erste freie
Zeit auf dem Sitio, die gleich zur kleinen Ortserkundung genutzt wurde.
So machten wir unsere erste Bekanntschaft mit dem Fluß, aber auch
mit der absoluten Einfachheit.
Danach war Begrüßungs- und Vorstellungsrunde
angesagt. Hier müssen wieder einmal die dolmetscherischen Fähigkeiten
von Ines hervorgehoben werden, denn es war gar nicht mal so leicht, gegen
die völlig aufgekratzten Kids anzukommen. Und dennoch war es erstaunlich,
wie offen die Kinder teilweise über ihre Situation erzählten.
Die Runde wurde mit einem "Gordischen Knoten", einem Lied und einem kleinen
Imbiß abgeschlossen und ging in gemeinsames Freizeitvergnügen
über. Gegen 17.00 Uhr ging es zum ersten Mal zum Baden im Fluß,
wobei sich die Deutschen zunächst noch ausklinkten. Doch beim Abendessen
waren wieder alle vereint und ebenso beim ersten "Kulturaustausch" danach.
Wir kamen jedoch kaum gegen die Energie der Brasilianer an, die sofort
mit Trommeln anrückten. Die etwas ruhigeren vergnügten sich beim
Dominospiel und nur das Lagerfeuer war aufgrund des plötzlich einsetzenden
Regens ein Mißerfolg.
Karin
Nach ruhig verbrachter Nacht (wider aller Erwartungen
und Horrorvorstellungen von Vogelspinnen, Skorpionen und sonstigem Gelärch)
begann der Tag sehr früh. Selbst wer länger schlafen wollte,
hätte bei dem regen Treiben auf dem Sitio keine Chance gehabt. Irgendwann
hatten sich dann alle im "Mensahaus" versammelt und nach dem Frühstück
wurde in einer kurzen Besprechung eingeteilt, wer wie den Vormittag verbringen
würde. Zur Auswahl standen Bohnen pflanzen, Fundament des alten/neuen
Hauses freilegen, Schweine putzen, Küchendienst und Misthaufen verlegen.
Wenngleich die Motivation der Kiddies bisweilen etwas zu wünschen
übrig ließ, war bald viel geschafft. Erstaunlich , wieviel man
bewerkstelligen kann, wenn man früh beginnt. So wurden wir dann noch
mit etwas Freizeit vor dem Mittagessen belohnt.
Für den Nachmittag war neben der Maniok-Ernte eigentlich
hauptsächlich Fußball geplant. Da jedoch der Hausbau möglichst
schnell beginnen sollte, hielten wir es für angebracht, noch weiter
zu schuften, um dann um 16.30 Uhr völlig geplättet unser Flußbad
zu nehmen. Anfangs waren zwar auch hier diverse Hemmschwellen (Furcht vor
Flußspinnen, -schlangen, -skorpionen oder ähnlichem...) zu überschreiten,
aber dann siegte auch hier das inzwischen vorhandene Gemeinschaftsgefühl
zwischen Brasilianern und Deutschen. Dies ist wohl auch als Grund dafür
zu sehen, daß es schon heute keiner Organisation mehr bedurfte, um
nach dem Abendessen ein bunt gemischtes fröhliches Zusammensein mit
Spiel, Gesang und "Übersetzungskursen" zu erreichen.
Karin
Heute ist erst unser zweiter voller Tag auf Capim de Cheiro
und wir fühlen uns hier fast schon wie zu Hause. Es ist verblüffend,
wie gut man sich mit den Kindern und den Erziehern versteht, obwohl man
nicht dieselbe Sprache spricht. Es macht viel Spaß, mit ihnen zu
spielen und zu arbeiten, weil man sich dadurch immer besser kennenlernt.
Heute morgen wurden wir wieder in verschiedene Gruppen
eingeteilt, um am zusammengestürzten Haus weiterzuarbeiten, Bohnen
zu sähen und Maniok zu schälen. Bei der Arbeit fällt uns
immer auf, wie schwer es den Kindern fällt, sich darauf zu konzentrieren,
weil sie es nicht gewohnt sind. Es ist ja auch nicht Sinn der Sache, sie
zu überfordern, weil sie sich hier schließlich wohl fühlen
sollen.
Nach dem Mittagessen - es gab wie die letzten Tage Bohnen
und Maniok - sind wir zu einer Maniokmühle gegangen, in der die Leute
vom Sitio ihren Maniok selbst zu Mehl verarbeiten können. Es war sehr
interessant, die altmodische Arbeitsweise kennenzulernen. Da die Geräte
nicht gleich funktionieren wollten, hat uns der Mühlenbesitzer für
den Abend noch einmal eingeladen. Wir mußten dann auch bald zurückgehen,
um vor dem Dunkelwerden noch ein Bad im Fluß nehmen zu können.
Es ist immer wieder erfrischend und macht viel Spaß, sich nach einem
anstrengenden Tag im knietiefen Fluß zu waschen.
Nach dem Abendessen sind wir dann also wieder zur Mühle
gewandert. Dort haben wir uns alle um das Trockenbecken versammelt, in
dem die Tabiokas, eine Art Fladen aus Maniokmehl, gebacken wurden. Am besten
haben die Tabiokas mit Kokosraspeln geschmeckt. Es war total gemütlich.
Ein paar von uns durften auf dem Traktor von Pedro wieder mit zurück
zum Sitio fahren.
Als die Kinder alle im Bett waren, hat sich unsere Gruppe
noch vor unserer Hütte zusammengesetzt. Wir haben Lieder gesungen,
und es war eine schöne, idyllische Atmosphäre.
Kerstin und Maike
Heute vormittag wurde am Haus weitergebaut und am Gemüsebeet
gearbeitet. Die Kinder bauen dort alles selber an: Salat, Bohnen, Paprika,
Gurken, Karotten... Das Ereignis des Vormittags war der Streit zwischen
einem Jungen und einem Mädchen der 5-Tage-Woche. Sie gingen mit Holzstöcken
aufeinander los - man hat sich nicht getraut, dazwischenzugehen., bis die
Erzieher kamen. Das Mädchen ist mit ihren Freundinnen daraufhin am
selben Tag noch abgereist. Anscheinend hat sich das Verhältnis zwischen
den Kindern in den letzten beiden Jahren ziemlich gebessert. Nach den Erzählungen
der anderen waren solche Prügeleien vor 2 Jahren noch an der Tagesordnung.
Wir hatten das Gefühl, daß sich die Kinder untereinander recht
gut verstehen.
Am Nachmittag kamen zwei Studentinnen aus Rio de Janeiro,
die mit den Kindern für das morgige Folklorefest Zirkuseinlagen geübt
haben. Es hat ihnen und uns auch sehr viel Spaß gemacht. Tonho hat
sich Zeit genommen, um uns noch ein paar brasilianische Trommelrhythmen
beizubringen. Wir fanden es toll, wie er zu jeder Gelegenheit versucht
hat, uns die brasilianische Kultur näherzubringen.
Nach dem Flußbad und dem Abendessen entfachten
wir ein großes Lagerfeuer. Die Kinder haben getrommelt und uns ihre
Tänze gezeigt. Jochen hat noch eine Feuerspuckeinlage gebracht, die
vor allem die Kinder verblüfft hat. Unsere Singspiele kamen auch immer
wieder super an.
In solchen Momenten merkt man richtig, wie wohl sich
die Kinder hier fühlen und wie gut es ihnen tut, für ein paar
Tage das harte Leben auf der Straße vergessen zu können.
Maike und Kerstin
Heute war es so weit - der große Folkloretag war herangekommen
und damit leider auch die Abreise der 5-Tages-Kinder. Schon seit einer
Woche liefen die Vorbereitungen und auch heute sollte der gesamte Vormittag
damit verbracht werden, den Tag, in unserem Fall reduziert/konzentriert
auf 1 Stunde, möglichst festlich zu gestalten. Doch auch heute war
wieder einmal unsere Flexibilität gefragt und ein Teil der Gruppe
wurde abgerufen zum Wasserrohre verlegen und zum Haus(weiter)bau. Der Rest
der Gruppe machte sich jedoch mit Feuereifer daran, Girlanden zu basteln
und den Versammlungs- (Fest-!!)platz mit Luftballons und Bildern zu schmücken.
Und auch unsere brasilianischen Freunde waren nicht untätig.
Sie überraschten uns mit einer Ausstellung ihrer gesammelten Werke,
bestehend aus Bildern, Ton-, Kokosnuß- und Kürbisfiguren. Der
Höhepunkt war jedoch sicherlich die "Folklorekuh" - ein menschgroßes
Ungetüm aus Stoff und Pappmaché, das später, mit einem
Kind als "Innenleben", für uns tanzen sollte. Doch bevor die Feier
losging, traten die "Zirkusfrauen" noch einmal in Aktion, um die am Vortag
einstudierten Akrobatiknummern wieder aufzufrischen. Das Ergebnis all dieser
Vorbereitungen war ein wunderschönes Fest mit brasilianischen und
deutschen Vorführungen und Showeinlagen, Gesang, Tänzen und vielen
lachenden Gesichtern - kurz - der Abschluß einer ereignisreichen
Woche, der all das in sich vereinigte, was wir an Wärme, Gemeinschaft,
Kreativität und Freude erfahren hatten, und der uns sicher lange in
Erinnerung bleiben wird. Am Ende des Festes stand die große Geschenkübergabe.
Jeweils ein T-Shirt für alle Kinder und Betreuer, dazu Bonbons und
Schokolade. Es ist schwer zu sagen, wer sich mehr freute - Beschenkte oder
Schenkende.
Umso trauriger war es dann, Abschied zu nehmen. Abschied
zu nehmen von den 5-Tages-Kindern, die wir so in unsere Herzen geschlossen
hatten, und von denen wir wußten, daß wir sie womöglich
auf der Straße (leimschnüffelnd) wiedersehen würden. Doch
wir sollten keine Zeit für traurige Gedanken haben, denn nun hieß
es das Abendessen vorzubereiten. Essen von den Deutschen war angesagt und
so bemühten wir uns, einen Nudelauflauf zu zaubern, der dann auch
auf großen Anklang (und Hunger) stieß. Nach dem Abendessen
wurde der Tag mit einem großem Lagerfeuer und Spielen abgerundet.
Karin
Trotz nächtlicher Vogelspinnen- und Skorpionjagden,
waren an diesem Morgen alle ausgeschlafen. Ein Kontrastprogramm sollte
uns heute in den Mangue und zum Strand von Pitimbu führen.
Nach einem hervorragenden Frühstücksbüffet
ging die Reise los und wir kamen auch schon bald in einem Dorf nahe am
Mangrovensumpf an. Wie uns Luis abends am Lagerfeuer in seiner Werwolf-
und Geistergeschichte erzählt hatte, darf man im Sumpf nicht fluchen,
sonst wird der Geist des Mangue böse und läßt die Menschen
den Rückweg nicht mehr finden. Ein bißchen leise vor sich hingeflucht
hat dann doch der eine oder andere, wenn er mal bis zu den Knien im Morast
eingesunken ist. Der Geist der Mangue war uns aber wohl gesonnen und so
kamen wir ohne Irrwege wieder an unserem Bus an. Zum Abschied sang eine
alte Frau, die in dem Dorf lebt, noch ein Liedchen und wurde mit Gejohle
von ihrer Familie aufgefordert, auch noch den Dance do bumbum dazu
aufzuführen.
Weiter ging's nach Pitimbu, wo wir ein herrliches Stück
Strand fanden und uns am Wochenendstrandhaus einer brasilianischen Mittelstandsfamilie
ein Mittagessen genehmigten. Danach luden die malerischen Sandsteinklippen
zu ausgedehnten Spaziergängen ein. Die Rückfahrt verlief bis
auf eine Polizeikontrolle problemlos. Abends gab es dann einen Capoeira-Workshop
mit Tonho. Anschließend bestand Gelegenheit, die Mädchengruppe,
die übers Wochenende in Capim de Cheiro war, kennenzulernen:
Zuerst führten die Mädchen Tänze vor, danach war große
Frage- und Antwortstunde am Lagerfeuer und die Mädchen erzählten
von ihrer Arbeit auf der Straße, von ihrem Leben und ihren Hoffnungen
und Erwartungen an die Zukunft. Wir erzählten ihnen von Deutschland
und unserem Leben dort. Für uns selbstverständliche Dinge sind
für sie größtenteils unvorstellbar. Das große Finale
war die Präsentation aktueller deutscher Diskomusik. Bei Vollmond
kühlten dann noch einige die verschwitzten Körper im Fluß.
Andreas
Am heutigen Sonntag machten wir - die deutsche Gruppe, Dudui,
Luis und die Moradores - uns mit dem Mikroomnibus auf den Weg nach Joâo
Pessoa, der Hauptstadt des Bundesstaates Paraiba. Nach einer kurzen Stadtrundfahrt
unternahmen wir einen Rundgang durch die Altstadt. Dabei besichtigten wir
ein Benediktinerkloster sowie eine alte Kirche. Beeindruckend waren die
Dachkonstruktionen aus Holz, deren Bauweise einem Schiffsrumpf nachempfunden
ist. Der Schiffbau war die einzige den Siedlern vertraute Technik, die
es ermöglichte, eine Fläche solcher Größe zu überspannen.
Anschließend nahmen wir an einer Führung durch das Franziskanerkloster
teil und besichtigten dabei sowohl den historischen Teil als auch das angeschlossene
Museum für moderne brasilianische Kunst.
Nach dem Mittagessen fuhren wir an der Küste entlang
zum östlichsten Punkt Amerikas, dem Capo Bianco. Nach einigen waghalsigen
Wendemanövern und einigen Diskussionen über den Weg, wurden wir
schließlich von einer Gruppe netter Motorradfahrer zur richtigen
Landstraße geführt. Wir fuhren zügig zum Sitio zurück,
da dort schon die Gruppe der "arbeitenden Mädchen" wartete, um zurück
nach Recife gebracht zu werden. Nach einer kurzen Verabschiedung der Mädchen
gingen wir alle zum Fluß, um uns sowie die Schuhe und Kleider des
Vortages zu waschen.
Nach dem anschließenden Abendessen war der Tag
auch schon am Ende, da wir alle ziemlich müde waren. Damit ging eine
Woche Sitio zu Ende.
Es war eine wunderschöne Zeit und obwohl ich vor
zwei Jahren schon einmal hier gewesen bin, war es eine Woche voller neuer
Eindrücke und Kontakte. Im Vergleich zu vor zwei Jahren hat sich auch
einiges verändert: Die von uns gegrabene Regenwasserzisterne funktioniert
nun, die Landwirtschaft wurde intensiviert und durch einen kleinen Traktor
vereinfacht. Das Essen war dieses Mal besser und es gab weniger Magenprobleme.
Doch am allerwichtigsten finde ich die Feststellung, daß die Aggression
und Gewaltbereitschaft der Kinder und Jugendlichen spürbar zurückgegangen
sind. Man konnte sehen, daß die Kinder gerne auf dem Sitio wohnen
und daß die Erzieher mit sehr viel Spaß und Engagement bei
der Arbeit sind.
So war dies der letzte Abend einer erlebnisreichen und
rundum gelungenen Woche.
Marc
Da dies der Abfahrtstag vom Capim de Cheiro war, haben
wir uns und die Moradores mit einem ausgiebigem Abschiedsfrühstück
verwöhnt, welches mit vielen heimischen Früchten angereichert
war.
Anschließend wurden unsere Geschenke verteilt,
ein Dankeschönbrief, ein Gutschein für einen Fernseher, den alle
Brasilianer sehr hoch schätzten, und die Fußballshorts, eine
Spende vom KSC.
Da sich nun zwei farblich abgestimmte Mannschaften bilden
konnten, fand die Ländermeisterschaft Brasilien - Deutschland statt.
Als sich die beiden Mannschaften auf dem Fußballfeld aufgestellt
hatten, wurden die Nationalhymnen gesungen. Man konnte sehr genau die Freude
in den Augen der Kinder sehen, die Freude darüber, daß die Shorts
jetzt öfter zum Spielen zur Verfügung stehen würden.
Das Spiel wurde, wie nicht anders zu erwarten war, von
den Brasilianern 4:3 gewonnen, wobei zu erwähnen ist, daß unsere
Spieler sich gut gehalten haben, obwohl sie sich dem Sportstil angepaßt
hatten und barfuß antraten. Ein Spieler (Marc!) konnte aufgrund von
zwei daraus resultierenden großen Blasen zwei Tage lang kaum laufen.
Danach folgte der eher traurige Teil, der Abschied von
den Moradores und Luis, dem dort lebenden Erzieher. Nun war der erste schöne
Teil unseres Workcamps vorbei, und alle waren neugierig, auch die andere
Seite der Arbeit von Ruas e Praças kennenzulernen.
Da uns einige Zeit blieb, bis wir in der Stadt erwartet
wurden, nutzten wir diese, um an einen nahegelegenen Strand zu fahren.
Dort konnten wir noch ausspannen; einige sind die Gegend auskundschaften
gegangen, da es an diesem Strand bunte Sandsteinfelsen gibt, andere nutzten
die Zeit, um mit den am Strand wohnenden Einheimischen ins Gespräch
zu kommen.
Abgeschlossen wurde dieser Kurzausflug mit einem Fischessen
in einem rustikalen Strandlokal, wo wir dazu ermuntert wurden, die erste
Tanzstunde mit Tonho zu genießen.
Als wir in der Pousada angekommen sind, wurde noch der
nächste Tag besprochen, welcher aus dem Grund wichtig war, da er der
erste Straßenarbeitstag sein sollte.
Zdena
Heute Morgen stand ein Treffen mit den verschiedenen Gruppen,
wie Ruas e Praças, Sobe e Desce, Educadores de
Sto Amaro, Pe no Chao, Semente do Amanha und den Sprechern
des Movimento an.
Zuerst stellten sich die Erzieher vor, die wir noch nicht
kennengelernt hatten und erzählten uns von ihren Gruppen und ihrer
Arbeit auf der Straße und in den Familien. Nach dieser Vorstellungsrunde
hörten wir etwas über die Entstehung und Geschichte der Straßenkinder:
|
- Ihre Geschichte beginnt in der Kolonialzeit, sie stammen
von den Sklaven ab, die nach Nordbrasilien verschleppt wurden und um die
sich ihre Eltern nicht mehr kümmern konnten, weil sie soviel arbeiten
mußten. Auch gab es viele Waisen, um die sich derzeit kirchliche
Institutionen kümmerten.
-1920 wurde das erste Waisenhaus gegründet und
-1923 das erste Kindergericht für Minderjährige,
die Kleinkriminalitäten begingen. Jedoch gab es einen Kodex, der nur
die Kinder der Armen und nicht der Reichen bestrafte.
- 1940 wurde die Gruppe der "kleinen Staßenzeitungsausträger"
gegründet, die die arbeitenden Straßenkinder betreuten.
-1948: Gründung der UNICEF und gleichzeitig ein
Ausbildungszentrum für Ältere
-1964 Entstehung der staatlichen und nichtstaatlichen
Kinderpolitik:
staatl.: sie versuchen nur kleine Verbesserungen zu erreichen
nichtstaatl.: sie gründen Gruppen und Initiativen
für pädagogische Arbeit auf der Straße und in den Favelas
-1970-84 werden endlich größere Veränderungen
erreicht, da viele Gruppen gegründet wurden und die nationale Sraßenkinderbewegung
Kinderrechtsgesetze festlegte auf die sich jedes Gericht berufen könnte!!
-1990 Verabschiedung des Straßenkinderstatuts auf
gesetzlicher Basis
-Heute: Im Vergleich zu den ersten Straßenkindern,
deren Eltern Sklaven waren, den ganzen Tag arbeiteten und die Kinder verwahrlosten,
gibt es heute kaum Unterschiede, denn die Kinder gehen auf die Straße
weil auch ihre Eltern den ganzen Tag arbeiten.
|
Diese geschichtliche Nachhilfestunde regte natürlich
zu einer munteren Diskussion an und es tauchten auch viele Fragen an die
Brasilianer auf, sowohl auf ihre Geschichte bezogen als auch auf ihre Arbeit,
die Projekte und die Gefährlichkeit in den Favelas.
Nach solch einem ausführlichen und interessanten
Vormittag aßen wir im Movimento zu Mittag und läuteten
nach einer Pause den deutschen Nachmittag ein, bei dem wir zuerst noch
einmal die SoliJugend, sowie die AG Recife vorstellten, von unserer Arbeit
und Bemühungen in Deutschland erzählten. Wir berichteten von
der Finanzierung und der Geldbeschaffung auf verschiedenen Festen und bei
Aktionen. Wir erzählten von Deutschland und Brasilien im Vergleich,
z.B. im Größenvergleich und fragten die Brasilianer, was sie
von Deutschland wissen.
Anschließend berichtete uns Britta, was sie bei
dem deutschen Straßenkinderprojekt "IGLU" gesehen und gelernt hatte.
Nach weiteren interessanten Themen und Diskussionen beendeten wir diesen
aufschlußreichen Tag und jeder konnte den Abend selbst verplanen,
was einige für eine erste Stadtbesichtigung nutzten, viele aber auch
gleich zur Pousada zurückkehrten und sich im Pool oder in der Hängematte
entspannten.
Susann
Vormittags fand eine Besprechung mit der Grupo Ruas e
Praças statt, bei der die Gruppen für die Straßenarbeit
eingeteilt wurden.
Da uns noch etwas Zeit blieb, besichtigten wir noch das
zentral in Recife liegende Casa da Cultura, ein ehemaliges Gefängnis,
in dem heute traditionelle Kunst vorgestellt und auch verkauft wird.
Nachmittags fuhren wir dann mit dem Erzieher Tonho zum
Stadtteil "Boa Viagem", das Touristenviertel Recifes. Aus diesem Grund
ist die Kluft zwischen Straßenkind und der Umgebung noch größer
als anderswo. Ein Straßenmädchen führte uns zu einem Abbruchhaus,
in dem ca. zehn Straßenkinder, aber meist Jugendliche wohnen. Als
wir von ihnen in ihr "zu Hause" hereingebeten worden sind, saßen
die Jugendlichen auf dem Boden und haben Leim geschnüffelt. Ein junges
Mädchen hatte währenddessen ein kleines Kind im Arm, welches
offensichtlich ihr eigenes war. Ein anderes Mädchen kochte in einer
großen alten Büchse auf offenem Feuer Reis. Danach gingen wir
vor das Haus auf die Straße, wo die Jungs Capoeira tanzten unter
dem Gesang und Trommeln von Tonho. Sehr auffällig war, daß diese
Szene wohl eher selten war, denn vorbeifahrende Autofahrer blieben oft
kurz stehen um zuzuschauen. Andere reagierten anders, sie hupten und gaben
zur gleichen Zeit Gas.
Später sind wir in die Nähe von einem Touristenmarkt
gegangen und haben auf Kinder gewartet, die an diesem Abend von Capim
de Cheiro zurückkommen sollten. Da es sehr lange dauerte, packte
Tonho zur Beschäftigung Papier und Filzstifte aus. Wir saßen
auf dem Boden und haben gemalt und gefaltet, genauso wie es die Straßenkinder
auch machen. Die Reaktionen der vorbeilaufenden Menschen war interessant:
Ärmere Brasilianer lächelten und nickten bewundernd, reichere
schauten weg und gingen vorbei oder blieben neugierig kurz stehen und schauten
zu. Nach einiger Zeit war klar, daß es einen Organisationsfehler
gab und die Kinder an diesem Tag woanders hingefahren wurden, und so fuhren
wir müde zurück zur Pousada.
Zdena
Den Vormittag verbrachte ich mit Britta und Karin bei Jocimar
von Pé no chão ("Fuß auf dem Boden") im Stadtteil
Encruzilhada. An einem ruhigen Plätzchen bauten wir einen bunten Pavillon
auf. Nach und nach fanden sich auch einige Kinder ein, und so frischten
wir mit Farben den "Capoeira-Kampfkreis" auf dem Boden auf. Die Atmosphäre
war ruhig und entspannt, und unter den Kindern gab es keinerlei Aggressivität.
Nach getaner Arbeit machten die Mädchen ein Hüpfspiel, und die
Jungs, die auch beim Malen schon schwer zu motivieren waren, packten nach
und nach ihre Leimflaschen aus. So war der Zeitpunkt gekommen, sich zurückzuziehen.
Nachmittags waren wir mit Tonho in Boa Viagem, es waren
aber kaum Kinder da, da in der Nähe gerade ein "Konkurrenzprojekt"
zugange war. Ein anderer Teil unserer Gruppe erlebte aber in der "Kleinen
Hölle", was wirklich Schlimmes im Leben der Kinder in der Favela passieren
kann.
|
"Kleine Hölle" - Zusatzbericht: Wir
sind mit drei Erzieherinnen von Ruas e Praças zu einem Platz
gegangen, der sich "die kleine Hölle" nennt (die Erzieher nennen ihn
so!). Uns wurde erzählt, daß es für die Erzieher sehr schwer
sei, mit den Kindern und Jugendlichen dort zu arbeiten, da es zu viele
Drogen und Prostitution gibt. Und so kam es auch: Wir kamen in diese "kleinen
Hölle" an, und die Kinder und Jugendlichen umgaben uns sofort, da
sie uns begrüßen und unsere Namen wissen wollten. Was vielen
von uns in diesem Moment schon aufgefallen war, war ein etwa 15-16 Jahre
altes, hochschwangeres Mädchen, das an einem Pfeiler lehnte und Leim
schnüffelte.
Wir beschäftigten uns mit den Straßenkindern,
malten mit ihnen und spielten Domino, als plötzlich ein Riesenchaos
einsetzte und alle Kinder ihre Leimflaschen verschwinden ließen.
Als wir uns dann umdrehten und in die Richtung schauten, in die auch die
Blicke der Brasilianer gerichtet waren, sahen wir den Polizeikombi dann
auch. Nach der Durchsuchung der meisten Jugendlichen nahmen sie zwei Jungs
mit, einer davon, wie sich später herausstellte, war der Mann von
dem schwangeren Mädchen. Er selbst war um die 17.
Plötzlich hörten wir einen Schrei, und im selben
Moment kam auch schon ein Stein geflogen, in Richtung Polizeiauto. Die
Schwangere hatte ihn geworfen. Dann drohte sie von weitem mit einer Eisenstange,
immer noch mit hysterischem Geschrei gegen die Polizisten gerichtet. Als
dann eine Freundin von ihr dazwischenging, ließ sie die Stange fallen,
nahm sich eine 5l-Glas-Flasche, zerschlug diese auf dem Steinboden und
ging damit, immer noch hysterisch, auf die Polizisten los.
Eine andere Freundin mischte sich ein und konnte sie
beruhigen. Jetzt fing sie auch an, sich den Bauch zu halten und machte
ein schmerzverzerrtes Gesicht. Als wir genauer in den Polizeikombi schauten,
sahen wir, daß der eine der beiden Jungs abgehauen war. Als die Polizei
eine Weile lang weg war, tauchte er plötzlich wieder lachend und sich
freuend auf.
Es war sehr erschreckend, den Alltag der Straßenkinder
so mitzuerleben. Das traurige Ende war, daß nach 10 Minuten die Schwangere
wieder zu ihrer Leimflasche griff und, mit einer Hand auf ihrem schwangeren
Bauch, weiterschnüffelte.
Zdena
|
Abends war dann noch Tanzstunde mit Tonho.
Andreas
Der Freitag sollte nun das Wochenende einläuten und
stand zur freien Verfügung. Dennoch fand eine kleine Gruppe nach der
anstrengenden Woche in der Stadt genug Kraft, um eine spontane "alternative"
Stadtrundfahrt zu unternehmen. Diese Stadtrundfahrt führte mit dem
Bus ins Stadtzentrum von Recife und von dort sollte die Fahrt mit der "Metro",
die entgegen ihrem Namen jedoch eine oberirdische S-Bahn ist, fortgesetzt
werden.
Schon der Fahrscheinkauf gestaltete sich aufgrund der Sprachbarriere schwierig,
konnte aber doch vor allem durch die Pfiffigkeit der Brasilianer gelöst
werden und so führte die Fahrt mitten durch die Favelas bis hin zum
Busbahnhof von Recife.
Schockierend war vor allem der Blick aus dem Bahnfenster
auf die erbärmlichen Holzhütten, die an den völlig verdreckten
Flußarmen stehen und in denen auf engstem Raum meist sehr kinderreiche
Familien wohnen. Später erklärte uns Ines, daß viele Straßenkinder
aus eben solchen Gebieten stammen.
Das eigentliche Ziel, der Busbahnhof, an dem die Überlandbusse
abfahren, war eher eine Enttäuschung, da er wesentlich kleiner als
erwartet war und so einem europäischen Bahnhof gleicht. Allerdings
erinnert er von der Organisation her mehr an einen kleine Flughafen, mit
vielen privaten Busanbietern, ohne zentralen Fahrplan und mit Kontrollen
vor den Bahnsteigen.
Interessanter war dann ein kurzer Spaziergang durch ein
an den Busbahnhof angrenzendes Stück Regenwald. Faszinierend hier
zu sehen, wie Pflanzen, die man aus Europa nur als Zierpflanzen kennt,
mitten im Wald in einer unbeschreiblichen Vielfalt und Dichte wachsen.
Besonders beeindruckend ist Bambus, der hier über 8 Meter hoch wächst
und der, wenn er sich im Wind wiegt, gefährlich knarrt und knackst,
so als ob in Kürze der ganze Bambusbusch in sich zusammenstürzt.
Die Rückfahrt zur Pousada mußte auf dem gleichen Weg wie die
Hinfahrt durchgeführt werden, da kein Bus direkt nach Olinda gefunden
werden konnte. Nach einer individuell gestalteten Mittagspause besuchte
wiederum ein Teil der Gruppe ein Projekt auf einer Müllhalde (ArteManha).
|
Dieses Projekt kann sicher zu den faszinierendsten
gezählt werden. Nach einem Gespräch mit den zwei verantwortlichen
Erzieherinnen am Vorabend war uns zunächst einmal jegliche Lust vergangen,
die auf dem Müllberg lebenden "Rattenmenschen" zu "besichtigen". Was
wir bisher an Armut und Elend gesehen hatten, schien sich dort auf unproportionale
Weise konzentriert zu haben. Die Menschen dort leben vom Abfall der Gesellschaft
und sehen sich oft selbst als solchen. Die Tatsache, daß gerade dieses
absolute Elend eines der beliebtesten Photomotive der Touristen ist, die
zu Hause die brasilianische Armut veranschaulichen wollen, schreckte umso
mehr von einem Besuch des Projektes ab. Mit mulmigem Gefühl im Bauch
machten sich dennoch einige auf den Weg zur Müllhalde am Rande von
Olinda und was wir dort vorfanden, läßt sich kaum in Worte fassen.
Inmitten des dreckigen Elends glänzt das Projekt "ArteManha"
und unzählige Kinderaugen. Die beiden Erzieherinnen verdienen uneingeschränkte
Hochachtung für das, was sie dort leisten. Nur mit Enthusiasmus und
Idealismus nahmen sie im Mai ihre Arbeit auf und schufen so aus dem sozialen
und finanziellen Nichts ein Projekt, das vom Leben enttäuschten Menschen
ihr Selbstwertgefühl und Wertschätzung zurückgab. Mitten
im Müll und aus dem Müll bauten sie ein Haus, das nunmehr zu
einer hochfrequentierten Begegnungsstätte für die dort lebenden
Kinder und Jugendlichen geworden ist. Hier wird gespielt, gebastelt, Müll
"verwertet" und vor allem viel gelacht. Ganz offensichtlich ist hier ein
Zentrum der Freude entstanden. Wir durften einen Nachmittag lang an dieser
Freude Teil haben und halfen beim Bemalen der Hütte und des spärlichen
Inventars.
Martin und Karin
|
Zum Abschluß des Tages wurde ein Samba Openair besucht,
auf dem unermüdlich getanzt wurde.
Cornelius
Auf den heutigen Tag haben wir uns schon lange gefreut: Nach
einer Woche auf der Straße ein Strandgang zum relaxen. Wir sind mit
zwei Sammeltaxis auf die Insel Itamaraca aufgebrochen. Bei dieser Gelegenheit
haben wir Raffaels altes Haus besichtigt, das mitten im Wald an einem wunderschönen
See liegt. Tonho tat es ziemlich leid, daß das Haus so zerfällt,
weil die Grupo es gerne für ihr Projekt haben würde.
Mit nur einem Sammeltaxi fuhren wir dann weiter zum Strand.
Wir genossen Meer, Sonne und Aqua de Coco, andere typische Getränke
durften natürlich auch nicht fehlen. Es tat ganz gut, sich auszuruhen
und sich die Ereignisse der letzten Woche noch einmal durch den Kopf gehen
zu lassen. Es ist viel passiert und die teilweise für uns erschreckenden
Bilder von den leimschnüffelnden Straßenkindern müssen
erst noch verarbeitet werden. Trotz allem fanden wir die Straßenarbeit
sehr interessant. das Durchhaltevermögen der Erzieher und die Offenheit
der Kinder haben uns beeindruckt.
Als wir wieder in der Pousada waren, verspürten
wir alle großen Hunger. Also sind wir losgezogen, um etwas zu essen.
Das beste Essen bekommt man eindeutig auf dem Hügel von Olinda, von
dem man auch eine tolle Sicht auf ganz Recife hat.
Maike und Kerstin
Und auch heute sollten wir uns noch einmal erholen und neue
Kräfte für die bevorstehende Woche sammeln. Gaibu war das Ziel
unseres Ausfluges, ein malerischer Strand südlich von Recife. Doch
schon kurz nach unserer Abfahrt aus der Pousada mit zwei Kombis zeichnete
sich ab, was uns bevorstehen sollte - ein diesiger, verregneter Sonntag.
Am Strand angekommen konnten wir unser landeskundliches Wissen um einen
Fakt bereichern: Auch in Brasilien kann es wie aus Kannen gießen.
Somit war wie so oft unsere Flexibilität gefragt und wie so oft überzeugten
uns die Brasilianer mit ihrer offensichtlich unerschütterlichen guten
Laune. Es dauerte nicht lange, bis wir uns wieder auf die südamerikanische
Kultur eingelassen hatten und bei Fischsuppe und anderen Leckereien neue
brasilianische Tänze und Lieder lernten. Mit der Zeit ließ auch
der Regen nach und die Gruppe zerstreute sich. Das Meer stellte sich als
warm genug heraus und die felsige Küstenlandschaft versetzte ein paar
eifrige Wanderer in wahre Begeisterungsausbrüche. So wurde der Tag
doch noch zu einem Erfolg und unser Brasilienbild war um einige landeskundliche
Eindrücke reicher geworden.
Karin
In Deutschland kosten Briefe ab heute 1,10 DM und Postkarten
1,- DM. Es ist Antikriegstag mit Aktionen der Friedensbewegungen, u.a.
in Karlsruhe auf dem Marktplatz gegen der Eurofighter 2000. Dieses Geld
sollte besser in soziale Projekte wandern, statt dort Mittel zu streichen.
Ich wäre gerne dabei, bei der Protestaktion!
Wir in Brasilien hatten heute den Besuch des Projektes
CEEP (Lernzentrum für Volksbildung) und den Besuch einer Fabrik zur
Verarbeitung von Zuckerrohr auf dem Programm.
Celina vom Projekt CEEP erzählte uns bei Cashew-Saft
von der Geschichte, der Arbeit und den Problemen des Projektes. Das Projekt
wurde gerade zehn Jahre alt. In einem bei Paudalha befindlichen Haus mit
großem Grundstück lernen die Kinder den Umgang mit Pflanzen
und richtiger Ernährung.
In einer nahegelegenen projekteigenen Bäckerei kann
das Bäckerhandwerk erlernt werden. Schräg gegenüber liegt
die projekteigene Schule, in der die Kinder Schreiben und Lesen lernen.
Am Wochenende können sie dort zum Beispiel Kinofilme sehen, Karate
lernen u.ä. Das Projekt betreut die Kinder und Jugendlichen aus Paudalha
und Umgebung. Anfangs waren es sechs Betreuer. Mittlerweile sind es nur
noch vier. Einerseits liegt dies an finanziellen Schwierigkeiten des Projekts
und andererseits an der Schwierigkeit, gutes Betreuerpersonal zu finden,
da dieses Projekt doch sehr abgeschieden in einem Dorf liegt.
Repressionen unter anderem durch einen Prozeß (Vorwurf:
Das Projekt würde die Kinder ausbeuten durch Kinderarbeit) erschweren
die Arbeit zusätzlich.
Die Menschen der Gegend leben ausschließlich von
den Zuckerrohrpflanzungen, sofern sie dort Arbeit bekommen. Die Großgrund-/Plantagenbesitzer
üben starken Druck auf die Menschen aus, um ihre Plantagen, die aus
der Kolonialzeit und der Militärdiktatur stammen, und ihre Macht zu
behalten. Die Dörfer sind meistens auf zwei Familienklans verteilt,
die die politische Macht innehaben. Parteineugründungen gibt es kaum,
da die neue Konkurrenz mit Mordanschlägen rechnen muß.
Die Plantagen sind in der Regel der fruchtbare Boden.
Der weniger fruchtbare bleibt den Menschen zum Anbauen ihrer Lebensgrundlage.
Eine Neu-/Umverteilung des Grundbesitzes gab es nach der Militärdiktatur
nicht.
Das Führungspersonal der Fabrik zur Verarbeitung
von Zuckerrohr verwehrte uns den Einlaß, da wir kurze Hosen anhatten.
Dies widerspricht der Kleiderordnung der Fabrikleitung/des Fabrikbesitzers.
So mußten wir uns mit den 10 Geboten von Abraham Lincoln für
die Kapitalisten, kapitalistische Parolen (vergleichbar mit den sozialistischen
Parolen in den ehemaligen sogenannten sozialistischen Ländern) und
dem bedrückendem Anblick der vielen Menschen, die vor der Fabrik auf
Arbeit hoffend warteten zufrieden geben.
Da wir Touristen/Westeuropäer in Brasilien von der
Polizei/Militär doch recht zuvorkommend behandelt werden, gab mir
das einen Eindruck der Realität für viele Menschen in Brasilien.
Die Gruppe war sehr empört über diesen Vorfall.
Jochen
Am Dienstag stand der Besuch des Projektes Semente do
Amanha sowie für eine kleine Gruppe ein Gespräch beim Konsul
an. Am Nachmittag besuchte dann die eine Hälfte der Gruppe die Schule
der jungen Arbeiter und die andere das Projekt von Matuto, der einige Jungs
betreut, die in einer alten Fabrikhalle wohnen.
Das Projekt Semente do Amanha, "Keim des Morgens",
ist ein Stadtteilprojekt, das die Funktion eines Kinder- und Schülerhortes
erfüllt. Beim Eintreffen der Gruppe nach einer langen und besonders
schlaglochreichen Fahrt waren die Kinder gerade mit Malen beschäftigt.
Die Kleineren saßen auf dem Boden und malten mit Fingerfarben, die
Älteren fertigten z.T. schon richtige Kunstwerke. Schon bald jedoch
wurden die Trommeln ausgepackt und die Capoeira- Künste präsentiert.
Hier wurden jetzt vor allem die Jungs der deutschen Gruppe mit eingespannt,
aber auch Ines, mit ihrer großen Brasilienerfahrung ließ es
sich nicht nehmen, mit in den Kampftanz einzusteigen. Anschließend
fand die schon obligatorisch gewordene Vorstellungsrunde statt, die meist
langweilig ist, für die Brasilianer jedoch einen sehr hohen Stellenwert
hat. Das Mittagessen bei der Gruppe fand leider unter Zeitdruck statt,
um die kleine Delegation, die im deutschen Konsulat am Vormittag ein Gespräch
hatte, nicht allzu lange warten zu lassen.
|
Zusatzbericht "Konsul":
Der Stellvertreter des Konsuls, Herr Grüner, hieß
uns im Generalkonsulat herzlich willkommen. In einem kurzen Gespräch
zeigte er sich sehr interessiert an unserem Projekt. Wir hatten die Möglichkeit,
unsere Arbeit und ihre Fortschritte vorzustellen, Ideen und Anliegen vorzutragen
und uns zugleich für die bisherige und auch weiterhin zugesicherte
freundliche Unterstützung des Konsuls in vielerlei wichtigen Fragen
und Problemen zu bedanken.
Martin
|
Da sich beide Gruppenteile aufgrund einer falsch eingeschätzten
Busfahrtzeit verpaßt hatten konnte sich nur vier Leute auf den Weg
zur Schule der jungen Arbeiter machen. Währenddessen besuchte eine
größere Gruppe das Projekt von Matuto:
|
Am späten Nachmittag war ein Teil der
Gruppe mit Matuto in der Innenstadt verabredet. Matuto arbeitete früher
für Pé no Chao, und die Solidaritätsjugend Karlsruhe
hat seit Beginn der deutsch-brasilianischen Beziehungen ständig Kontakt
zu ihm.
Wir liefen zuerst in die Richtung des alten Hafens. auf
dem Weg erklärte Matuto, wie es zu seinem Engagement für die
Jugendlichen gekommen war. Als er bei Pé no Chao ausstieg,
um seinen Lebensunterhalt auf andere Weise zu verdienen, hatte er noch
Kontakt zu einigen Jugendlichen gehalten. Diese hatten sich in einer alten
Lagerhalle am Hafen niedergelassen, und sie werden dort geduldet bis die
Halle einer neuen Metrolinie weichen muß. Dies wird spätestens
im Jahr 1999 geschehen. Bis dahin haben die Jungen und Mädchen, insgesamt
9, ein Zuhause, und das macht es ihnen leichter, ihr Leben zu organisieren.
So arbeiten die meisten, zum Beispiel an der Tankstelle oder als Verkäufer.
Auf diese Weise können sie ein geregeltes Leben führen und haben
Geld für das Nötigste. Die für eine feste Arbeit notwendigen
Papiere wie Geburtsurkunde oder Personalausweis konnten die Jugendlichen
durch die Unterstützung von Matuto bekommen.
Als wir am Lagerhaus ankommen, werden wir sehr herzlich
empfangen. Sofort führen die Jugendlichen uns durch ihre "Heimat".
Einige haben sich aus alten Kartons, Matratzen und Stoffbahnen eine "Hütte"
innerhalb des Hauses gebaut, mit Postern, Fotos und anderem Schmuck zum
Kleinod gemacht. Die Halle ist so groß, daß man sogar darin
Fußball spielen kann. Fußball in der Halle gehört zum
Alltag, und manchmal werden auch andere Jugendliche zum Turnier eingeladen.
Wenn die Jungen und Mädchen gerade nichts zu tun haben, dann produzieren
sie einfachen Schmuck zum Verkauf. Man erzählt uns von Pelé
und seiner Idee, wie die Jugendlichen Geld verdienen könnten. Er wollte
eine Art Kantine für die Arbeiter der umliegenden Lagerhallen und
Baustellen eröffnen. Mit Matutos Hilfe hatten sie schon Tische und
Stühle gebaut, doch eines Tages kam die Polizei, und seitdem hat man
Pelé nicht mehr gesehen.
Man erzählt uns auch, daß nachts ca. 30 weitere
Jugendliche in der Lagerhalle Sicherheit und ein Dach über dem Kopf
suchen. Im Gegensatz zu den festen Bewohnern der Lagerhalle nehmen von
diesen viele Drogen und führen ein ungeregeltes Leben.
All diesen Jugendlichen versucht Matuto zu helfen. Ich
persönlich fand es sehr beeindruckend, wie sich Matuto für diese
Jugendlichen engagiert, ohne dafür Geld zu bekommen. Auch seine geleistete
Arbeit finde ich sehr gut, da er einer der wenigen ist, die sich um ältere
Jugendliche kümmern, und da er den Jugendlichen Hilfe zur Selbsthilfe
gibt, sie dabei aber ihre Freiheit behalten.
Marc
|
Nach einem Rundgang durch die Schule der jungen Arbeiter,
bei dem die Klassen, aber vor allem die Werkstätten besichtigt wurden,
wurde über die Arbeitsweise aufgeklärt. So können in der
Schule der jungen Arbeiter Kinder aus den umliegenden Armenvierteln, aber
auch Straßenkinder, die in keine öffentlichen Schule könnten,
lernen. Begonnen wird mit Alphabetisierungsklassen und einfachen Stunden
zu Kunst und Kultur. Wenn dann diese Alphabetisierungsklassen erfolgreich
durchlaufen werden, kann in einer der schuleigenen Werkstätten eine
Berufsausbildung angeschlossen werden. So sind Ausbildungsgänge mit
praktischem und theoretischem Unterricht in den Bereichen Schlosser, Drucker,
Elektriker und Elektroniker sowie demnächst eine rein praktische Ausbildung
zum Schreiner möglich. Leider schaffen es nur sehr wenige Straßenkinder,
die Schule der jungen Arbeiter bis zum Schluß zu durchlaufen, da
hierfür über viele Jahre hinweg kontinuierlich gelernt werden
muß, was für ein Straßenkind, das ständig der Gewalt
und der Drogenproblematik auf der Straße ausgesetzt ist, ein riesiges
Problem darstellt.
Am Abend stand nach diesem anstrengendem Tag mit 2 Projekten
für jeden kein weiteres Programm an.
Cornelius
Es wurden zwei Kleingruppen gebildet. Die erste Gruppe ging
in eine Favela in Olinda (Projekt Sobe e Desce) und anschließend
auf das Müllbergprojekt ArteManha. Die zweite Gruppe ging zu
Resurreição
("Wiederauferstehung"), ein Projekt, in dem Kinder neben Schreiben und
Lesen auch Sticken und Tanzen lernen können. Zwischendurch besuchte
die Gruppe zwei der Häuschen in der Favela, in der Kinder aus diesem
Projekt wohnen. Nachmittags ging es in ein Stadtteilprojekt, in dem Tonhos
Bruder arbeitet. Es wurden Tänze vorgeführt.
Jochen
So sehr wir es verdrängt hatten, kam der Tag des Abschieds
doch viel zu schnell.
Schon sehr früh fuhr die erste Gruppe los, um einige
Abschiedsgeschenke zu kaufen. Der andere Teil der Gruppe frühstückte
gemütlich und stellte anschließend eine Checkliste für
den heutigen Abend zusammen. Gegen halb elf trafen wir uns mit der Grupo
Ruas
e Praças im Movimento, wo wir ein Resümee über
die drei Wochen Workcamp in Brasilien zogen: Die Woche auf Capim de
Cheiro mit den Kids und die zwei Wochen Straßenarbeit in Recife
bei den verschiedenen Gruppen.
Die Auswertung brachte positive als auch negative Meinungen
zutage, vor allem jedoch konstruktive Verbesserungsvorschläge von
beiden Seiten. Auch hörten wir viel Positives von Seiten der Grupo
in Bezug auf unsere Vorbereitung und unserer Verständigung ohne viel
Portugiesischkenntnisse. Trotzdem wären zwei Übersetzer von Vorteil
gewesen.
Wir hörten noch einmal etwas über die Gesamtsituation
in Brasilien, wie die Schichten getrennt sind, wer zur Mittel- und zur
Unterschicht und wer zu den wirklich ganz Armen gehört. Diese sind
heute nämlich noch viel ärmer als früher, weil es keine
klaren Grenzen mehr gibt. Die Oberschicht hat an der Währungsreform
nur verdient, die Kriminalität und die Drogen haben zugenommen.
Später äußerten die Brasilianer den Wunsch,
eine brasilianische Gruppe nach Deutschland zu schicken. Wir erklärten
ihnen vor allem die finanziellen Probleme und die Schwierigkeit der Finanzierung
dieses Projekts, versprachen aber in Deutschland darüber zu sprechen
und eine Realisierung zu prüfen. Die Schwierigkeit liegt weniger in
der Unterbringung der Brasilianer, sondern vor allem bei den Flugkosten,
die sich beide Seiten nicht leisten können.
Gegen zwölf Uhr dreißig aßen wir zum
letzten Mal das Essen unserer brasilianischen Köchin und danach fuhr
die Einkaufsgruppe los, um die Verköstigung unserer Abschiedsparty
zu sichern, zu der wir alle Gruppen noch einmal eingeladen hatten. Eine
andere Gruppe bereitete schon einige Dinge in der Pousada vor und nach
einiger Hektik, Streß, viel Arbeit und einer Abkühlung im Pool
empfingen wir gegen neunzehn Uhr die ersten Gäste. Nach und nach trudelten
alle ein. Unser Buffet war ein voller Erfolg und Bartosz wurde Barkeeper
des Abends. Nach dem offiziellen Teil mit Dankeschön und kleinen Geschenken
wurde es ein toller Abend mit viel brasilianischer und etwas deutscher
Musik. Diesen tollen Abend wird so schnell keiner von uns vergessen und
jeder sehnt sich schon jetzt wieder nach Brasilien und unseren brasilianischen
Freunden.
Susann
| Freitag/Samstag, 05./06.09.: |
|
Nach der ausgiebigen Abschlußfeier hatten wir heute
einmal die Gelegenheit auszuschlafen.
Nach dem letzten brasilianischen Frühstück
brach allgemeine Geschäftigkeit aus. An allen Orten wurde gepackt,
gerechnet und schnell noch einige Postkarten auf den langen Weg über
den Atlantik geschickt, den wir heute noch vor uns hatten.
Noch ein letztes Bad, ein Imbiß und dann -bereits
viele Stunden vor Abflug, damit uns nicht das gleiche Schicksal ereilen
konnte, wie die Gruppe vor zwei Jahren, die vier weitere Tage in Recife
bleiben mußte (zwar wäre uns allen dieser Umstand recht gewesen;
und doch: Die Verpflichtungen des Alltags riefen bereits)- die Fahrt zum
Flughafen.
Da uns trotz einstündiger Fahrtzeit noch rund drei
Stunden bis zum Abflug blieben, vertrieben wir uns noch die Zeit mit unseren
brasilianischen Freunden.
Der Abschied fiel uns allen letztlich schwer. Ein "vale
!" war nur selten zu hören, vielmehr ein "ciao !" als ein letzter
ehrlich gemeinter Gruß an unsere Freude, von denen uns die Sprache
- mehr nicht - trennt. "Ciao !" als Zeichen dafür, daß wir vieles
mit uns nehmen würden, als Zeichen des Dankes für drei Wochen,
die vieles klarer werden ließen, die neue Ansichten über den
eigenen Tellerrand hinaus ermöglichten und viele andere relativierten
- und als Zeichen dafür, daß viele von uns mit Gewißheit
wiederkommen werden.
Der Rückflug war lang. Zumindest schien der Flug
in der Nacht lang. Morgens um fünf nach acht Ortszeit setzte unsere
Maschine in Frankfurt/Main auf. Eine lange Reise ging zu Ende, deren Eindrücke
wohl vielen von uns im Gedächtnis bleiben werden. Sollte es uns vielleicht
gelingen, durch unsere Erzählungen andere Menschen für die Problematik
der Straßenkinder in Brasilien zu interessieren, darüber hinaus
nicht die Probleme im eigenen Land und auf dem eigenen Kontinent zu vergessen
- also die uns erfahrene Sensibilisierung auch auf unseren Alltag zu übertragen,
ohne den Aspekt aus den Augen zu verlieren, daß Kontinuität
in unserer Unterstützung in Brasilien wesentlich für die Arbeit
der Erzieher in Recife ist, so glaube ich behaupten zu dürfen, daß
unser Aufenthalt ein voller Erfolg war.
Bartosz
Bericht über das Nachtreffen am 25./26.10. 1997
in Karlsruhe
Genau sieben Wochen nach unserer Rückkehr nach Deutschland
stand endlich das lang ersehnte Nachtreffen an. Die Freude über das
Wiedersehen war groß und die gegenseitige Begrüßung erfolgte
mit brasilianischer Herzlichkeit. Neben großem "Hallo", privaten
Gesprächen und dem Austausch von Photos, hatten wir uns auch einige
"ernsthafte" Tagesordnungspunkte vorgenommen.
Zunächst stand die Frage im Vordergrund, wie denn
die vergangenen Wochen verlaufen seien und wieviel der brasilianischen
Erlebnisse und Lebenshaltungen in unserer deutschen Wirklichkeit Einzug
gehalten hätten. Einigkeit herrschte darüber, daß uns alle
der deutsche Alltag mit all seiner Normalität wieder eingeholt hat.
Und dennoch war sich dabei jeder sicher, daß sich ein kleines Stück
dieser Wirklichkeit verändert hat, daß sich unser Wahrnehmungshorizont
vergrößert hat. Dieses neue "Er-Leben" bewerteten wir als sehr
positiv, in der Sicherheit, in diesen drei Wochen Brasilien etwas ganz
besonders Schönes und Wichtiges miterlebt und mitgenommen zu haben.
Aus diesem Stimmungsbild heraus verfassten wir dann einen
Brief an die einzelnen Gruppen. Ines war hier einmal mehr für den
Übersetzungspart zuständig (Danke!!!). Diesem Brief wurden dann
alle wichtigen Photos beigelegt, sozusagen als Erinnerung und kleines Dankeschön
für /an alle Gruppen. In dem nun folgenden Auswertungsgespräch
ergab sich für die Teilnehmer der Maßnahme folgende Bewertung:
1. Die Gruppe:
Die diesjährige Gruppe wurde von allen als homogen
und angenehm empfunden. Gelegentlich auftretende Diskrepanzen, die vor
allem auf unterschiedlichen Erwartungshaltungen einzelner Teilnehmer beruhten,
wurden innerhalb der Gruppe ausdiskutiert und weitestgehend beigelegt.
Die brasilianische Seite äußerte sich vor allem positiv über
die Flexibilität, das große Interesse sowie die Offenheit der
deutschen Gruppe. Das gute Verhältnis der beiden Gruppen zueinander
und das im Laufe der Begegnung entstandene Gemeinschaftsgefühl kam
vor allem im Abschlußabend und (für die Deutsche Gruppe) beim
Nachtreffen zum Ausdruck.
2. Die Unterkunft:
Die schon 1996 in Anspruch genommene Pousada überzeugte
auch diese Jahr mit all ihren Vorteilen. Das Problem der zu teuren zusätzlichen
Mahlzeiten konnte dieses Jahr behoben werden. Eine gute Bekannte eines
Mitgliedes der Partnergruppe hatte sich bereiterklärt gegen einen
relative geringen Aufpreis uns täglich eine warme Mahlzeit in die
Pousada zu liefern. Dies entlastete nicht nur das Gruppenbudget, sondern
brachte auch Erleichterungen und Zeitersparnisse innerhalb des Programmablaufs.
Eine ähnliche Handhabung wird daher auch für das nächste
Jahr empfohlen.
3. Das Team:
Das Team bestand aus Martin, Mitglied der Bundesjugendleitung
der Soli-Jugend, Ines, Ex-Praktikantin im Partnerprojekt und Übersetzerin
im Vorjahr und Marc, Teilnehmer der Maßnahme 1995 und engagiertes
Mitglied der AG Recife. Wir hatten die Bereiche Finanzen (Marc), Vertretung
der Solidaritätsjugend und Organisation (Martin) und Übersetzung
(Ines) untereinander aufgeteilt. Es fanden regelmäßige feste
Teambesprechungen statt und die Zusammenarbeit war produktiv. Die Aufteilung
erwies sich als ausgesprochen hilfreich (vor allem die Abtrennung des finanziellen
Bereiches), eine zusätzliche Dolmetscherin würde die Arbeit vor
allem im organisatorischen Bereich jedoch erheblich erleichtern.
4. Kommunikation:
Durch die Übersetzung konnten alle Programmpunkte
verstanden werden. Der deutsche Erzieher, der im Vorjahr die Übersetzungstätigkeit
unterstützen konnte, fehlte in diesem Jahr. Besonders fiel dies auf,
als sich die Gruppe für die einzelnen Projekte aufteilte. Ines konnte
natürlich immer nur bei einem Projekt wirken. Wie bereits erwähnt,
wäre ein weiterer Dolmetscher empfehlenswert, zumindest für einzelne
Tage der Begegnung (v.a. Projekttage). Von Anfang an zeigten sich die TN
interessiert an Möglichkeiten der nonverbalen Verständigung und
am Erlernen verschiedener portugiesischer Wörter und Redewendungen.
Hierdurch konnten auch persönliche Kontakte geknüpft werden.
Einmal mehr war die Sprache insgesamt Mittel (wenn auch ein unverzichtbares),
aber nicht Voraussetzung für die Verständigung.
5. Programm:
Die bewährte Mischung aus sozialpolitischen Einblicken,
gemeinsamen Arbeiten, dem Zusammenleben mit den Straßenkindern und
touristischen Anreizen stellte alle vollauf zufrieden. Die Zeit auf dem
Sitio wurde als besonders schön und intensiv erlebt, die Vielfalt
des Programms fand großen Anklang.
Gruppen, Kleingruppen und persönliche Unternehmungen
wechselten sich ab. Die Dauer von drei Wochen war angemessen und auf keinen
Fall zu wenig. Die Sitio-Woche wurde allgemein als zu kurz empfunden und
es bleibt zu überlegen, diese zu verlängern oder dort einen weiteren,
kürzeren Aufenthalt einzuplanen.
Bezüglich der vielen Projekttage wurden kritische
Stimmen laut. Viele TN fühlten sich überfordert. Schon zwei Projekte
am Tag kennenzulernen ist viel, bei mehr als zwei Projekten ist die Aufnahmefähigkeit
weitestgehend ausgereizt. Eine bessere Verteilung der verschiedenen Projekte
auf mehrere Tage wäre hier empfehlenswert.
Das Abschiedsfest, das die deutsche Gruppe in der Pousada
für die neugewonnenen brasilianischen Freundinnen und Freunde aus
den Projekten organisierte, war ein voller Erfolg. Ganz offensichtlich
ist es eine sehr gute Idee, sich durch ein solches Fest bei den Erzieherinnen
und Erziehern für ihre Mühe zu bedanken.
6. Das Partnerprojekt Ruas é Praças:
Es gab dieses Jahr kein richtiges gemeinsames Workcamp-Werk,
dafür eine Vielzahl kleinerer Werke. So halfen wir bei der Erstellung
des Fundaments eines neuen Hauses, verlegten Wasserrohre und beteiligten
uns darüber hinaus an all den täglich anfallenden Arbeiten auf
dem Sitio. Die Gruppe integrierte sich und wurde integriert. Die Zusammenarbeit
klappte hervorragend. Trotz der oft nicht wenig anstrengenden Arbeit und
eines relativ hohen Arbeitsanteils im Tagesablauf murrte niemand und es
blieb dennoch Zeit zum Kennenlernen und zu Gesprächen, aber auch zum
Basteln Spielen und Spaßen.
7. Interkulturelles:
Durch die vielen gemeinsamen Unternehmungen wurde ein
reges Miteinander ermöglicht. Musik liegt in Brasilien immer und überall
in der Luft und wir Deutschen können da nicht immer mithalten. Es
bleibt, die Empfehlung zu wiederholen, darauf vorbereitet zu sein. Wir
hatten diesmal zwar eine Gitarre und konnten auch das eine oder andere
Lied vortragen, doch davon kann man nie genug präsentieren! - Macht
übrigens Laune!
Die Empfehlung des Vorjahres aufgreifend, konnten wir
uns dieses Jahr schon auf den Vorbereitungstreffen Material erarbeiten
und Themen und Probleme zur sozialpolitischen Lage Deutschlands anschneiden.
Die Präsentation (u.a. Photos aus dem deutschen Alltag, Zeitungsbilder,
wie groß ist Deutschland im Vergleich zu Brasilien etc.) erwies sich
als hilfreich und wurde von den brasilianischen Erziehern mit großem
Interesse aufgenommen. In diese Richtung könnte trotzdem noch einiges
mehr erarbeitet werden. In jedem Fall zeigte sich hier, daß die Vortreffen
nicht nur dem gegenseitigen Kennenlernen dienen, sondern durchaus auch
sinnvolle Arbeitsschwerpunkte zur Vorbereitung beinhalten können und
sollen.
Erst am Sonntagnachmittag nahmen wir schweren Herzens
voneinander Abschied. Bis zuletzt reflektierten wir und werteten aus. Am
Ende waren sich alle einig: Diese Maßnahme und die AG-Recife (in
Zusammenarbeit mit der SoliJugend), das ist was ganz Wichtiges und Großes!
Martin
|