Workcamp mit Jugendbegegnung 1998
Programm
Vorwort
Marc
Das Einchecken lief ganz problemlos, doch da die Schlange zur Abflughalle lang war, wurden wir auf eine kleine Irrfahrt durch den Flughafen geschickt, was aber nur noch mehr Zeit gekostet hat, so dass wir erst auf die Minute pünktlich im Flieger saßen. Die 9 Stunden Flug waren sehr anstrengend und ermüdend. Auf den unbequemen Sitzen und mit dem Lärm konnte man, wenn überhaupt, nur schlecht schlafen. Wir waren dann alle sehr froh, als wir aus dem Fenster Recife erblicken konnten. Kurz vor 17 Uhr setzte unser Flieger auf brasilianischem Boden auf. Auf der Besucherterrasse erwarteten uns bereits die Müllfrauen, unser Busfahrer Walter, Tonho, Selma, Gelly und andere von Ruas e Praças. Nach der herzlichen Begrüßung ganz nach brasilianischer Art, machten wir uns mit dem klapprigen Mikroomnibus auf den Weg nach Olinda, aber nicht ohne zuvor am Strand von Boa Viagem eine erste unglaublich leckere Kokosnuss zu genießen. Schon auf dieser ersten Busfahrt vom Flughafen nach Olinda wurden wir mit dem Problem der Straßenkinder und der Armut in Brasilien konfrontiert: Das Viertel Boa Viagem, wo die Touristen residieren, mit sauberem Strand und einer Skyline von Hotels, im Gegensatz zu den Leim schnüffelnden Kindern auf der Straße; die eingezäunten Oberschichthäuser gegenüber den Favelas am Flussufer. Am Abend gingen wir zum Maniokessen in eine kleine Bar. Hier hatten wir bei brasilianischer Straßenmusik gleich die richtige Atmosphäre. Nach einer nächtlichen Poolrunde und der Besprechung des folgenden Tages fielen wir todmüde ins Bett. Kerstin
Doch auch der ernste Teil durfte nicht fehlen. Wir besprachen schon einmal, wie es nach dem Sitio in der Stadt weitergehen sollte. Unser Ziel war es, den Brasilianern ein Stück von unserer Heimat näherzubringen. Sabine hatte ein echt tolles Plakat mit Photos von uns zusammengestellt. Von der Umgebung, in der wir wohnen, Schule, Arbeit, Freizeit usw. Marc stellte ein Plakat mit Photos von der AG-Recife zusammen. Die Arbeit war somit getan (für diesen Tag), so dass wir ohne schlechtes Gewissen auf den Hügel gehen konnten und mit Tapioka und Kokosmilch noch einen schönen Abend verbrachten. Maike
Es folgte die recht abenteuerliche Busfahrt zum Sitio. Bald nach dem Verkehrschaos der Großstadt befanden wir uns in der gleichsam unendlichen, wie erschreckenden Weite der Zuckerrohrmonokulturen Pernambucos, nur gelegentlich unterbrochen von Ortschaften und kleinen Bergkuppen. Am Straßenrand Geier. Nach einiger Zeit überquerten wir die Grenze zu Paraíba. Die befestigte Straße verließen wir bald, um über einen holprigen Weg, zu dessen Schlaglöchern wir später beim Sand holen und Zement mischen noch unseren Beitrag leisten sollten, den Sitio zu erreichen. Bei unserer Ankunft dort erwarteten uns schon die Kinder und Erzieher, denen die meisten von uns wohl zunächst etwas ratlos gegenüberstanden. Hatten wir es uns so vorgestellt? Anders? Oder doch so? Die Berührungsängste sollten sich jedenfalls im Laufe der Zeit noch legen. Als wir anschließend unsere Unterkünfte bezogen, mussten die Veteranen unter uns erstaunt, oder gar entsetzt, feststellen, dass der Abenteuercharakter mittlerweile durch fließend Wasser, dank Pumpe und Wasserturm, geschmälert wurde. Den anderen hingegen reichte jedoch die bereits am ersten Tag in Erscheinung tretende Tierwelt in Form von riesigen Ameisen und noch um ein vielfaches größere Spinnen aus, um echtes „Sitio-Feeling“ aufkommen zu lassen. Zu Ende ging der Tag am Lagerfeuer mit einer der zahlreichen Vorstellungsrunden, von denen wir noch einige vor uns haben sollten. Michael
Der Abend war wunderschön. Die Kinder machten ein Lagerfeuer, wir tanzten und sangen. Es gab keinen Unterschied zwischen Deutsch und Brasilianisch. Außerdem konnten einige von uns ihre Capoeira-Kenntnisse zur Schau stellen. Müde und erschöpft fielen wir später ins Bett. Es gab nur noch ein paar organisatorische Probleme, da zwei Betten nicht ganz halten wollten, und Zdena so unser Frauenzimmer verließ. Wir alle freuten uns sehr auf den nächsten Tag! Maike
Nach dem Frühstück folgte die Arbeitsbesprechung, bei der wir in fünf Gruppen eingeteilt wurden. I (Küche): Marc II (Feldarbeit mit Pedro): Ines, Zdena und Senta III (Schubkarren schieben): Sabine und Emmeran IV (Inhame schälen): Maike, Kersin und Berenice V (Gartenarbeit): Michael und Thomas Berenice fotografierte uns bei der Arbeit. Es schien ihr Spaß zu machen. Vor dem Essen gingen wir alle gemeinsam zum Fluss, um uns zu waschen. Roseneide und Joséliçe waren mit dabei. Sie waren von Michaels neuer Taucherbrille und seinem Schnorchel so begeistert, dass sie diese sofort ausprobieren wollten, um damit Fische zu fangen. Auf dem Weg vom Fluss zu unserem Haus huschte ein ca. 50 cm großer Leguan blitzschnell an uns vorbei in das Zuckerrohrfeld. Einige von uns waren froh darüber, dass er die Flucht ergriffen hatte. Da der Trommel-Workshop ausgefallen war, beschlossen Ines und Marc, einen Zirkus-Workshop zu veranstalten. Gegen 14.30 Uhr begannen wir dann mit dem Schminken. Die Kinder waren völlig aus dem Häuschen. Sie sprangen umher, lachten und tanzten vor Freude. Außer Schminken wurde noch Einrad fahren und Jongliern angeboten. Vor allem Ines und Marc, aber auch ein paar Kinder konnten sich für das Einrad fahren begeistern. Bevor es dunkel wurde, gingen wir erneut zum Fluss, um die Schminke abzuwaschen. Nach dem Abendessen ging es nach Caaporá. Vor allem die Mädchen machten sich für die Stadt ganz fesch. Da wir 30 Leute waren, gingen wir die Strecke zum Teil zu Fuß bis wir vom Busfahrer, der insgesamt drei Mal fahren musste, abgeholt wurden. Die Kinder warteten schon ungeduldig an einem Kiosk. Nachdem wir ihnen ein Eis spendiert hatten, gingen sie mit den Erziehern ins Zentrum, um sich eine Seifenoper anzuschauen. Wir saßen in gemütlicher Runde beisammen und beredeten noch einige Dinge. Emmeran
Obwohl wir nach diesen Strapazen schon ziemlich erschöpft waren, fand noch das traditionelle Länderspiel statt, und Deutschland siegte mit 10:5 (ein überraschendes Ergebnis). Am Abend kamen 6 Jungen aus der Stadt auf den Sitio, die diesmal nicht mitgenommen wurden, da sie nicht am Treffpunkt waren oder Drogen dabei hatten. Sie waren per Anhalter oder mit dem Bus auf eigene Faust losgezogen. Diese Aktion zeigt, wie viel den Kindern an Capim de Cheiro liegt, und was sie alles auf sich nehmen, um dort sein zu können. Aber die ganze Sache brachte auch Aufregung mit sich. Vor allem die Erzieher hatten Angst, dass die Kinder Drogen einschmuggeln könnten, was die ganze Arbeit mit den Moradores und den 5-Tages-Kindern zunichte gemacht hätte. Aber es lief alles ganz gut. Die Kinder durften am Abendessen teilnehmen und wurden dann zurück in die Stadt gebracht. William, ein Junge, der letztes Jahr noch Morador war, war auch dabei. Er sah im Vergleich zum letzten Jahr viel schlechter aus, ganz mager und verwahrlost. Er war uns gegenüber total zurückhaltend, und vielleicht hat er sich geschämt oder er hat uns nicht wiedererkannt. Durch diesen Zwischenfall konnte Tonhos Abendprogramm erst ziemlich spät beginnen, aber es wurde sehr erfolgreich. Es gab zwei gemischte Mannschaften, die Aufgaben, die mit der Straßenkinderproblematik und dem Leben zu tun hatten, lösen mussten. So sollte zum Beispiel ein Theaterstück erfunden werden, indem das Leben auf der Straße dargestellt wurde, oder wir mussten ein Lied über das Leben singen. Wir waren erstaunt, was für gute Ideen die Kinder hatten, und wie aktiv sie dabei waren. Natürlich gab es keinen Sieger, denn beide Gruppen waren gleich gut. Der Abend fand schließlich am Lagerfeuer schnell seinen Ausklang, da alle nach diesem besonders arbeitssamen, sportlichen und ereignisreichen Tag müde waren. Kerstin
In einer nahe gelegenen Strand-Barraca (ein Imbiss-Stand) konnten wir anschließend die kulinarischen Spezialitäten der brasilianischen Küche genießen. Nach dem reichhaltigen Mittagessen - es gab Fisch und Meeresfrüchte - fuhren wir zurück zum Sitio. Die 5-Tages-Kinder hatten bereits ihre Sachen gepackt und konnten die Geschenkübergabe kaum noch erwarten. Jedes Kind erhielt ein T-Shirt, Bonbons, Kugelschreiber und Seifen. Ihre Augen glänzten und ein breites Grinsen zierte ihr Gesicht. Erneut sollte mir bewusst werden, wie genügsam doch diese Menschen sind. Und sogleich beschlich mich das schlechte Gewissen. Ich bin in einer behüteten Familie aufgewachsen, konnte eine vorbildliche Erziehung genießen und kann mir stets der Liebe und Unterstützung meiner Eltern gewiss sein. Diese Kinder hingegen wachsen ohne Geborgenheit und Liebe auf, fristen ihr Dasein auf der Straße, stets auf der Suche nach Essensresten und einem Schlafplatz, betäuben ihre Ängste mit Drogen, ohne jegliche Perspektive auf eine bessere Zukunft. Eine bittere Erkenntnis, die einem nicht nur traurig stimmt. In diesem Moment begriff ich, wie wichtig der Sitio für die Straßenkinder ist. Sie können hier verschiedene landwirtschaftliche Tätigkeiten erlernen, ein friedlichen Umgang miteinander üben und Verantwortung übernehmen. In diversen Workshops wird ihre Kreativität gefördert und ihr Selbstwertgefühl aufgebaut. Hier können die Kinder ihre positiven Seiten entfalten und ein menschenwürdiges Leben führen. Lob und Anerkennung verdienen vor allem die Erzieher. Ich bewundere ihre Geduld und ihre aufopfernde Art. Es stimmte mich traurig, Abschied nehmen zu müssen. Plötzlich sprangen uns die Kinder entgegen, bedankten sich und umarmten uns herzlich. Kurze Zeit später fuhren sie los, Richtung Recife. Am Nachmittag war Inhame schälen angesagt. Eine recht mühselige Arbeit, die einige scheuten, andere wiederum auf die tollkühnsten Ideen brachte. Ich erinnere an die Erfindung einer Inhame-Schäl-Maschine. Anschließend genossen wir noch ein erfrischendes Bad im Fluss. Nach einem leckeren Abendessen entschieden wir uns, nach Caaporá zu fahren. Die Moradores wollten sich unbedingt telenovelas, brasilianische Fortsetzungsserien, anschauen. Einige Dorfbewohner saßen bereits vor einem riesigen Fernseher, der übrigens im Freien aufgebaut war, und starrten auf die Flimmerscheibe. Die Moradores gesellten sich dazu und verfolgten ebenfalls ganz gespannt die Serie. Wir hingegen zogen es vor, mit ein paar Jugendlichen Billiard zu spielen. Danach sollten wir "brasilianisches Kulturgut" kennenlernen. Irrtümlicherweise hatte ich angenommen, dass ihre Kultur auf uralten Traditionen beruht, dass sie sich auf eine eigene prähistorische Vergangenheit berufen. Doch ich wurde schon bald eines Besseren belehrt. Vor etwa 60 Jahren schrieb der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig: "...die Aufbauelemente ihrer Kultur sind doch zur Gänze aus Europa importierte." Und weiterhin: "Es gibt keine prähistorische brasilianische Dichtung, keine urbrasilianische Religion, keine altbrasilianische Musik, ..." Auf dem Straßenfest, an dem wir anschließend teilgenommen hatten, war ich dann ziemlich erstaunt über die unerschöpfliche Vielfalt der Música Popular Brasileira, der brasilianischen Volksmusik. Unzählige Dorfbewohner hatten sich auf einem Marktplatz versammelt, um gemeinsam zu feiern. Blitzschnell ergriff Berenice meine Hand und zerrte mich in den Kreis der tanzenden Menge. Sogleich gesellten sich Ines und Zdena dazu, die anderen der Gruppe folgten uns etwas später. Endlich hatten die Kinder Gelegenheit, uns ihre Tanzkünste vorzuführen. Wir tanzten und sangen mit den Einheimischen bis spät in die Nacht. Senta
Gestern war es eben doch ein wenig später als sonst geworden. Also haben wir schon mal gegessen und die Kinder erst nach uns. Den ganzen lieben langen Morgen hat es geregnet, und dabei hatten wir doch vor, an den Strand mit den Moradores zu gehen! Witzig war, was uns Simone bei der Frühstücksvorbereitung erzählte: Nach unserem Auftritt beim Tanzabend gestern waren wir heute das Stadtgespräch in Caaporá! Man freute sich sehr, dass wir ganz ungezwungen mitgemacht hatten. Bei den einen oder anderen Einheimischen war aber auch ein wenig Eifersucht aufgekommen, weil wir die Aufmerksamkeit des jeweils anderen Geschlechts auf uns gezogen hatten. Das Urteil der Brasilianerinnen war eindeutig: Die Deutschen sind stattliche Männer! Was uns weiter daran hinderte, gleich loszufahren, war die Tatsache, dass die Inhame gestern nicht verkauft werden konnte. Simone hatte aber damit gerechnet, dass die Inhame gestern verkauft und bar bezahlt worden war. Mit dem Geld wollte sie wiederum den Maurer, der den kleinen Versammlungsplatz mit den Steinbänkchen fertigte als auch die Helfer vom Inhame schälen bezahlen. Heute um 9 Uhr kam dann ein Händler, der bereit war, die Inhame zu kaufen. Bis allerdings geklärt und gewogen war, wie viel Inhame erst- und wie viel zweitklassig waren, dauerte es noch eine ganze Weile. Dann fuhren wir endlich nach Jacumá an den Strand. Dort lagen wir im Sand. Bernardo und Chico ließen ihre selbstgebauten Drachen steigen, später spielten einige Fußball und andere gingen schwimmen. Draußen im Meer lagen die Boote der Fischer. Ines, Sabine, Emmeran und ich schwammen zu einem hinaus und ließen uns von den Wellen schaukeln. Später kamen Marc und Kerstin nach. Nach einer Weile schwammen wir wieder zurück. Zurück am Strand, spielten manche, andere legten sich hin und schliefen. Dann zog Marc mit Tonho los, später Emmeran mit Berenice, um spazieren zu gehen. Irgendwann ging auch Ines. Als Walter und Simone fragten, ob jemand mitkommen wollte, kam ich dann auch mit. Wir gingen den Strand ganz hinunter bis ein paar Felsen den Weg versperrten. Es gab jedoch ein Felsentor und dahinter öffnete sich dann eine versteckte Bucht. Auf der anderen Seite gab es eine kleine Kneipe mit einem großen Sonnendach, unter dem bereits Marc, Emmeran, Ines, Tonho und Berenice bei einem Bier saßen. Wir gesellten uns dazu, gingen schwimmen und kehrten dann zu den anderen zurück. Die waren ziemlich sauer, weil sie sich allein zurückgelassen fühlten. Also aßen wir erst einmal zu Mittag, um die Mägen und die Gemüter zu beruhigen. Wir blieben noch ein wenig und fuhren dann zurück. Auf der Heimfahrt wann wir alle sehr müde. Wir kamen in eine Polizeikontrolle, mussten halten, und der Polizist prüfte Ines` Papiere, teilte ihr dann mit, dass ein Scheinwerfer durchgebrannt ist und ließ uns dann weiterfahren. Nach der Ankunft duschten alle, dann gab es Abendessen. Die Mädchen waren noch so begeistert vom Erfolg des gestrigen Abend, dass sie unbedingt heute Abend nochmal nach Caaporá fahren wollten. Die meisten von uns fühlten sich allerdings zu müde, um nochmal tanzen zu gehen. Also fuhren nur Ines, Berenice, Emmeran, Tonho und die Moradores nach Caaporá, und der Rest blieb hier und ging nach und nach zu Bett. Unterdessen begann es zu regnen, und die Gruppe mit den Moradores erreichte den Saal, in dem die Musik gespielt wurde. Die Musik muss sehr laut gewesen sein, die Mädchen fanden es aber gut und gingen tanzen. Es war noch so früh am Abend, dass das Ganze eher die Züge einer Teenieparty annahm. Also tranken Ines und Berenice lieber etwas; Walter, der nette Busfahrer, bestellte ohnehin mehrere Mal. Sie blieben noch für ein paar Tänze, kehrten dann aber Heim und gingen ebenfalls schlafen. Stephanie
Marc und Senta schliefen erstmal ein paar Stunden, während ich die Gelegenheit nutzte, ganz ungestört meine Wäsche zu waschen und aufzuhängen. Später, die zwei waren wieder aufgewacht, packte uns die Lust auf ein Essen wie daheim: Bratkartoffeln! Dabei bekamen wir Besuch von einem jungen Mann, der auf der anderen Seite des Flusses wohnt. Er suchte einfach nur ein Gespräch. Trotz Verständigungsschwierigkeiten unterhielten wir uns ein wenig. Der junge Mann sagte, er sei Zimmermannsgehilfe. Er war sehr interessiert daran, etwas über uns zu erfahren, unser Bild von Brasilien und den Vergleich zu Deutschland. Als wir gegessen und gespült hatten, verabschiedete er sich. Am Abend kamen die anderen vom Strand, und wir machten uns daran, das Gulasch zu kochen. Keine leichte Aufgabe. Es wurde 20 Uhr bis es fertig war. Danach saßen wir noch zusammen. Im Laufe des Gesprächs brachte Senta eine Diskussion, um die Frage, wie sinnvoll es ist, einen Besuch in der Favela zu machen, in Gang. Es kamen Fragen auf, wie die, ob wir überhaupt das Recht haben, in eine solche hineinzugehen, oder ob es genüge zu wissen, dass dort eine extreme Armut herrscht. Die Meinungen waren geteilt. Alle, die bereits eine Favela gesehen hatten, schätzten diese Erfahrung als sehr wertvoll ein. Sentas Skepsis in Bezug auf die Gefahr, die Menschen dort in ihrer Würde zu verletzen, blieb. Es ist sicher wichtig, sich über seine Motive beim Besuch einer Favela klar zu sein, auch die Achtung vor den Menschen in der Favela sollte man auf jeden Fall wahren. Ich gebe zu, dass es mir nicht möglich ist, hier ein klares Fazit zu ziehen. Nach und nach ging jeder seinen eigenen Gedanken nach. Manche gingen zu Bett. Plötzlich fiel uns ein schabendes Geräusch auf. Es kam nicht aus dem Zimmer und auch nicht von draußen. Etwas musste auf dem Dachboden sein. Michael wollte dem Geräusch unbedingt nachforschen, also machte Thomas eine Räuberleiter und Michael stieg hinauf. Er konnte nichts entdecken; eigentlich war Senta schon ins Bett gegangen, aber sie hatte die kratzenden Geräusche auch gehört und nahm an, Michael hätte sie verursacht. Als wir sagten, dass wir ein Tier auf dem Dachboden vermuteten, wollte sie es unbedingt selbst sehen. Ihr mit Hilfe einer Räuberleiter einen Blick auf den Dachboden zu verschaffen, war ein größeres Unterfangen, aber gemeinsam gelang es. Trotz allem haben wir immer noch nicht herausgefunden, was es war. Eigentlich wollten wir nur noch einmal auf die Toilette gehen, bevor wir ins Bett gehen, aber das Wasser war ausgegangen, und die Spülung ging nicht mehr. Also starteten Michael und Zdena noch eine Wasserholaktion, allerdings mit geringer Ausbeute, obwohl es sehr regnete. Nach all den verrückten Unternehmungen gingen wir schließlich auch schlafen. Stephanie
Zusatzbericht Sonntag, 23. 08. 98
Am Strand war es herrlich. Die Sonne hat die ganze Zeit geschienen und wir haben auf den Felsen Einsiedlerkrebse gesammelt, mit den Kindern im Wasser getobt oder einfach nur in der Sonne gelegen. In einem Strandlokal haben wir zu Mittag gegessen: Fisch natürlich und Hühnchen. Kerstin
Wir verkrochen uns in unserer Unterkunft und verfluchten unser Schicksal oder auch nur das Wetter und versuchten unserer vor der Sintflut geretteten Wäsche, eine neue Unterkunft im Innern des Hauses zu schaffen. Mittags jedoch wurde es interessanter, denn ein Gespräch mit den Erziehern stand auf dem Programm. Sie erzählten von Ihren Problemen, Wünschen und Plänen, allen voran denen zur besseren Alphabetisierung, die nun in Angriff genommen werden sollte. Uns interessierten vor allem die einzelnen Geschichten und Schicksale der Kinder, die wir auf dem Sitio kennengelernt hatten. Die Erzieher konnten jedoch auch nicht mit genaueren Informationen aufwarten, da auch sie nur das wussten, was ihnen die Kinder zuvor über sich und andere erzählt hatten - häufig zusammenhanglos und widersprüchlich. Als dann die Kinder die Runde stürmten, mussten wir leider das Gespräch bald beenden, da die Unruhe zu groß wurde. Doch auch von ihnen kamen noch interessante, obgleich verblüffende, Fragen. So wurden wir beispielsweise gefragt, ob wir schon immer weiß gewesen seien und schon immer Deutsch gesprochen hätten. Michael
Pünktlich zum Abendbrot kamen die anderen vom Einkaufen zurück, und es wurde zum letzten Mal auf dem Sitio zu Abend gegessen. Erst beim Abendessen wurden mir einige Dinge deutlich, die ich vorher nicht bemerkt hatte: Abgesehen von den großen Portionen, die sie aßen, was wir von den Kindern schon gewohnt waren (doch bei den 2-Tages-Kinder war es noch erstaunlicher, da viele von ihnen noch sehr jung und körperlich unterentwickelt waren), fielen die kleinen Streitereien untereinander auf und vor allem, dass viele von ihnen auf dem Boden aßen! Sie ignorierten die Tische und Bänke und aßen, wie sie es auch sonst auf der Straße gewohnt waren, auf dem Boden. Auf das Abendessen folgte das Abschiedsfest am Lagerfeuer. Dabei wurde der geerntete Mais geröstet und viel erzählt. Zum Abschluss hielt jeder der Moradores eine kleine Rede, in der er/sie erzählte, was ihm/ihr gefallen hatte. Insgesamt war das eine sehr schöne Geste. Besonders interessant und lustig war, wie die Kinder die „Gringos“ zu unterscheiden versuchten: Da sie sich die Namen vieler von uns nicht merken konnten, hießen Marc z.B. einfach nur der Autofahrer und ich der 16-jährige. Im Anschluss zeigte Emmeran nochmal seine Feuerspuckkünste, was die Kinder sehr begeisterte. Einige von uns gingen früh zu Bett, die anderen saßen noch bis 3 Uhr um das Lagerfeuer, denn es gab noch sehr viel zu erzählen. Thomas
Nachmittags überraschte uns die Köchin mit leckerem Pudding und wir bereiteten uns langsam auf den Abschied vor. Wie in Brasilien üblich, dauerte das Verabschieden ziemlich lange, so ungefähr zwei Stunden. Die Erzieher bekamen etwas geschenkt, den Mädchen und Jungen schenkten wir Kleinigkeiten wie T-Shirts, Kämme und Taschen, wobei es noch zu einer kleinen Eifersuchtsszene kam, da wir nicht allen genau dasselbe geschenkt hatten. Ganz besonders freuten wir uns über kleine lackierte Tonplastiken, die die Kinder für jeden von unserer Gruppe ganz individuell modelliert hatten und uns ganz stolz überreichten. Danach fuhren wir zusammen mit den 2-Tages-Kindern nach Olinda. Die Moradores ließen es sich nicht nehmen, auf die Busstoßstange aufzuspringen und ein Stück mitzufahren. Als die 2-Tages-Kinder in Recife aus dem Bus steigen wird uns zum ersten Mal richtig bewusst, dass sie niemand haben, der sie abholt, meist keine Wohnung, in der sie sich waschen, schlafen oder etwas essen können. In Olinda in der Pousada angekommen, stürzen sich alle in den Pool, um den Sitio-Sand loszuwerden und danach, hungrig wie die Straßenkinder, auf das Abendessen. Sabine
Nach einer persönlichen Vorstellungsrunde wurde uns die Situation der Kinder in Brasilien (Geschichte der Straßenkinder) anhand von bemalten Plakaten dargestellt. Nach dieser Einführung stellten sich die einzelnen Gruppen kurz vor.
Um 14 Uhr bzw. 15 Uhr gingen wir in zwei Gruppen mit je zwei Erziehern von Ruas e Praças zu dem Treffpunkt der Straßenkinder. Die Kinder liefen uns entgegen und begrüßten uns ganz herzlich. Es waren ziemlich kleine Mädchen dabei; sie schnüffelten aber nicht, das taten nur einige der Jungen. Zdena, Marc und Emmi spielten mit 4 Jungen Fußball. Ines, Steffi und Senta malten mit den anderen Kindern. Es kamen noch einige Jungen dazu - sie waren ziemlich fertig. Aufgrund des Leims, den sie zuvor geschnüffelt hatten, konnten sie fast nicht reden; auch ihre Motorik war erheblich eingeschränkt. Das ging einigen der Gruppe ziemlich nah, mir auch. Es fiel uns schwer, die Kinder so zurückzulassen. Wir verabschiedeten uns und fuhren zurück zur Pousada. Emmeran
Zusatzbericht Donnerstag, 27. 08. 98
Zur Straßenarbeit haben wir uns am Nachmittag in 2 Gruppen aufgeteilt. Die eine Gruppe blieb in der Nähe des Büros, und wir sind mit Tonho nach Boa Viagem gefahren. Es war jedoch eine sehr enttäuschende Erfahrung. Wir trafen die Kids gerade beim Essen an, sie hatten sich wohl etwas gekauft oder etwas geschenkt bekommen. Sie waren höchstens zu acht und schon etwas älter, so zwischen 15 und 20 Jahren, und fast jeder hatte eine Leimflasche und war total zugedröhnt. Wir haben versucht sie für "Memory" zu begeistern, was jedoch völlig erfolglos blieb. Die Kids waren so benebelt, dass man gar nichts mit ihnen anfangen konnte. Tarciana, die wir schon vom letzten Jahr kennen, und die auch auf dem Sitio in der 5-Tages-Woche war, war auch da. Sie sah ziemlich schlecht aus, aber Tonho hat gesagt, dass sie ab der folgenden Woche auch auf dem Sitio leben könne. Ich hoffe sehr, dass sie es schafft. Wir sind dann auch bald wieder gegangen, da wir noch fürs Abendessen einkaufen mussten. Dieser erste und einzige Tag für mich auf der Straße war nicht leicht aus dem Kopf zu bekommen. Abends haben wir innerhalb der Gruppe noch viel darüber geredet, und den anderen schien es nicht viel besser ergangen zu sein. Ich habe dann im Nachhinein ein schönes Straßenarbeitserlebnis vermisst, wo man sagen könnte: "Das war eine gelungene und sinnvolle Aktion." Nächstes Jahr werde ich auf jeden Fall mehr auf der Straße sein wollen und weniger bei den verschiedenen Projekten. Kerstin
Nachdem wir angekommen waren, hatten wir zuerst eine Unterhaltung mit den sehr freundlichen Arbeitern der Bewegung, in der uns deren „Leiter“ klar über Funktion, Geschichte, momentane Arbeit und mögliche Entwicklungen in der Zukunft des Movimentos aufklärten. Nachdem auch die vielen Fragen unsererseits beantwortet waren, machten wir uns erst einmal auf den Weg, das Gelände kennenzulernen. Die anfangs harmlos begonnene Wanderung sollte sich sehr schnell als eine kleine Abenteuerwanderung herausstellen, in der es sowohl über sehr schmale, wackelige Brücken ging, als auch über diverse Wasserstellen gewatet werden musste. Endlich wieder im Dorf angekommen, überraschten uns die Arbeiterfamilien mit frischen Kokosnüssen, die uns wieder zu Kräften kommen ließen sowie mit einem kompletten Mittagessen, das sie speziell für uns zubereitet hatten. Abgesehen davon, dass es ein bisschen trocken war, tat es vielen von uns gut. Auch sonst waren die Menschen des Movimento sehr freundlich zu uns. Zum Abschluss tanzte fast das ganze Dorf mit uns noch eine Siranda, es wurden Bilder gemacht und wir bekamen sogar eine rote Fahne des Movimento geschenkt. Recht müde machten wir uns auf den Heimweg. Einige von uns gingen noch in Recife spazieren, der Rest fuhr direkt in die Pousada. Nun war Ausruhen angesagt, denn es sollte noch eine lange Nacht auf uns warten. In Recife fand der Maracatu Atômico statt, eine riesige Open-Air-Party mit traditionellen Tänzen und Verkleidungen. Wieder einmal mussten wir Deutsche die unglaublichen Tanzkünste der Brasilianer bestaunen, neben denen man sich wie ein steifer Baumstamm vorkommt. Es sollte noch ein langer, sehr spaßiger und amüsanter Abend werden, denn die Party hat wirklich gehalten, was sie versprochen hatte. Thomas
Ein Tag der Erholung war angesagt. Und welcher Ort eignet sich wohl dafür am besten? Keine Frage, natürlich der Strand von Gaibu. Nach einem üppigen Frühstück in der Pousada fuhren wir endlich los. Am Ziel angekommen, genossen wir dann erstmals die einzigartige Aussicht. Ein kleines Schmuckstück der Natur, fernab vom Touristenrummel, ließ kein Zweifel aufkommen: Das wird ein ruhiger, erholsamer Tag. Doch die Freude war von kurzer Dauer. Nachdem wir im Meer gebadet hatten, fing es an zu regnen. Wir packten schnell unsere Sachen und verkrochen uns unter die Sonnenschirme. Während einige von uns vor lauter Erschöpfung eingeschlafen waren, nutzen Maike und Marc die Gelegenheit, sich mit den Erziehern, Tonho und Loy, über das brasilianische Bildungswesen zu unterhalten. Das Ergebnis der angeregten Diskussion war erschütternd: Tonho stellte mit Bedauern fest, dass das brasilianische Bildungswesen seinen elitären Charakter beibehalten hat. Zum einen ist die öffentliche Schule nicht kostenlos - zu den Kosten gehören Einschreibgebühren, Kosten für Lehrmittel, Schuluniform, aber auch beispielsweise Schuhe. Zum anderen wurde der Hochschulzugang erheblich erschwert; kaum ein ein Absolvent der Sekundarschulen kann die Hochschulaufnahmeprüfungen bestehen, ohne zuvor kommerzielle Vorbereitungskurse (cursinhos) besucht zu haben. Inzwischen hatte der Regen nachgelassen und wir beschlossen uns ein wenig zu stärken. Das Mittagessen war wie gewohnt reichhaltig und einfach köstlich. Gut gelaunt und bestens ausgerüstet zogen wir anschließend los, um die felsige Küstenlandschaft zu erkunden. Da es ziemlich neblig war, konnten wir am Horizont lediglich die Konturen der Stadt Recife sehen. Ich muss gestehen, auch mein Geist war von Nebel umhüllt. Es war mir unmöglich das Erlebte zu überdenken und auszuwerten. Ich hatte zwar kein Kulturschock erlebt, aber das viel beschworene Elend, die ausweglose Situation der Straßenkinder und der Kampf der Erzieher hatte eine ziemlich bedrückende Wirkung auf das Gemüt. Es bleibt sicherlich eines der größten Geheimnisse Brasiliens, wie die Betroffenen damit fertigwerden. Wir, damit meine ich die Privilegierten unter uns, müssen erkennen, dass Armut und Ausbeutung in der Dritten Welt auch das Ergebnis von Wachstum und Wohlstand in den Industrieländern, von Rohstoffverschwendung hier zu Lande und von weltweiter Aufrüstung sind. Nach diesem Ausflug gönnten wir uns noch eine kleine Erfrischung am Strand. Die unerschütterlich gute Laune der Brasilianer wirkte ansteckend. Auf der Rückfahrt nach Olinda konnten sowohl die Einheimischen als auch wir unsere Gesangskünste unter Beweis stellen. Nach einem recht üppigen Abendessen zogen es einige von uns vor, in der Pousada zu bleiben. Die Unternehmungslustigen hingegen schlenderten durch die stimmungsvollen, steilen Altstadtgassen von Olinda. Senta
Nach einem kurzen Imbiss begannen wir einen langen Spaziergang, bei dem wir alles Sehenswerte besuchen wollten. Die Tatsache, dass sich selbst die dunkelsten Brasilianer mit Sonnenschutz versorgten, flößte uns großen Respekt vor der Dauer des Ausfluges ein. Wir gingen zunächst zu einem kleinen See, an dem es uns so gut gefiel, dass wir gleich baden gingen. Währenddessen entwickelten sich viele Gespräche im kleinen Kreis. Mich zum Beispiel interessierte, welche Rolle die sexuelle Aufklärung in brasilianischen Schulen und im pädagogischen Konzept unserer Partnerorganisation spielt. Die Erzieher erklärten mir, dass dieses Thema ein wichtiger Bestandteil ihrer Arbeit ist, da es in der Schule nie behandelt wird. Abgesehen davon besuchen sowieso wenige der armen Kinder eine Schule. Sie waren sehr überrascht darüber, dass sexuelle Aufklärung in deutschen Schulen Bestandteil des Lehrplans ist und beurteilten dies als gut und wichtig. Da wir diesen schönen Platz am See nicht verlassen wollten, holten wir unser Mittagessen mit dem Auto ab, um es in der freien Natur zu genießen. Der folgende Regen verhinderte, dass wir unseren Spaziergang zu Ende führten. So begaben wir uns nach einem kleinen Umweg über einen Aussichtsturm zurück zum Haupthaus. Dort sorgte der Barkeeper für brasilianische Musik, so dass sich gleich eine Tanzstunde anschloss. Nach der Dämmerung fuhren wir nach Hause, da die Köchin mit dem Abendessen wartete. Am Abend gingen noch einige in eine typische Straßenkneipe. Marc
Wir fuhren zuerst ein Stück mit dem Bus, hatten aber nur eine ungefähre Beschreibung des Weges. Die Endhaltestelle war verlegt worden, und Ines konnte sich nicht mehr genau an den Ort erinnern, an dem die Gruppe arbeitet. Nach einigen Telefonaten und Rundgängen durch Olindas Straßen holte uns ein Junge ab, und wir kamen eineinhalb Stunden später als erwartet beim Projekt an. Aber das war natürlich não problema. Wir wurden sehr herzlich von vielen Kindern empfangen und besichtigten erstmal die Räumlichkeiten. Die Grupo Ressurreiçao ist ein Präventionsprojekt, das mit meist 7 bis 18-jährigen Kindern der umliegenden ärmeren Stadtteile Olindas arbeitet. Es werden verschiedene Workshops, wie Körbe flechten aus Papier, Sticken, Puppen bauen aus Müll und Puppentheater, angeboten. Außerdem bieten sie Kurse in alternativer gesunder Ernährung für Mütter an. Der Erlös aus dem Verkauf von Körben und Stickereien trägt zu einem kleinen Teil mit zur Finanzierung des Projekts bei. Die Kinder sind die ganze Zeit unseres Besuchs über total aufgeregt und ich ärgere mich zum x-ten Mal darüber, dass ich nicht genug brasilianisch spreche und verstehe, um mich mit ihnen zu unterhalten. Die Jungen tanzen für uns Capoeira und wir spielen zusammen Fußball und Brennball. Die Kinder, die am Projekt teilnehmen, gehen vormittags in die Schule und nachmittags zur Gruppe oder wenn die Schule am Nachmittag ist, umgekehrt. So gibt es zwei Gruppen, die von 7 Erziehern betreut werden. Den Frauen und Männern konnte man die Begeisterung für Ihre Arbeit ansehen und trotz der Finanzierungsprobleme ihre ganze Energie dafür aufwenden, sich um die Kinder zu kümmern. Sie betreuen die Kinder bei den Hausaufgaben, spielen und basteln mit ihnen, sind teilweise Familie, wenn die Kinder, wie wir es in einem Fall erfahren haben, keine Eltern mehr haben. Von den Erziehern ist geplant, eine Schreinerwerkstatt einzurichten, um eine Art Berufsausbildung für die Kinder anzubieten. Da diese Art von Arbeit aber bei den Behörden als Kinderarbeit definiert wird, kann das Projekt vom Staat nicht gefördert werden. Wie bei anderen Projekten, ist die Finanzierung durch mehrere, wechselnde Organisationen nur bedingt sicher. Aber das beeinflusst die optimistische Einstellung der Erzieher nicht. Das kann man nur bewundern. Sabine
Zusatzbericht Montag, 31. 08. 98
Eine weitere Gruppe von 6 Personen besuchte heute das Projekt Semente de Amanhà. Dieses Projekt hatte mich letztes Jahr so begeistert, dass ich es unbedingt wieder besuchen wollte. Das Ziel der Erzieher ist es, die Kinder aus dem Stadtteil davon abzuhalten, auf die Straße zu gehen. Wir haben Kinder von 11 bis 17 Jahren kennengelernt. Da es so wahnsinnig viele sind, werden sie in zwei Gruppen eingeteilt. Es ist wirklich beeindruckend, wie viel Kraft die Erzieherinnen aufbringen müssen. Sie haben in Ihrem Stadtteil auch mit Drogen zu kämpfen, außerdem fällt im Herbst eine finanzielle Unterstützung aus, so dass sie stark um Ihre Existenz kämpfen müssen. Als wir ankamen, waren die Kinder gerade beim Basteln, vor allem Mädchen, da die Jungen beim Fußballspielen waren. Aus Palmenblattstengeln waren Stempel gebaut worden und es war wunderschön zu sehen, mit wie viel Kreativität die Kinder an die Arbeit gingen. Nähen war auch beliebt. Uns wurden die schönsten Muster präsentiert. Der Weg zum Fußballplatz danach glich einer kleinen Wanderung, doch als ich die Jungen in der knallen Sonne spielen sah, schämte ich mich für meine Schweißausbrüche. Dieses Spiel hatte richtige Koordination, einen richtigen Trainer; mal was ganz anderes. Sie spielen auch richtige Turniere. Im Haus haben wir die Pokale bewundert. Dort konnten uns dann alle Kinder Fragen stellen. Es hat mich gewundert, was für teilweise anspruchsvolle Fragen kamen. Ich hatte das Gefühl, dass den Kindern hier sehr viel geboten und geholfen wird, und sie das auch zu schätzen wissen. Es hat mich auch sehr gefreut, viele vom letzten Jahr wiedergesehen zu haben. Nach dem Mittagessen gab es noch eine Gesprächsrunde mit den Erziehern, wo sie uns auch Fragen stellen konnten. Insgesamt hat mich die Atmosphäre wieder total beeindruckt; ein krasser Gegensatz zu den Straßenkindern. Die Kinder lachen alle, sind glücklich und zum Abschied bekamen wir alle ein riesengroßes "Ciao" ! Maike
Eigentlich war geplant, dass wir mit zwei Straßenkindern zur Drogenberatungsstelle gehen wollten. Tonho erwähnte jedoch schon am Vorabend, es sei wahrscheinlich, dass die zwei gar nicht erscheinen würden, obwohl sie eigentlich beide motiviert sind von der Straße wegzukommen - wie viele andere auch. Tonho behielt Recht, sie kamen nicht. Es war deshalb so schade, da der eigentliche Grund für unser Kommen André war, einer der Straßenjungen. Wir kennen ihn seit dem letztem Jahr und wollten ihn wiedersehen. Da einige der Teilnehmer letztes Jahr schon am Workcamp teilgenommen haben, war das Interesse groß zu erfahren, was aus den Kindern und Jugendlichen, die wir letztes Jahr kennengelernt haben, geworden ist. Die meisten Kinder, mit denen wir die Zeit auf dem Sitio verbracht haben, sind wieder auf der Straße, vielen geht es schlechter. Samuel ist nach Tonhos Aussage in einem staatlichen Heim untergebracht, in dem es ihm sehr gut gehen soll. André hat den Sommer über als Eisverkäufer gearbeitet und muß nun die Zeit zum nächsten Sommer überbrücken. Nun war der Wunsch groß, einige von den Kindern wiederzusehen. So ging es auch Maike, die André treffen und mit ihm reden wollte. Leider kam es nicht zu dem erhofften Gespräch, da die Zeit, als er die Gruppe zufällig getroffen hat, dazu nicht ausgereicht hat. Nachdem es an diesem Morgen auch nicht geklappt hat, gingen wir mit Tonho zu einer Stelle, an der sich ein Teil der 2-Tages-Kinder aufhielten. Sie kamen uns schon von Weitem entgegengerannt und wollten uns dann auch das Haus zeigen, in dem sie wohnten. Die Kinder müssen durch das obere, enge Fenster krabbeln um herein zu kommen. Dann führten uns die Kinder zur „Schule der jungen Arbeiter“. Dort bekommen sie, wie sie erzählten, von Zeit zu Zeit etwas zu essen. Was uns überraschte, war, dass in diesem Haus deutsche Studenten der Zahnmedizin ehrenamtlich für drei Monate arbeiteten. Wir hätten nie angenommen, dort Deutsche zu treffen! Nach dieser Führung durch die nähere Umgebung verbrachten wir noch kurze Zeit bei den Straßenkindern und machten uns danach auf den Weg, die anderen zu treffen. Abends waren wir zu Tonhos Tanzstunde eingeladen, bei der wir einen weiteren Einblick in die regionale und überregionale Tanzkultur bekommen haben. Da es nicht unsere erste Tanzstunde war, konnten wir die schon erlernten Schritte erweitern. In Brasilien hat das Tanzen eine wichtige gesellschaftliche und traditionelle Stellung. Jeder Tanz hat seine eigene Entstehungsgeschichte und Funktion. Wie zum Beispiel Capoeira: Dieser berührungslose Kampftanz ist in der Zeit entstanden, als in Brasilien, meist afrikanische, Sklaven gehalten wurden. Die Menschen wollten ihre Kultur beibehalten. Mit der Zeit mussten sie sich anpassen und fügen. So entwickelte sich nach und nach das im Nordosten praktizierte Capoeira. Wir bekamen von Loi und Tonho die Grundschritte vom Cocô, Maracatu und Frevo beigebracht. Zdena
Zusatzbericht Dienstag, 01. 09. 98
Am Vormittag hatten Ines , Steffi, Sabine und Marc einen Termin beim deutschen Konsulat. Während wir auf den Empfang warteten, lernten wir einen deutschen Studenten kennen, der uns vom Deutsch-Brasilianischen Kulturzentrum in Recife erzählte. Er sagte, dass es in dieser Institution einige Brasilianer gibt, die gerne Deutsch sprechen und über Deutschland mehr erfahren würden. Deshalb lud er uns zum Stammtisch am nächsten Abend ein. Nun konnte uns Herr Kummer vom Deutschen Konsulat empfangen. Die Solidaritätsjugend sowie Ruas e Praças hatte schon im Frühjahr Kontakt zu ihm, so dass ihm die Arbeit unserer Partnerorganisation schon bekannt war. Wir erzählten ihm von unseren Eindrücken und den aktuellsten Entwicklungen in unserer Deutsch-Brasilianischen Partnerschaft. Herr Kummer interessierte sich sehr für den Verlauf unseres gegenwärtigen Projekts und für unsere Arbeit in Deutschland. Er betonte dass, der Kontakt zwischen Solidaritätsjugend und Konsulat wichtig ist und bot uns im Falle von Problemen seine Hilfe an. Zum Abschluss erwähnte er, dass er sich wieder über einen Besuch von uns freuen würde und verabschiedete uns mit einigen Tips zum Verhalten im brasilianischen Alltag. Marc
Zuerst trafen wir Kinder aus der Gemeinde, die am Treffpunkt arbeiteten, indem sie dort Autos putzten und auf sie aufpassten. Damit verdienen sie sich maximal drei Reais für einen Vormittag. Das Geld wird an die Familie abgegeben oder für den Kauf von Schulsachen verwendet. Die Kinder der Gemeinde gehen eigentlich alle zur Schule, die kleinen gehen vormittags zur Schule und arbeiten nachmittags, die großen machen es umgekehrt. Auch hier treffen wir jedoch auf einen Jungen, der keine Kontakte mehr zu seiner Familie hat. Er ist dreizehn Jahre alt und sagt, dass er bereits seit acht Jahren auf der Straße lebt und sein Geld für Leim ausgibt. Allerdings war er auch schon im 2-Tages-Rhythmus auf Capim de Cheiro. Wir fragten die Kinder, warum sie hier sind. Sie antworten, dass ihnen die Arbeit mit Sobe e Desce gefällt, weil sie ihnen besonders in ihrer Freizeit einen Ersatz für das Herumhängen auf der Straße bietet. Eine weitere Art, mit der sich die Kinder der Gemeinde ein wenig Geld verdienen, ist, den Leuten, die hier einkaufen, die Einkäufe nach Hause zu bringen. Wir verließen den Treffpunkt und gingen weiter zu einer großen öffentlich zugänglichen Markthalle. Auch sie ist ein Treffpunkt, allerdings treffen sich Sobe e Desce hier mit den Straßenkindern. Es ist wichtig, die Kinder der Gemeinde von den Straßenkindern zu unterscheiden, denn ihre Situation unterscheidet sich grundlegend: Die Kinder der Gemeinde stammen von hier und Leben bei ihren Familien; zumindest kehren sie abends heim. Die Straßenkinder dagegen stammen von außerhalb. Sie leben nicht mehr bei ihren Familien und verbringen auch die Nacht auf der Straße. Dienstags und donnerstags finden hier die Treffen der Basisgruppen statt. In diesen Basisgruppen diskutieren die Straßenkinder ihre Probleme und ihre Forderungen an den Staat und entsenden Vertreter in die höheren Ebenen sowie auf das Nationale Straßenkindertreffen in der Hauptstadt Brasiliens, Brasilia. Grundsätzlich trifft sich Sobe e Desce dienstags und donnerstags mit den Basisgruppen und betreibt mittwochs und freitags Arbeit auf der Straße. In der Markthalle trafen wir ein Mädchen aus der Gemeinde, das für Sobe e Desce den Status einer Vermittlerin und Ansprechpartnerin innehat. Sie ist 17 Jahre alt, lebt seit elf Jahren in dieser Gemeinde und besucht die zweite Klasse der Oberstufe. Ihrer Aufgabe ist es, die Zustände der Kinder und Familien zu untersuchen, davon zu berichten und sich mit Sobe e Desce zu beraten. Die Basisgruppe gibt auch eine kleine Zeitung heraus, in der sie über sich und ihre Aktionen berichtet. Das Mädchen dient auch für die übrigen Kinder als Anlaufstelle, wenn Sobe e Desce einmal nicht erreichbar sind. Als wir sie nach ihrem Berufswunsch fragten, antwortete sie, dass sie gerne Erzieherin bei Sobe e Desce werden möchte. Dann wendeten wir uns dem Projekt Sobe e Desce selbst zu und befragten die Erzieher nach Aufgaben und Struktur. Ca. 20 Kinder kommen regelmäßig zu Sobe e Desce, um mit ihnen zu arbeiten. Weitere Kinder werden direkt in der Favela betreut. Wird an einem Samstag eine große Veranstaltung organisiert, erscheinen sogar bis zu 70 Kinder. Sobe e Desce besteht aus acht Erziehern, wobei Carlos und Lia, die uns im Moment begleiten, die Basisgruppen der Gemeinde leiten. Weitere Erzieher kümmern sich um die Straßenkinder und arbeiten dementsprechend auf der Straße. Die verbleibenden zwei Erzieher übernehmen die Verwaltung und die Koordination der Arbeit. Silvia arbeitet sowohl auf dem Capim de Cheiro als auch auf der Straße. An diesem Treffpunkt sahen wir auch zwei uns bekannte Kinder wieder: Fabian, der von sich sagt, dass er keine Drogen mehr nimmt und dass er keinen Kontakt mehr zu den anderen Straßenkindern hat, und Raoudé, der eigentlich im 5-Tages-Rhythmus auf Capim de Cheiro sein sollte, der aber heute hier ist und Drogen dabei hat. Von der Markthalle aus ging es weiter zu einem Straßenkinder-Treffpunkt, dem "Praça do Jacaré" (Platz des Krokodils). Dort schlägt eines der Kinder vor, wir sollten uns doch mit einem Lied vorstellen. Der Text und die Melodie waren recht einfach, so dass auch wir deutschen Teilnehmer mitmachen konnten. Es ging so:
Die Kinder interessiert Existentielleres, und auch die Erzieher beschäftigen sich eher damit, die Kinder weiterzuvermitteln und bei ihnen ein Bewusstsein für das Leben auf der Straße zu entwickeln. Jacqueline berichtete, dass die Kontaktaufnahme mit den Straßenkindern auch sehr schwierig sei: Sie haben Hunger und selbst zu den Erziehern, die ihnen helfen wollen, kein Vertrauen. Einer der größeren warf ein: "Ihr kommt einfach nur her und macht Fotos von uns und der Natur und dann nehmt ihr sie mit und zeigt sie in Deutschland!" Ein Vorwurf, der das oft voyeuristische Verhalten weißer Touristen anklagt. Die Erzieher von Sobe e Desce erklärten dazu, dass Touristen kämen und Fotos von ihrer Straßenarbeit machten, und dass sie sich dafür auch interessierten. Es gefällt ihnen, dass dieses Interesse bei den Touristen besteht; doch sie bemängeln, dass es bei diesem kurzzeitigen Interesse bleibt und keine weitere Unterstützung erfolgt. Die Erzieher von Sobe e Desce berichteten weiter, dass es noch immer viele Vorurteile in der Bevölkerung sowohl den Straßenkindern als ihnen gegenüber gibt. Deshalb planen sie, Straßentheater zu spielen, um die Problematik besser an die Öffentlichkeit zu bringen. Selbst den Erziehern wird Vandalismus vorgeworfen und durch ihre Arbeit mit den Straßenkindern geschieht es oft, dass auch sie Drogen- und Ausweiskontrollen über sich ergehen lassen müssen. Ein weiteres Ziel der Gruppe ist es, dafür zu sorgen, dass die Kinder etwas zu essen bekommen; dann sind sie auch eher an einer Mitarbeit interessiert und fähig, an Workshops teilzunehmen. Wir verlassen auch diesen Treffpunkt und gehen weiter zu einer Favela, in der sich ein legaler Kinder- und Jugendstrich für die einheimischen Freier befindet. Der Zuhälter besitzt ein Hotel, in dem er die Prostituierten wohnen läßt. Der erzielte Gewinn wird zwischen dem Zuhälter und den Prostituierten aufgeteilt. Der Zuhälter unterhält auch eine Nachtbar, in der Striptease gezeigt wird. Die Jugendlichen, die für ihn arbeiten, sind zwischen 10 und 21 Jahren. Drogen werden auch hier verkauft. Dass Sobe e Desce eine Zusammenarbeit mit seinen Schützlingen versucht, sieht er gar nicht gerne, und hat ihnen daher die Arbeit mit den betroffenen Jugendlichen verboten. Die Mädchen verdienen bei ihm rund 100 Reais im Monat, wobei sie 50 Reais davon fürs Wohnen abgeben. Die Jungen verdienen in der Regel weniger. Wir betraten die Favela nicht und bewegten uns nur am Rand entlang. Die Arbeit von Sobe e Desce besteht auch hier darin, den Jugendlichen die eigene Situation bewusst zu machen, was jedoch den Zuhälter verärgert. Abends gehen selbst die Erzieher nicht mehr in die Favela. Es ist einfach zu gefährlich. Manchmal jedoch erlaubte der Zuhälter einem Jugendlichen vom Strich die Teilnahme an der Straßenarbeit; eine Gelegenheit für Sobe e Desce, mit ihnen über die ausbeuterische Situation (schlechte Bezahlung und Lebensumstände) zu reden. Wir kehrten in das Büro von Sobe e Desce zurück und unterhielten uns nochmal über ihren Schwerpunkt: Die Straßenarbeit. Es ist schwer, eine solche Arbeit zu steuern. Die Teilnahme an der Straßenarbeit ist sehr unregelmäßig. Meist schwankt die Zahl der beteiligten Kinder von einem erfolglosen Tag, indem sich keiner sehen läßt, bis zu einer Beteiligung von ca. 10 Kindern. Insgesamt sind es etwa 30 Straßenkinder, die Sobe e Desce betreut. Nochmals betonen die Erzieher den Unterschied zwischen den Gemeinde- und den Straßenkindern. Erstere leben zu Hause, gehen zur Schule und nehmen keine Drogen. Daraus erfolgt der Arbeitsansatz von Sobe e Desce, ihnen die Geschichte ihres Landes, Rechts- und Selbstbewusstsein zu vermitteln. Bei den Straßenkindern wird die Arbeit schon schwieriger, denn ihnen mangelt es oft an Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit, da sie kein Zuhause mehr haben, nicht zur Schule gehen und oft unter Drogen stehen. Die Erzieher haben immer wieder auch intern mit Problemen zu kämpfen. Die Niedergeschlagenheit unter ihnen war zuletzt recht groß, da viele Kinder starben, brutale Morde verübt wurden, und Kinder den begonnenen Prozeß nicht fortführen wollten. Hinzu kamen Uneinigkeiten zwischen den Erziehern. Die Verarbeitung der täglichen Auseinandersetzung mit dem Schicksal der Kinder und Jugendlichen ist nicht leicht, und nur das Gefühl einer überwiegenden sozialen Verantwortung bremst die Lust der Erzieher, auszusteigen und fördert ihren Willen, trotzdem weiterzumachen. Zum Schluss baten uns die Erzieher um Anregung und Kritik. Danach bedanken wir uns und verließen Sobe e Desce, um etwas zu Mittag zu essen. Nachmittags fuhren wir mit den beiden jungen Frauen, die das Projekt Artemanha leiten, zu ihrem Arbeitsplatz, einer Siedlung nahe das Müllbergs. Anfangs wohnten die Menschen dieser Reihenhaus-Siedlung mitten auf dem Müllberg, und auch Artemanha hatte sein Projekthaus direkt dort errichtet. Doch um das Elend ein bisschen weniger offensichtlich zu machen, wurden die Anwohner umgesiedelt. Da das Projekthaus der Erzieherinnen kein an sich bewohntes Haus darstellte, wurde es ersatzlos abgerissen. Seitdem arbeiten die beiden mit den Kindern und Jugendlichen vom Müllberg unter freiem Himmel. Dieses Jahr hatten wir neben unserem Gepäck jedoch auch eines dieser offenen quadratischen Zelte mitgenommen. Ines' Eltern haben es gespendet. Kaum waren wir mit dem Bus angekommen, machten wir uns daran, das mitgebrachte Zelt aufzubauen. Von den Kindern erhielten wir sofort tatkräftige Unterstützung, und es dauerte nicht lang, bis es stand und befestigt war. Auf einer ausgebreiteten Decke ließen sich schließlich alle Kinder unter dem Zelt nieder. Die Kinder hier gehen alle zur Schule, und manche schienen gerade von dort zu kommen. Sie stellten uns einige Fragen (Wo wohnt ihr? Seid ihr Geschwister? Wohnt ihr schon lange in Deutschland? Seid ihr mit dem Flugzeug oder mit dem Bus gekommen?), die wir gerne beantworteten, und uns dann alle vorstellten. Dann erzählten uns die Kinder, was sie beim Projekt so alles machen. Dass sie Fußball spielen und andere Spiele machen, dass sie nur von Dienstag bis Freitag im Projekt mitarbeiten und dass montags eigentlich keine Projektarbeit stattfand, erzählten sie uns. Dann begann es ein wenig zu regnen und es zahlte sich aus, dass wir ein Zelt hatten und das aufgestellt war. Dann zeigt eine der Erzieherinnen eine Kartonage, auf der eine Geschichte aufgeschrieben war. Sie hieß "Bilhetino de desculpa" (Entschuldigungskarte). Sie erzählte die Geschichte: Eine Hexe hat Geburtstag, und zu diesem Fest lädt sie alle Tiere ein. Aber die Tiere haben sehr große Angst vor der Hexe, denn sie kocht ein schreckliches Essen. Deshalb suchen alle Tiere eine gute Entschuldigung, um nicht zum Geburtstag der Hexe gehen zu müssen. Dann hält die Erzieherin in der Geschichte inne und fragt die Kinder, was die Hexe denn essen würde. Die Kinder riefen durcheinander und nannten Schlangen und Frösche. Verwundert fragte sie, woher sie das denn wüssten, ob sie vielleicht Hexen wären. Dann setzte sie hinzu, sie würde gleich alle in Frösche verwandeln, worauf die Kinder vergnügt aufschrien. Schließlich kam sie zum Thema zurück und meinte, die Kinder sollten sich Wege überlegen, um sich zu entschuldigen. Sie könnten Bilder malen oder Briefe schreiben. Blätter und Stifte wurden verteilt, und die Kinder machten sich daran, etwas zu malen oder zu schreiben. Wir verließen den Treffpunkt und gingen mit Andrea, der anderen Erzieherin, wieder zum nahen Müllberg, auf dem sich die Leute hier ihr weniges Geld verdienen. Die Gemeinde, die die Leute umgesiedelt hatte, hat für den Müllberg eine Biowiederaufbereitung gestartet. Das bedeutet jedoch nur, dass der Müll zugeschüttet, und der Hügel in hohen Stufen terrassiert wurde. Aber natürlich existiert noch immer eine große offene Müllfläche, in der die Menschen nach bestimmten Materialien suchen, die sie dann sammeln, um sie für die Wiederverwendung für ein paar Centavos zu verkaufen. Noch immer arbeiten die Menschen hier unter einer enormen Schadstoffbelastung in ständiger Vergiftungsgefahr - auch durch die im schwelenden Müll entstehenden Vergiftungsgase. Auf dem Müll stehen einfache Hütten, in denen die Mütter die kleinsten Kinder zurücklassen und sie in den Pausen, die sie sich gönnen, versorgen. Die größeren Kinder arbeiten wie ihre Eltern auf dem Müllberg und bestreiten ihr Leben aus dem Müll, sie haben weder Zeit noch Gelegenheit zur Schule zu gehen. Die Maßnahmen der Regierung bzw. der Gemeinde, die die Leute umgesiedelt haben, haben nichts weiter bewirkt, als die Verlagerung des Wohnorts. Die Arbeit auf dem Müllberg ist auch recht gefährlich. Oft genug geschieht es, dass eines der Kinder beim Versuch, etwas Besonderes im Müll zu fassen, unter die Ketten der Planierraupen gerät und dadurch verstümmelt wird. Besonders nachts, wenn nur noch die eigenen Taschenlampen oder eben das Licht der Planierraupen den Müll beleuchten, um ein Weiterarbeiten zu ermöglichen, geschehen solche Unfälle. Einer der Jungen, der hier im Müll Materialien sammelt, erzählte, er habe fünf Geschwister, ursprünglich seien sie aber zehn Kinder gewesen. Eine junge Frau von 24 Jahren, die ebenfalls den Müll durchsucht und sortiert, berichtete, sie habe Kinder im Alter von drei, vier und sechs Jahren. Ihr Jüngstes sei zwei Monate alt und werde von der Großmutter versorgt, während sie hier arbeitet. Die Lastwagen kommen und gehen. Sie liefern Müll an, und sie nehmen Aussortiertes wieder mit. Die Bäckereien z.B. lassen hier Holz holen, das sie zum Heizen der Öfen verwenden. Die Sonne ging bereits unter, und wir kehrten zum Zelt zurück. Inzwischen hatten die meisten Kinder Bilder gemalt und stürmten voller Begeisterung zu Ines, um sie ihr zu schenken. Gemeinsam bauten wir das Zelt wieder ab, verabschiedeten uns herzlich und fuhren zurück zur Pousada, um etwas zu Abend zu essen. Nach dem Essen waren wir wieder zu Tonho eingeladen, doch zuvor sollten wir eine Sängerin kennenlernen, die hier aus Olinda stammte und der es trotz ihrer einfachen Herkunft gelungen war, großen Erfolg zu haben. Es war Dona Selma de Côco, eine ältere, aber äußerst liebenswürdige Frau. Stolz zeigte sie uns CD´s, denn sie hatte Aufnahmen in Deutschland und Belgien gemacht. Auch Konzerte hatte sie in Deutschland schon gegeben. Sie war berühmt dafür, dass sie den Côco tanzte und sang. Sie freute sich sehr über unseren Besuch, aber wir hielten uns, da es bereits abends war, und wir noch zu Tonho wollten, nicht länger bei ihr auf. So besuchten wir Tonho und Selma, die beide im Projekt Grupo Ruas e Praças tätig sind, und ließen den Abend ausklingen. Leider klagte Emmeran über Magenbeschwerden. Es ging ihm nicht so gut; das sollte uns noch Sorgen machen. Stephanie
Fünf Erzieher waren anwesend, fünf nahmen am Lesen- und Schreiben-Workshop teil, und zwei waren auf Capim de Cheiro. Zunächst äußerte sich die brasilianische Seite. Sie bedauerten, dass wir speziell mit Ruas e Praças nur wenig auf der Straße waren, da wir andere Projekte besucht hatten, viel Zeit auf Capim de Cheiro verbracht hatten und die Zeit schnell vergangen war. Zunächst waren bei ihnen auch Bedenken wegen der Größe (sechs Personen) der Gruppe bei der Straßenarbeit, denn es hätte sich störend darauf auswirken können, und es hätte mehr Probleme mit den Anwohnern geben können. Es ist aber alles gut gelaufen, und so hat es allen gut gefallen. Auch der Kontakt mit unserer Gruppe wurde als gut eingeschätzt. Der längere Aufenthalt auf Capim de Cheiro wurde insofern positiv bewertet, als dass wir die Möglichkeit hatten, sowohl den 2- als auch den 5-Tages-Rhythmus kennenzulernen. Selma schloß ab, indem sie kurz aufzeigte, wie es zum Wochenablauf gekommen war. Man wollte mehr Zeit auf Capim de Cheiro und auch mehr Zeit auf der Straße verbringen. Das setzte jedoch voraus, dass die deutsche Gruppe länger blieb. Der Aufenthalt blieb jedoch auf drei Wochen beschränkt, so dass ein Schwerpunkt gelegt werden musste. Aufgrund des letzten Auswertungstreffens entschied man sich für Capim de Cheiro. Da man jedoch hoffte, wir hätten vier Wochen zur Verfügung, wurde die Zeit knapp. Es ist eine bessere Absprache der Projektbesuche nötig. Deshalb der Vorschlag, nur noch halb so viel Projekte zu besuchen, um stattdessen alle Stufen des Prozesses sehen zu können: Von der Arbeit auf der Straße über die Projekte bis hin zu Capim de Cheiro. Außerdem war ursprünglich geplant, an einem Tag jeweils die eine Hälfte auf der Straße und die andere im Projekt zu verbringen. Auch auf der deutschen Seite wurde festgestellt, dass zwar durch die Länge des Aufenthaltes auf Capim de Cheiro beide Rhythmen miterlebt werden konnten, dass dadurch aber wenig Zeit für die Arbeit auf der Straße blieb. Weiter wurde der Vorschlag gemacht, mehrmals den gleichen Treffpunkt zu besuchen, um einen besseren Kontakt zu den Kindern zu entwickeln. Insgesamt wäre es wichtig, zurück zu dem Ursprünglichen, zur Straßenarbeit, zu gehen, und weniger die Präventionsprojekte zu besuchen. Auch die Idee, eine stärkere Aufteilung der Gruppe durch einen längeren Aufenthalt von z.B. 2-er Gruppen in ein und demselben Projekt vorzunehmen, wurde geäußert. Selma war sehr zufrieden mit der Arbeit auf dem Sitio. Sie war der Meinung, wir hätten große Integrationsfähigkeit und gutes Einfühlungsvermögen bewiesen. Sie war überzeugt, dass wir viel von Capim de Cheiro mitgenommen haben. Positiv schätzte sie ein, dass Teilnehmer zum wiederholten Mal auf dem Sitio waren, und die Gruppe dadurch gut auf den Aufenthalt vorbereitet war. Ein weiterer Vorschlag war, die ersten Tage in der Stadt neben einer Akklimatisierung für eine Stadtbegehung, einen Entdeckungsrundgang bzw. eine Stadterkundung zu nutzen. Der Aufenthalt auf dem Sitio wurde positiv bewertet, da er ein Zusammenleben mit den Kindern und das Erlernen nonverbaler Kommunikationswege ermöglicht. Auf der Straße gelang es nicht, die Beobachterposition und den Besuchscharakter wirklich abzulegen. Weiter gab es Fragen von deutscher Seite nach den Wegen der Erzieher, mit Frustration umzugehen und damit fertig zu werden. Auch nach den Inhalten der Gespräche der Erzieher mit den Kindern wurde gefragt. Die Themen dieser Gespräche sind Drogen, die Familie, das Capim de Cheiro, Gewalt, Schule und ärztliche Versorgung. Die Erzieher versuchen, den Kindern den Zugang zum Capim de Cheiro zu ermöglichen oder ihnen einen Ersatz anzubieten, damit sie nicht auf die Straße müssen. Außerdem versuchen sie, etwas über die Familien der Kinder herauszufinden. Ansonsten beschäftigten wir uns nur noch mit Verwaltungsfragen: Den Bau des Workshop-Hauses und der Stromversorgung des Sitios. Nach dem Abschlusstreffen blieb uns noch etwas Freizeit in der Stadt. Des Weiteren mußten noch einige Einkäufe gemacht werden für das Abschiedsfest am Abend, zu dem wir die Erzieher der Projekte eingeladen hatten. Inzwischen war Berenice mit Emmeran beim Arzt gewesen, und es ging ihm etwas besser. Am Abend wurde es ein schönes Abschiedsfest, bei dem es viele Umarmungen und so manches Freundschaftsgeschenk gab. Stephanie
Am Flughafen angekommen, ging das Einchecken überraschend schnell. Wir setzten uns in ein Restaurant, wo uns auch bald unsere brasilianischen Freunde fanden. Selma, Tonho, Loy, Matuto und Walter waren gekommen. Es wurden noch letzte angeregte Gespräche geführt, Witze gemacht und Adressen ausgetauscht. Danach gingen wir vor den Eingang zur Wartehalle. Hier mussten wir uns nun trennen. Wir umarmten uns alle herzlich, tanzten noch einmal und sangen Lieder und umarmten uns noch einmal. Einigen kamen kleine Tränen, alle waren sehr traurig. Schließlich mussten wir uns auch noch von Berenice und Michael trennen, die noch 2 Wochen bleiben wollten. Wir brachten es trotz allem übers Herz, hinter der Eingangstür zu verschwinden. Vielen fiel es auch leicht, weil sie sich nun so sicher wie nie waren, dass dies nicht ihre letzte Reise nach Brasilien gewesen ist. Nun hatten wir einen Flug vor uns, der unter keinem guten Stern begann. Zunächst gab der Pilot einen Fehler im Navigationssystem bekannt, und anschließend sorgte ich mit der Theorie, dass Flugzeuge immer paarweise abstürzen, für Unruhe. Vor kurzem die Swissair... Mir war noch nicht bekannt, dass das zweite Unglück schon passiert war. Aber alle Angst war umsonst, da wir sicher am Frankfurter Flughafen angekommen sind. Wir einigten uns noch, wann wir uns wiedersehen werden, und anschließend ging jeder seinen eigenen Weg. Ereignisreiche 3 Wochen waren nun zu Ende. Die Erlebnisse werden uns noch lange beschäftigen. Marc
Berenice
Die Ergebnisse der Auswertung: 1. Form der Maßnahme:
2. Die Gruppe:
3. Unterkunft und Verpflegung
4. Das Team
5. Das Programm
6. Der Transport vor Ort
7. Das Partnerprojekt Grupo Ruas e Praças
8. Kommunikation und kultureller Austausch
9. Gesamtbewertung
Marc
Glossar
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