Workcamp mit Jugendbegegnung 1998
 
 
Reisebericht des Workcamps mit Jugendbegegnung in Recife / Brasilien vom 15. August - 5. September 1998: 
Home

 
 


"Macht die Augen auf, guckt euch an, was in diesem Land los ist." - Teilnehmer Michael zu Touristen 
 
 

Programm

15.8. Ankunft in Recife Begrüßung und Fahrt zur Unterkunft
16.8. vormittags Treffen mit ErzieherInnen von Grupo Ruas e Praças und Sobe e Desce
nachmittags Vorbereitung auf weitere Treffen
17.8. vormittags Fahrt nach Capim de Cheiro
nachmittags Erkundung des Sitios, Kennenlerngespräche
18.8. vormittags Feld- und Gartenarbeit, Hilfe für den Maurer
nachmittags Erkundung der Umgebung des Sitios
19.8. vormittags Feld- und Gartenarbeit, Hilfe für den Maurer
nachmittags Zirkusworkshop
abends Ausflug nach Caaporá
20.8. vormittags Schälen von Inhame
nachmittags Wettspiele mit den Kindern, Fußballländerspiel Brasilien - Deutschland
abends Theater- und Musikspiele
21.8. vormittags Strandausflug nach Pitimbú, Verabschiedung der 5-Tages-Kinder
nachmittags Schälen von Inhame
abends Ausflug nach Caaporá (Tanzveranstaltung)
22.8. ganztätgig Strandausflug nach Jacumá
23.8. vormittags Ausflug nach Goiana
nachmittags Strandausflug
24.8. vormittags Freizeit wegen Regen
nachmittags Gespräch mit den Erziehern auf Capim de Cheiro
25.8. vormittags Schälen von Inhame, Gartenarbeit, Hilfe für den Maurer
nachmittags Einkaufen, Freizeit
abends Abschlussfest
26.8. vormittags Aufräumen des Sitios, Gartenarbeit, Hilfe für den Maurer
nachmittags Verabschiedung, Fahrt in die Stadt
27.8. vormittags  großes Treffen im Büro der nationalen Straßenkinderbewegung in Recife, Informationen über 
Ursache und Geschichte von Straßenkindern, Vorstellung der einzelnen Projekte
nachmittags Straßenarbeit
abends Tanzstunde
28.8. ganztägig Besuch beim Movimento dos Trabalhadores
29.8. Strandausflug nach Gaibu
30.8. Ausflug zu Zumbi-Safari
31.8. ganztägig Besuche bei zwei Stadtteilprojekten: Semente do Amanha, Resurreição
1.9. vormittags  Besuch bei Communidade assumindo a suas crianças 
Gespräch beim deutschen Konsulat, Straßenarbeit mit Ruas e Praças
nachmittags Besuch bei Galpão do Santo Amaro
abends Tanzstunde
2.9.  vormittags  Straßenarbeit mit Ruas e Praças 
Besuch bei Sobe e Desce mit Straßenarbeit
nachmittags Besuch bei Artemanha, Einkauf von Abschiedsgeschenken 
abends Besuch bei Selma de Côco, Einladung bei Selma und Tonho
3.9. vormittags Auswertungstreffen mit Grupo Ruas e Praças
nachmittags Vorbereitung des Abschiedsfestes
abends großes Abschiedsfest
4.9. vormittags letzte Einkäufe, Koffer packen
nachmittags Fahrt zum Flughafen, Verabschiedung
nachts Flug nach Frankfurt
5.9. Ankunft in Frankfurt, Ende der Maßnahme

Vorwort
Wie in den vergangenen Jahren führten wir auf Einladung unserer Partnergruppe Grupo Ruas e Praças das sechste Workcamp mit Jugendbegegnung in Brasilien durch. 
Die diesjährige Gruppe bestand aus 12 Personen. Dank der Unterstützung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend konnte der Teilnehmerbeitrag auf 1150 DM für Mitglieder der Solidaritätsjugend Deutschlands beziehungsweise 1200 DM für Nichtmitglieder festgelegt werden. 
Die Teilnahme von 2 Dolmetscherinnen hat die Qualität der Maßnahme noch einmal erhöht. Ein großer Vorteil war das Mitwirken einer brasilianischen Soziologin, da sie aus dem Gastgeberland kommt und außerdem ein großes Hintergrundwissen einbringen konnte. 
Die bewährte Form der Durchführung mit 2 Vorbereitungstreffen, der Maßnahme sowie einem Nachbereitungstreffen wurde auch dieses Mal beibehalten. 
Bei den Vorbereitungstreffen hatten die Teilnehmer Gelegenheit, sich kennenzulernen. Es gab organisatorische Hinweise, Erfahrungsberichte sowie eine intensive Einführung in die Geschichte, Kultur und die sozialen Probleme Brasiliens. Außerdem wurde die Arbeit unserer Partnerorganisation vorgestellt. 
Das diesjährige Programm sah einen Aufenthalt von 3 Wochen vor, wobei wir eineinhalb Wochen auf dem Sitio und eineinhalb Wochen in der Stadt verbringen sollten. Der Aufenthalt auf dem Sitio wurde im Vergleich zum Vorjahr verlängert, da man hier einen besonders intensiven Kontakt zu den Kindern hat. Aber auch in der Stadt sollte sich ein enges Verhältnis der deutschen Gruppe zu Straßenkindern und Erziehern entwickeln. 
Der Abschlussbericht ist in Form eines Tagebuches geschrieben. Diese Art hat sich in den vergangenen Jahren bewährt und sorgt dafür, dass die verschiedenen Eindrücke der Teilnehmer zum Ausdruck kommen. 
Zuletzt möchte ich auch im Auftrag der Gruppe noch einigen Personen und Institutionen danken, ohne die das Workcamp mit Jugendbegegnung in Brasilien nicht in dieser Qualität durchgeführt werden könnte. Mein beziehungsweise unser Dank gilt Erwin Ruf für die Organisation von Deutschland aus, unseren Freunden von Grupo Ruas e Praças für ihre Einladung und für die Durchführung vor Ort, dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, ohne das die Finanzierung nicht möglich wäre, Zdena für die Protokollierung der Ausgaben sowie Ines und Berenice für die Hilfe bei der inhaltlichen Vorbereitung und für ihre Arbeit als Dolmetscherinnen. Ohne ihren pausenlosen Einsatz wäre dieser intensive kulturelle Austausch nicht möglich gewesen. 

Marc 
Samstag, 15. 08. 98
Um 5.50 Uhr trafen wir uns am Hauptbahnhof Karlsruhe, um per Bahn mit dem Wochenendticket nach Frankfurt zu gondeln, wo wir uns zwischen 9 Uhr und 10 Uhr mit dem Rest der Gruppe trafen. Corni und Bartosz waren mit am Bahnhof, und es war schade, dass wir sie nicht mitnehmen konnten. 
Das Einchecken lief ganz problemlos, doch da die Schlange zur Abflughalle lang war, wurden wir auf eine kleine Irrfahrt durch den Flughafen geschickt, was aber nur noch mehr Zeit gekostet hat, so dass wir erst auf die Minute pünktlich im Flieger saßen. 
Die 9 Stunden Flug waren sehr anstrengend und ermüdend. Auf den unbequemen Sitzen und mit dem Lärm konnte man, wenn überhaupt, nur schlecht schlafen. Wir waren dann alle sehr froh, als wir aus dem Fenster Recife erblicken konnten. 
Kurz vor 17 Uhr setzte unser Flieger auf brasilianischem Boden auf. Auf der Besucherterrasse erwarteten uns bereits die Müllfrauen, unser Busfahrer Walter, Tonho, Selma, Gelly und andere von Ruas e Praças. 
Nach der herzlichen Begrüßung ganz nach brasilianischer Art, machten wir uns mit dem klapprigen Mikroomnibus auf den Weg nach Olinda, aber nicht ohne zuvor am Strand von Boa Viagem eine erste unglaublich leckere Kokosnuss zu genießen. 
Schon auf dieser ersten Busfahrt vom Flughafen nach Olinda wurden wir mit dem Problem der Straßenkinder und der Armut in Brasilien konfrontiert: Das Viertel Boa Viagem, wo die Touristen residieren, mit sauberem Strand und einer Skyline von Hotels, im Gegensatz zu den Leim schnüffelnden Kindern auf der Straße; die eingezäunten Oberschichthäuser gegenüber den Favelas am Flussufer. 
Am Abend gingen wir zum Maniokessen in eine kleine Bar. Hier hatten wir bei brasilianischer Straßenmusik gleich die richtige Atmosphäre. 
Nach einer nächtlichen Poolrunde und der Besprechung des folgenden Tages fielen wir todmüde ins Bett. 
Kerstin
Sonntag, 16. 08. 98
Der erste volle Tag für uns in Brasilien. Die Nacht war recht kurz, wir sind alle früh aufgestanden - das wird sich auch schnell ändern. Der frühe Morgen wurde unterschiedlich genutzt. Viele zog es auf den Hügel, wo man eine wunderschöne Aussicht auf Olinda genießen kann. Andere gingen an den Strand oder sprangen gleich in den Pool. Wach und erfrischt stürzten wir uns dann auf das Frühstück. Die Ananas und Wassermelone hatte ich echt vermisst seit letztem Jahr! Später kamen die Grupo Ruas e Praças und Sobe e Desce zu einem Treffen. Wer Ines kennt, wusste - jetzt ist Gruppendynamik angesagt. Durch Spiele, mit denen man die Namen lernen sollte, wurden wir wach gehalten und kamen uns näher. Jede Gruppe erzählte kurz, worum es bei ihr geht; wir kamen auch auf Straßenkinder in Deutschland zu sprechen. Es war ein sehr schönes Treffen, wichtig, um sich einen Überblick zu verschaffen. Nach dem Mittagessen saßen wir alle (ohne Brasilianer) gemütlich  zusammen, und lernten uns selbst auch immer näher kennen - schließlich mussten wir 3 Wochen miteinander auskommen. Ich habe mich von Anfang an sehr wohl gefühlt.
Doch auch der ernste Teil durfte nicht fehlen. Wir besprachen schon einmal, wie es nach dem Sitio in der Stadt weitergehen sollte. Unser Ziel war es, den Brasilianern ein Stück von unserer Heimat näherzubringen. Sabine hatte ein echt tolles Plakat mit Photos von uns zusammengestellt. Von der Umgebung, in der wir wohnen, Schule, Arbeit, Freizeit usw. Marc stellte ein Plakat mit Photos von der AG-Recife zusammen. Die Arbeit war somit getan (für diesen Tag), so dass wir ohne schlechtes Gewissen auf den Hügel gehen konnten und mit Tapioka und Kokosmilch noch einen schönen Abend verbrachten.
Maike
Montag, 17. 08. 98
Vor der Abfahrt zum Sitio „Capim de Cheiro“ sprangen alle noch einmal in den Pool, Zivilisation tanken für die nächsten Tage in der Wildnis. 
Es folgte die recht abenteuerliche Busfahrt zum Sitio. Bald nach dem Verkehrschaos der Großstadt befanden wir uns in der gleichsam unendlichen, wie erschreckenden Weite der Zuckerrohrmonokulturen Pernambucos, nur gelegentlich unterbrochen von Ortschaften und kleinen Bergkuppen. Am Straßenrand Geier. 
Nach einiger Zeit überquerten wir die Grenze zu Paraíba. 
Die befestigte Straße verließen wir bald, um über einen holprigen Weg, zu dessen Schlaglöchern wir später beim Sand holen und Zement mischen noch unseren Beitrag leisten sollten, den Sitio zu erreichen.
Bei unserer Ankunft dort erwarteten uns schon die Kinder und Erzieher, denen die meisten von uns wohl zunächst etwas ratlos gegenüberstanden. Hatten wir es uns so vorgestellt? Anders? Oder doch so?
Die Berührungsängste sollten sich jedenfalls im Laufe der Zeit noch legen.
Als wir anschließend unsere Unterkünfte bezogen, mussten die Veteranen unter uns erstaunt, oder gar entsetzt, feststellen, dass der Abenteuercharakter mittlerweile durch fließend Wasser, dank Pumpe und Wasserturm, geschmälert wurde.
Den anderen hingegen reichte jedoch die bereits am ersten Tag in Erscheinung tretende Tierwelt in Form von riesigen Ameisen und noch um ein vielfaches größere Spinnen aus, um echtes „Sitio-Feeling“ aufkommen zu lassen.
Zu Ende ging der Tag am Lagerfeuer mit einer der zahlreichen Vorstellungsrunden, von denen wir noch einige vor uns haben sollten.
Michael
Dienstag, 18. 08. 98
Heute war Arbeit auf dem Sitio angesagt. Seit letztem Jahr hatte sich hier eigentlich nichts verändert. Ungewöhnlich war nur das fließende Wasser; wir hatten sogar eine Dusche. Zum Frühstück wurden wir von den Kindern glücklich empfangen - es hat mich wieder sehr erstaunt, wie kontaktfreudig sie doch sind. Dann wurden wir mit ihnen in verschiedene Workshops eingeteilt. Ich war mit Kerstin, Emmi und Thomas auf dem Feld - Unkraut rupfen. Bernado und Pedro zeigten uns, wie es gehen soll. Ich glaube, wir haben uns gar nicht so dumm angestellt. Sonst konnte man noch am Beet arbeiten oder Sand für den Maurer holen. Die Siesta hatten wir uns danach wirklich verdient. Wir haben später dann mit Selma und Simone, der neuen Verwalterin, einen Spaziergang gemacht, um die Umgebung des Sitios kennenzulernen. Als wir wieder auf dem Camp ankamen, gab es nur ein Ziel: Fluss. Trotz Dusche konnten wir uns nicht von ihm trennen. 
Der Abend war wunderschön. Die Kinder machten ein Lagerfeuer, wir tanzten und sangen. Es gab keinen Unterschied zwischen Deutsch und Brasilianisch. Außerdem konnten einige von uns ihre Capoeira-Kenntnisse zur Schau stellen. Müde und erschöpft fielen wir später ins Bett. Es gab nur noch ein paar organisatorische Probleme, da zwei Betten nicht ganz halten wollten, und Zdena so unser Frauenzimmer verließ. Wir alle freuten uns sehr auf den nächsten Tag! 
Maike
Mittwoch, 19. 08. 98
Aufgestanden sind wir heute um ca. 6.45 Uhr, also etwas später als gestern. Maike musste noch vor dem Frühstück bei Rodrigo die Nagelpflege machen, was ihm sehr gefiel. Zum Frühstück gab es Inhame mit Ei, Mais und Melonen.
Nach dem Frühstück folgte die Arbeitsbesprechung, bei der wir in fünf Gruppen eingeteilt wurden.
I (Küche): Marc
II (Feldarbeit mit Pedro): Ines, Zdena und Senta
III (Schubkarren schieben): Sabine und Emmeran
IV (Inhame schälen): Maike, Kersin und Berenice
V (Gartenarbeit): Michael und Thomas
Berenice fotografierte uns bei der Arbeit. Es schien ihr Spaß zu machen. Vor dem Essen gingen wir alle gemeinsam zum Fluss, um uns zu waschen. Roseneide und Joséliçe waren mit dabei. Sie waren von Michaels neuer Taucherbrille und seinem Schnorchel so begeistert, dass sie diese sofort ausprobieren wollten, um damit Fische zu fangen. Auf dem Weg vom Fluss zu unserem Haus huschte ein ca. 50 cm großer Leguan blitzschnell an uns vorbei in das Zuckerrohrfeld. Einige von uns waren froh darüber, dass er die Flucht ergriffen hatte. Da der Trommel-Workshop ausgefallen war, beschlossen Ines und Marc, einen Zirkus-Workshop zu veranstalten. Gegen 14.30 Uhr begannen wir dann mit dem Schminken. Die Kinder waren völlig aus dem Häuschen. Sie sprangen umher, lachten und tanzten vor Freude. Außer Schminken wurde noch Einrad fahren und Jongliern angeboten. Vor allem Ines und Marc, aber auch ein paar Kinder konnten sich für das Einrad fahren begeistern. Bevor es dunkel wurde, gingen wir erneut zum Fluss, um die Schminke abzuwaschen. Nach dem Abendessen ging es nach Caaporá. Vor allem die Mädchen machten sich für die Stadt ganz fesch. Da wir 30 Leute waren, gingen wir die Strecke zum Teil zu Fuß bis wir vom Busfahrer, der insgesamt drei Mal fahren musste, abgeholt wurden. Die Kinder warteten schon ungeduldig an einem Kiosk. Nachdem wir ihnen ein Eis spendiert hatten, gingen sie mit den Erziehern ins Zentrum, um sich eine Seifenoper anzuschauen.
Wir saßen in gemütlicher Runde beisammen und beredeten noch einige Dinge.
Emmeran
Donnerstag, 20. 08. 98
Den Morgen verbrachten wir wie in den letzten Tagen damit, fleißig Inhame zu schälen, da diese am folgenden Tag verkauft werden sollten. Die ersten paar Mal hat es ja noch einigermaßen Spaß gemacht, aber jetzt wo wir Blasen an den Händen haben, wird es ein bisschen langweilig. Vor dem Mittagessen kam auch Tonho auf dem Sitio an, und wir freuten uns genauso sehr auf seine Musik und den Capoeira wie die Kinder. Während der Siesta wurde weitergeschält oder am Fluss Wäsche gewaschen. Danach startete Tonho endlich sein temperamentvolles Programm. Wir machten verschiedene Wettspiele, die leider teilweise durch Sabotageakte der Kinder gestört wurden, was aber nicht so schlimm war. Es hat sowohl den Kindern als auch uns viel Spaß gemacht; die Kids nehmen solche Spiele manchmal ein wenig zu ernst. Eine Einführung in die Kunst des Capoeira durfte natürlich auch nicht fehlen, und auf diesem Gebiet sind wir "Alemanis" auch nicht untalentiert.
Obwohl wir nach diesen Strapazen schon ziemlich erschöpft waren, fand noch das traditionelle Länderspiel statt, und Deutschland siegte mit 10:5 (ein überraschendes Ergebnis).
Am Abend kamen 6 Jungen aus der Stadt auf den Sitio, die diesmal nicht mitgenommen wurden, da sie nicht am Treffpunkt waren oder Drogen dabei hatten. Sie waren per Anhalter oder mit dem Bus auf eigene Faust losgezogen. Diese Aktion zeigt, wie viel den Kindern an Capim de Cheiro liegt, und was sie alles auf sich nehmen, um dort sein zu können. Aber die ganze Sache brachte auch Aufregung mit sich. Vor allem die Erzieher hatten Angst, dass die Kinder Drogen einschmuggeln könnten, was die ganze Arbeit mit den Moradores und den 5-Tages-Kindern zunichte gemacht hätte. Aber es lief alles ganz gut. Die Kinder durften am Abendessen teilnehmen und wurden dann zurück in die Stadt gebracht. William, ein Junge, der letztes Jahr noch Morador war, war auch dabei. Er sah im Vergleich zum letzten Jahr viel schlechter aus, ganz mager und verwahrlost. Er war uns gegenüber total zurückhaltend, und vielleicht hat er sich geschämt oder er hat uns nicht wiedererkannt. 
Durch diesen Zwischenfall konnte Tonhos Abendprogramm erst ziemlich spät beginnen, aber es wurde sehr erfolgreich. Es gab zwei gemischte Mannschaften, die Aufgaben, die mit der Straßenkinderproblematik und dem Leben zu tun hatten, lösen mussten. So sollte zum Beispiel ein Theaterstück erfunden werden, indem das Leben auf der Straße dargestellt wurde, oder wir mussten ein Lied über das Leben singen. Wir waren erstaunt, was für gute Ideen die Kinder hatten, und wie aktiv sie dabei waren. Natürlich gab es keinen Sieger, denn beide Gruppen waren gleich gut.
Der Abend fand schließlich am Lagerfeuer schnell seinen Ausklang, da alle nach diesem besonders arbeitssamen, sportlichen und ereignisreichen Tag müde waren. 
Kerstin
Freitag, 21. 08. 98
Nach einer erlebnisreichen Woche auf dem Sitio hatten wir beschlossen, den Vormittag am Strand von Pitimbú zu verbringen. Eine willkommene Gelegenheit, um Kräfte für die bevorstehende Woche zu sammeln. Doch wie so oft wurden wir von einigen Gewitterschauern überrascht. Nichtsdestotrotz wagten sich einige von uns ins Meer, andere begutachteten den bescheidenen Fang der Fischer oder spielten mit den Kindern Fußball.
In einer nahe gelegenen Strand-Barraca (ein Imbiss-Stand) konnten wir anschließend die kulinarischen Spezialitäten der brasilianischen Küche genießen. Nach dem reichhaltigen Mittagessen - es gab Fisch und Meeresfrüchte - fuhren wir zurück zum Sitio. Die 5-Tages-Kinder hatten bereits ihre Sachen gepackt und konnten die Geschenkübergabe kaum noch erwarten. Jedes Kind erhielt ein T-Shirt, Bonbons, Kugelschreiber und Seifen. Ihre Augen glänzten und ein breites Grinsen zierte ihr Gesicht. Erneut sollte mir bewusst werden, wie genügsam doch diese Menschen sind. Und sogleich beschlich mich das schlechte Gewissen. Ich bin in einer behüteten Familie aufgewachsen, konnte eine vorbildliche Erziehung genießen und kann mir stets der Liebe und Unterstützung meiner Eltern gewiss sein. Diese Kinder hingegen wachsen ohne Geborgenheit und Liebe auf, fristen ihr Dasein auf der Straße, stets auf der Suche nach Essensresten und einem Schlafplatz, betäuben ihre Ängste mit Drogen, ohne jegliche Perspektive auf eine bessere Zukunft. Eine bittere Erkenntnis, die einem nicht nur traurig stimmt. In diesem Moment begriff ich, wie wichtig der Sitio für die Straßenkinder ist. Sie können hier verschiedene landwirtschaftliche Tätigkeiten erlernen, ein friedlichen Umgang miteinander üben und Verantwortung übernehmen. In diversen Workshops wird ihre Kreativität gefördert und ihr Selbstwertgefühl aufgebaut. Hier können die Kinder ihre positiven Seiten entfalten und ein menschenwürdiges Leben führen. Lob und Anerkennung verdienen vor allem die Erzieher. Ich bewundere ihre Geduld und ihre aufopfernde Art. Es stimmte mich traurig, Abschied nehmen zu müssen. Plötzlich sprangen uns die Kinder entgegen, bedankten sich und umarmten uns herzlich. Kurze Zeit später fuhren sie los, Richtung Recife.
Am Nachmittag war Inhame schälen angesagt. Eine recht mühselige Arbeit, die einige scheuten, andere wiederum auf die tollkühnsten Ideen brachte. Ich erinnere an die Erfindung einer Inhame-Schäl-Maschine.
Anschließend genossen wir noch ein erfrischendes Bad im Fluss. Nach einem leckeren Abendessen entschieden wir uns, nach Caaporá zu fahren. Die Moradores wollten sich unbedingt telenovelas, brasilianische Fortsetzungsserien, anschauen. Einige Dorfbewohner saßen bereits vor einem riesigen Fernseher, der übrigens im Freien aufgebaut war, und starrten auf die Flimmerscheibe. Die Moradores gesellten sich dazu und verfolgten ebenfalls ganz gespannt die Serie. Wir hingegen zogen es vor, mit ein paar Jugendlichen Billiard zu spielen. Danach sollten wir "brasilianisches Kulturgut" kennenlernen. Irrtümlicherweise hatte ich angenommen, dass ihre Kultur auf uralten Traditionen beruht, dass sie sich auf eine eigene prähistorische Vergangenheit berufen. Doch ich wurde schon bald eines Besseren belehrt. Vor etwa 60 Jahren schrieb der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig: "...die Aufbauelemente ihrer Kultur sind doch zur Gänze aus Europa importierte." Und weiterhin: "Es gibt keine prähistorische brasilianische Dichtung, keine urbrasilianische Religion, keine altbrasilianische Musik, ..."
Auf dem Straßenfest, an dem wir anschließend teilgenommen hatten, war ich dann ziemlich erstaunt über die unerschöpfliche Vielfalt der Música Popular Brasileira, der brasilianischen Volksmusik. Unzählige Dorfbewohner hatten sich auf einem Marktplatz versammelt, um gemeinsam zu feiern. Blitzschnell ergriff Berenice meine Hand und zerrte mich in den Kreis der tanzenden Menge. Sogleich gesellten sich Ines und Zdena dazu, die anderen der Gruppe folgten uns etwas später. Endlich hatten die Kinder Gelegenheit, uns ihre Tanzkünste vorzuführen. Wir tanzten und sangen mit den Einheimischen bis spät in die Nacht.
Senta
Samstag, 22. 08. 98
Heute sind wir extra früh aufgestanden. Es war nämlich an uns, Frühstück zu machen. Außer Simone war keiner der Erzieher da. Sie ging uns dann auch zur Hand. Als das Frühstück fertig war, waren auch alle Deutsche da, nur von den Kindern war noch keines wach. 
Gestern war es eben doch ein wenig später als sonst geworden. Also haben wir schon mal gegessen und die Kinder erst nach uns. Den ganzen lieben langen Morgen hat es geregnet, und dabei hatten wir doch vor, an den Strand mit den Moradores zu gehen! Witzig war, was uns Simone bei der Frühstücksvorbereitung erzählte: Nach unserem Auftritt beim Tanzabend gestern waren wir heute das Stadtgespräch in Caaporá! Man freute sich sehr, dass wir ganz ungezwungen mitgemacht hatten. Bei den einen oder anderen Einheimischen war aber auch ein wenig Eifersucht aufgekommen, weil wir die Aufmerksamkeit des jeweils anderen Geschlechts auf uns gezogen hatten. Das Urteil der Brasilianerinnen war eindeutig: Die Deutschen sind stattliche Männer! Was uns weiter daran hinderte, gleich loszufahren, war die Tatsache, dass die Inhame gestern nicht verkauft werden konnte. Simone hatte aber damit gerechnet, dass die Inhame gestern verkauft und bar bezahlt worden war. Mit dem Geld wollte sie wiederum den Maurer, der den kleinen Versammlungsplatz mit den Steinbänkchen fertigte als auch die Helfer vom Inhame schälen bezahlen. 
Heute um 9 Uhr kam dann ein Händler, der bereit war, die Inhame zu kaufen. Bis allerdings geklärt und gewogen war, wie viel Inhame erst- und wie viel zweitklassig waren, dauerte es noch eine ganze Weile. Dann fuhren wir endlich nach Jacumá an den Strand. Dort lagen wir im Sand. Bernardo und Chico ließen ihre selbstgebauten Drachen steigen, später spielten einige Fußball und andere gingen schwimmen. Draußen im Meer lagen die Boote der Fischer. Ines, Sabine, Emmeran und ich schwammen zu einem hinaus und ließen uns von den Wellen schaukeln. Später kamen Marc und Kerstin nach. Nach einer Weile schwammen wir wieder zurück. Zurück am Strand, spielten manche, andere legten sich hin und schliefen. Dann zog Marc mit Tonho los, später Emmeran mit Berenice, um spazieren zu gehen. Irgendwann ging auch Ines. Als Walter und Simone fragten, ob jemand mitkommen wollte, kam ich dann auch mit. Wir gingen den Strand ganz hinunter bis ein paar Felsen den Weg versperrten. Es gab jedoch ein Felsentor und dahinter öffnete sich dann eine versteckte Bucht. Auf der anderen Seite gab es eine kleine Kneipe mit einem großen Sonnendach, unter dem bereits Marc, Emmeran, Ines, Tonho und Berenice bei einem Bier saßen. Wir gesellten uns dazu, gingen schwimmen und kehrten dann zu den anderen zurück. Die waren ziemlich sauer, weil sie sich allein zurückgelassen fühlten. Also aßen wir erst einmal zu Mittag, um die Mägen und die Gemüter zu beruhigen. Wir blieben noch ein wenig und fuhren dann zurück. Auf der Heimfahrt wann wir alle sehr müde. Wir kamen in eine Polizeikontrolle, mussten halten, und der Polizist prüfte Ines` Papiere, teilte ihr dann mit, dass ein Scheinwerfer durchgebrannt ist und ließ uns dann weiterfahren. 
Nach der Ankunft duschten alle, dann gab es Abendessen. Die Mädchen waren noch so begeistert vom Erfolg des gestrigen Abend, dass sie unbedingt heute Abend nochmal nach Caaporá fahren wollten. Die meisten von uns fühlten sich allerdings zu müde, um nochmal tanzen zu gehen. Also fuhren nur Ines, Berenice, Emmeran, Tonho und die Moradores nach Caaporá, und der Rest blieb hier und ging nach und nach zu Bett. 
Unterdessen begann es zu regnen, und die Gruppe mit den Moradores erreichte den Saal, in dem die Musik gespielt wurde. Die Musik muss sehr laut gewesen sein, die Mädchen fanden es aber gut und gingen tanzen. Es war noch so früh am Abend, dass das Ganze eher die Züge einer Teenieparty annahm. Also tranken Ines und Berenice lieber etwas; Walter, der nette Busfahrer, bestellte ohnehin mehrere Mal. Sie blieben noch für ein paar Tänze, kehrten dann aber Heim und gingen ebenfalls schlafen. 
Stephanie
Sonntag, 23. 08. 98
Die ganze Nacht herrschte anhaltender Regen. Morgens wurde es etwas besser, und Marc ging die Autoscheiben des Kombis putzen. Ines wollte mit ihm zum Markt einkaufen fahren. Zusammen mit Michael fuhren sie dann los, holten aber erst noch Simone zu Hause ab. Michael wusste vom Markt allerdings nicht mehr zu erzählen, als dass es dort Gemüse, Klamotten und Haushaltswaren gab. Währenddessen halfen ein paar von uns Selma in der Küche bei der Frühstücksvorbereitung. Als die drei vom Markt zurückkehrten, wurde gefrühstückt und das Eingekaufte für das deutsche Abendessen vorbereitet. Vor allem das Fleisch musste ein wenig angebraten werden, damit es nicht schlecht wird. Danach fuhren wir nach Goiana, eine mittlere Kleinstadt mit Häusern, die alle mit verschieden kräftigen Farben angestrichen (eines blau, eines gelb, etc.) oder gekachelt waren. In Goiana wollten uns Tonho und Walter unbedingt eine bestimmte Kneipe zeigen. Sie ist berühmt für ihre dressierten Krabben, die mit ihrer einen übergroßen Schere Gläser und Flaschen halten können. Wir interessierten uns mehr für die Kunstwerke gegenüber und einem Platz in der Nähe, auf dem lebensgroße Figuren aufgestellt waren, die bestimmte Typen darstellen (einen Fischer, einen Pflücker, einen Heiligen, einen Heiler, etc.). Während unseres Aufenthaltes wurde es Marc so schlecht, dass er sich transportunfähig fühlte. Eigentlich wollten wir weiter zum Strand, aber so teilten wir uns auf. Der Bus mit den Kindern und einigen von uns fuhr schon mal weiter zum Strand; die anderen fuhren zurück zum Sitio. Senta und ich beschlossen mit Marc dazubleiben. Die anderen fuhren ebenfalls zum Strand. 
Marc und Senta schliefen erstmal ein paar Stunden, während ich die Gelegenheit nutzte, ganz ungestört meine Wäsche zu waschen und aufzuhängen. Später, die zwei waren wieder aufgewacht, packte uns die Lust auf ein Essen wie daheim: Bratkartoffeln! 
Dabei bekamen wir Besuch von einem jungen Mann, der auf der anderen Seite des Flusses wohnt. Er suchte einfach nur ein Gespräch. Trotz Verständigungsschwierigkeiten unterhielten wir uns ein wenig. Der junge Mann sagte, er sei Zimmermannsgehilfe. Er war sehr interessiert daran, etwas über uns zu erfahren, unser Bild von Brasilien und den Vergleich zu Deutschland. Als wir gegessen und gespült hatten, verabschiedete er sich. Am Abend kamen die anderen vom Strand, und wir machten uns daran, das Gulasch zu kochen. Keine leichte Aufgabe. 
Es wurde 20 Uhr bis es fertig war. Danach saßen wir noch zusammen. Im Laufe des Gesprächs brachte Senta eine Diskussion, um die Frage, wie sinnvoll es ist, einen Besuch in der Favela zu machen, in Gang. Es kamen Fragen auf, wie die, ob wir überhaupt das Recht haben, in eine solche hineinzugehen, oder ob es genüge zu wissen, dass dort eine extreme Armut herrscht. Die Meinungen waren geteilt. Alle, die bereits eine Favela gesehen hatten, schätzten diese Erfahrung als sehr wertvoll ein. Sentas Skepsis in Bezug auf die Gefahr, die Menschen dort in ihrer Würde zu verletzen, blieb. Es ist sicher wichtig, sich über seine Motive beim Besuch einer Favela klar zu sein, auch die Achtung vor den Menschen in der Favela sollte man auf jeden Fall wahren. Ich gebe zu, dass es mir nicht möglich ist, hier ein klares Fazit zu ziehen. Nach und nach ging jeder seinen eigenen Gedanken nach. Manche gingen zu Bett. 
Plötzlich fiel uns ein schabendes Geräusch auf. Es kam nicht aus dem Zimmer und auch nicht von draußen. Etwas musste auf dem Dachboden sein. Michael wollte dem Geräusch unbedingt nachforschen, also machte Thomas eine Räuberleiter und Michael stieg hinauf. Er konnte nichts entdecken; eigentlich war Senta schon ins Bett gegangen, aber sie hatte die kratzenden Geräusche auch gehört und nahm an, Michael hätte sie verursacht. Als wir sagten, dass wir ein Tier auf dem Dachboden vermuteten, wollte sie es unbedingt selbst sehen. Ihr mit Hilfe einer Räuberleiter einen Blick auf den Dachboden zu verschaffen, war ein größeres Unterfangen, aber gemeinsam gelang es. Trotz allem haben wir immer noch nicht herausgefunden, was es war. Eigentlich wollten wir nur noch einmal auf die Toilette gehen, bevor wir ins Bett gehen, aber das Wasser war ausgegangen, und die Spülung ging nicht mehr. Also starteten Michael und Zdena noch eine Wasserholaktion, allerdings mit geringer Ausbeute, obwohl es sehr regnete. Nach all den verrückten Unternehmungen gingen wir schließlich auch schlafen.
Stephanie
Zusatzbericht Sonntag, 23. 08. 98
Am Strand war es herrlich. Die Sonne hat die ganze Zeit geschienen und wir haben auf den Felsen Einsiedlerkrebse gesammelt, mit den Kindern im Wasser getobt oder einfach nur in der Sonne gelegen. In einem Strandlokal haben wir zu Mittag gegessen: Fisch natürlich und Hühnchen. 
Kerstin
Montag, 24. 08. 98
Regen, Regen, Regen. Folglich lief vormittags nicht allzu viel.
Wir verkrochen uns in unserer Unterkunft und verfluchten unser Schicksal oder auch nur das Wetter und versuchten unserer vor der Sintflut geretteten Wäsche, eine neue Unterkunft im Innern des Hauses zu schaffen.
Mittags jedoch wurde es interessanter, denn ein Gespräch mit den Erziehern stand auf dem Programm. Sie erzählten von Ihren Problemen, Wünschen und Plänen, allen voran denen zur besseren Alphabetisierung, die nun in Angriff genommen werden sollte.
Uns interessierten vor allem die einzelnen Geschichten und Schicksale der Kinder, die wir auf dem Sitio kennengelernt hatten. Die Erzieher konnten jedoch auch nicht mit genaueren Informationen aufwarten, da auch sie nur das wussten, was ihnen die Kinder zuvor über sich und andere erzählt hatten - häufig zusammenhanglos und widersprüchlich.
Als dann die Kinder die Runde stürmten, mussten wir leider das Gespräch bald beenden, da die Unruhe zu groß wurde. Doch auch von ihnen kamen noch interessante, obgleich verblüffende, Fragen. So wurden wir beispielsweise gefragt, ob wir schon immer weiß gewesen seien und schon immer Deutsch gesprochen hätten.
Michael
Dienstag, 25. 08. 98
Heute sind wir um 6.30 Uhr aufgestanden. Zum Frühstück gab es außer dem Üblichen zur Freude aller das erste Mal Bananen! So gestärkt war es kein Problem, die Tagesaktivitäten in Angriff zu nehmen: Inhame musste geschält werden, der Garten musste weiter bearbeitet werden, in der Küche wurde Hilfe benötigt, und auch der Mauerer brauchte Unterstützung. Für ihn mussten wir Sand von der Straße und vom Fußballfeld holen und zu Mörtel verarbeiten. Kurz vor 10 Uhr kamen die lang erwarteten Kinder des 2-Tages-Prozesses an. Sie präsentierten sich äußerst freundlich und waren zum Erstaunen vieler noch sehr jung. Die meisten von ihnen halfen auch gerne bei der Maisernte mit, die zum Weiterverkauf bestimmt war. Nach einer kurzen Regen- und Verschnaufpause wurde zum Mittagessen gerufen. Danach ging eine Gruppe von uns zum Einkaufen, der Rest gönnte sich eine Siesta, machte einen Spaziergang zum Fluss und spielte mit den Moradores und den Kindern des 2-Tages-Prozesses. Insgesamt zeigten sie sich sehr offen, und es machte Spaß mit ihnen zu kommunizieren.
Pünktlich zum Abendbrot kamen die anderen vom Einkaufen zurück, und es wurde zum letzten Mal auf dem Sitio zu Abend gegessen. Erst beim Abendessen wurden mir einige Dinge deutlich, die ich vorher nicht bemerkt hatte: Abgesehen von den großen Portionen, die sie aßen, was wir  von den Kindern schon gewohnt waren (doch bei den 2-Tages-Kinder war es noch erstaunlicher, da viele von ihnen noch sehr jung und körperlich unterentwickelt waren), fielen die kleinen Streitereien untereinander auf und vor allem, dass viele von ihnen auf dem Boden aßen! Sie ignorierten die Tische und Bänke und aßen, wie sie es auch sonst auf der Straße gewohnt waren, auf dem Boden.
Auf das Abendessen folgte das Abschiedsfest am Lagerfeuer. Dabei wurde der geerntete Mais geröstet und viel erzählt. Zum Abschluss hielt jeder der Moradores eine kleine Rede, in der er/sie erzählte, was ihm/ihr gefallen hatte. Insgesamt war das eine sehr schöne Geste. Besonders interessant und lustig war, wie die Kinder die „Gringos“ zu unterscheiden versuchten: Da sie sich die Namen vieler von uns nicht merken konnten, hießen Marc z.B. einfach nur der Autofahrer und ich der 16-jährige. Im Anschluss zeigte Emmeran nochmal seine Feuerspuckkünste, was die Kinder sehr begeisterte. Einige von uns gingen früh zu Bett, die anderen saßen noch bis 3 Uhr um das Lagerfeuer, denn es gab noch sehr viel zu erzählen.
Thomas
Mittwoch, 26. 08. 98
Der letzte Tag unseres Aufenthalts auf Capim de Cheiro begann mit dem Aufräumen des Geländes. Mehr oder weniger aktiv begannen die Erzieher, die Kinder und wir bei strahlendem Sonnenschein, Müll aufzusammeln, beim Bauen oder im Garten zu helfen und unsere Unterkunft auszuräumen. 
Nachmittags überraschte uns die Köchin mit leckerem Pudding und wir bereiteten uns langsam auf den Abschied vor. Wie in Brasilien üblich, dauerte das Verabschieden ziemlich lange, so ungefähr zwei Stunden. Die Erzieher bekamen etwas geschenkt, den Mädchen und Jungen schenkten wir Kleinigkeiten wie T-Shirts, Kämme und Taschen, wobei es noch zu einer kleinen Eifersuchtsszene kam, da wir nicht allen genau dasselbe geschenkt hatten. 
Ganz besonders freuten wir uns über kleine lackierte Tonplastiken, die die Kinder für jeden von unserer Gruppe ganz individuell modelliert hatten und uns ganz stolz überreichten. 
Danach fuhren wir zusammen mit den 2-Tages-Kindern nach Olinda. Die Moradores ließen es sich nicht nehmen, auf die Busstoßstange aufzuspringen und ein Stück mitzufahren. 
Als die 2-Tages-Kinder in Recife aus dem Bus steigen wird uns zum ersten Mal richtig bewusst, dass sie niemand haben, der sie abholt, meist keine Wohnung, in der sie sich waschen, schlafen oder etwas essen können.
In Olinda in der Pousada angekommen, stürzen sich alle in den Pool, um den Sitio-Sand loszuwerden und danach, hungrig wie die Straßenkinder, auf das Abendessen.
Sabine
 
Donnerstag, 27. 08. 98
Nach dem Frühstück fuhren wir per Bus zum Zentrum der Straßenkinderbewegung nach Recife, wo ein Treffen mit den verschiedenen Projekten, die wir in der folgenden Woche besuchen werden, stattfinden sollte. 
Nach einer persönlichen Vorstellungsrunde wurde uns die Situation der Kinder in Brasilien (Geschichte der Straßenkinder) anhand von bemalten Plakaten dargestellt. Nach dieser Einführung stellten sich die einzelnen Gruppen kurz vor. 
 
1. Movimento dos Trabalhadores - Arbeiterbewegung 
Ehemalige Zuckerrohrarbeiter, die wegen des Konkurses eines großen Konzerns ohne Abfindung auf die Straße gesetzt wurden, schließen sich zu Gruppen zusammen. Sie besetzen Land, bebauen es und verkaufen anschließend die Erträge (z.B. Blumen). Derzeit gibt es 52 Siedlungen, in denen ca. 10000 Familien leben. 
Mit diesem Projekt soll verhindert werden, dass Familien in die Städte ziehen. 

2. Resurreiçao 
Das Projekt besteht seit 11 Jahren. 9 Erzieher arbeiten mit ca. 138 Kindern zwischen 6 und 8 Jahren. Zu den Aktivitäten zählen Lesen und Schreiben, Häkeln, Tischdecken besticken, Besen herstellen und Fußball spielen. 
Die Erzieher möchten das Bewusstsein der Kinder für ihre Rechte und Pflichten erwecken. Besonders stolz sind die Erzieher und die Kinder auf ihre Bibliothek mit ca. 400 Büchern. 

3. Galpão do Santo Amaro 
Dieses Projekt enstand vor 13 Jahren. Am Anfang haben die Kinder Schrott gesammelt und verkauft. 
Doch es gab Schwierigkeiten mit der Polizei. Der Lagerraum musste verkauft werden. Die Erzieher und Kinder beschlossen daraufhin, eine Bäckerei zu eröffnen. Doch auch dieses Vorhaben war zum Scheitern verurteilt. Sie wurden von den anderen Bäckereien in den Konkurs getrieben. 
Heutzutage können die Kinder eine Ausbildung als Schneiderin machen. Eine Zusatzausbildung in Maniküre wird auch angeboten. Nach 4 Monaten erhalten sie ein Zertifikat -nichts Staatliches- aber immerhin etwas. 
Die Kinder können auch an verschiedenen Workshops teilnehmen, wie z.B. Lesen und Schreiben, Ketten basteln, Puppen knüpfen und Unterhosen nähen. Es gibt sogar eine Tanzgruppe, die manchmal vor Publikum auftritt. Am Freitag ist Fußball spielen angesagt und am Wochenende werden kulturelle Ausflüge unternommen. 

4. Grupo Semente do Amanhà 
Ursprünglich gab es in dem Stadtteil eine Kindertagesstätte, wo Kinder bis zu ihrem 7 Lebensjahr betreut wurden. 
Auf Wunsch der älteren Kinder entschieden sich dann 4 Erzieher vor etwa 9 Jahren dieses Projekt zu gründen. 
Auch hier gab es immer wieder Schwierigkeiten mit den Behörden und der Polizei. 
Zu den täglichen Aktivitäten gehören Nähen, Stricken und Holz bearbeiten. Die fertigen Produkte werden auf dem Markt verkauft. 

5. Artemanha 
Seit ca. 2 Jahren betreuen 2 Erzieherinnen 35 Kinder. Ihr Arbeitsplatz ist ein Zelt am Rande eines Müllberges in Olinda. Die Erzieherinnen möchten das Bewusstsein bei den Kindern und Erwachsenen erwecken, dass sie Menschen und keine Ratten sind - nur weil sie auf dem Müllberg bei den Ratten arbeiten. Die Kinder sollen Lesen und Schreiben lernen, damit sie die Schule besuchen können. 

6. Communidade assumindo a suas crianças 
Das Projekt besteht seit fast 15 Jahren. 7 Erzieher betreuen ca. 100 Kinder, d.h. sie häkeln, nähen, bemalen Tischläufer und basteln Kasperpuppen gemeinsam. Die Erzieher versuchen, die Handarbeiten anschließend zu verkaufen. 

7. Straßenkinderbewegung 
Diese Gruppierung, die seit 1985 besteht, verfolgt zwei Ziele: 
1. Vernetzung zwischen den einzelnen Gruppen und 
2. Anerkennung der Bürger- und Menschenrechte, insbesondere für Straßenkinder. 
Alle drei Jahre treffen sich auf dem nationalen Straßenkinderkongress in Brasilia die Vertreter der jeweiligen Gruppe / die Abgeordneten des jeweiligen Bundesstaates, um für die Rechte der Kinder zu demonstrieren. 
Diese engagierten Menschen fordern unter anderem finanzielle Unterstützung von Seiten des Staates, um den Straßenkindern ein menschenwürdiges Leben ermöglichen zu können.

Nach den einzelnen Gruppenvorstellungen gab es Mittagessen. Danach wurden wir aufgefordert, ein Transparent zu bemalen bzw. zu unterschreiben, das sie beim nächsten Straßenkindertreffen zeigen werden.
Um 14 Uhr bzw. 15 Uhr gingen wir in zwei Gruppen mit je zwei Erziehern von Ruas e Praças zu dem Treffpunkt der Straßenkinder. Die Kinder liefen uns entgegen und begrüßten uns ganz herzlich. Es waren ziemlich kleine Mädchen dabei; sie schnüffelten aber nicht, das taten nur einige der Jungen. Zdena, Marc und Emmi spielten mit 4 Jungen Fußball. Ines, Steffi und Senta malten mit den anderen Kindern. Es kamen noch einige Jungen dazu - sie waren ziemlich fertig. Aufgrund des Leims, den sie zuvor geschnüffelt hatten, konnten sie fast nicht reden; auch ihre Motorik war erheblich eingeschränkt. Das ging einigen der Gruppe ziemlich nah, mir auch. Es fiel uns schwer, die Kinder so zurückzulassen. Wir verabschiedeten uns und fuhren zurück zur Pousada. 
Emmeran
Zusatzbericht Donnerstag, 27. 08. 98
Zur Straßenarbeit haben wir uns am Nachmittag in 2 Gruppen aufgeteilt. Die eine Gruppe blieb in der Nähe des Büros, und wir sind mit Tonho nach Boa Viagem gefahren. Es war jedoch eine sehr enttäuschende Erfahrung. Wir trafen die Kids gerade beim Essen an, sie hatten sich wohl etwas gekauft oder etwas geschenkt bekommen. Sie waren höchstens zu acht und schon etwas älter, so zwischen 15 und 20 Jahren, und fast jeder hatte eine Leimflasche und war total zugedröhnt. Wir haben versucht sie für "Memory" zu begeistern, was jedoch völlig erfolglos blieb. Die Kids waren so benebelt, dass man gar nichts mit ihnen anfangen konnte. Tarciana, die wir schon vom letzten Jahr kennen, und die auch auf dem Sitio in der 5-Tages-Woche war, war auch da. Sie sah ziemlich schlecht aus, aber Tonho hat gesagt, dass sie ab der folgenden Woche auch auf dem Sitio leben könne. Ich hoffe sehr, dass sie es schafft. 
Wir sind dann auch bald wieder gegangen, da wir noch fürs Abendessen einkaufen mussten. 
Dieser erste und einzige Tag für mich auf der Straße war nicht leicht aus dem Kopf zu bekommen. Abends haben wir innerhalb der Gruppe noch viel darüber geredet, und den anderen schien es nicht viel besser ergangen zu sein. Ich habe dann im Nachhinein ein schönes Straßenarbeitserlebnis vermisst, wo man sagen könnte: "Das war eine gelungene und sinnvolle Aktion." 
Nächstes Jahr werde ich auf jeden Fall mehr auf der Straße sein wollen und weniger bei den verschiedenen Projekten.
Kerstin
Freitag, 28. 08. 98
Heute musste schon früher aufgestanden werden, denn es sollte ein langer, aber äußerst interessanter Tag auf uns warten. Um 8.15 Uhr ging es zum Büro von Ruas e Praças, wo schon der Bus auf uns wartete. Hier trafen wir einige Kinder des 2-Tages-Rhythmuses wieder, die sich sehr freuten, uns zu sehen. Doch lange war nicht Zeit zum Erzählen, denn nachdem wir noch einen alten Freund Berenices abgeholt hatten (er hatte eine wichtige Funktion innerhalb der Gruppe, die wir besuchen sollten), ging es zu unserem eigentlichen Ziel: Dem Movimento dos Trabalhadores. Es handelt sich hier um eine Arbeiterbewegung, die über Jahrzehnte unbebautes Land einer Fabrik besetzt und dieses zu bearbeiten begonnen hatte. Diese Fabrik hatte zuvor die Arbeiter entlassen, und um das Zahlen von Renten und Abfindungen zu umgehen, einfach Konkurs angemeldet. Es hat sich hier eine Art Kommune gebildet, wie wir West-Europäer sie uns kaum vorstellen können.
Nachdem wir angekommen waren, hatten wir zuerst eine Unterhaltung mit den sehr freundlichen Arbeitern der Bewegung, in der uns deren „Leiter“ klar  über Funktion, Geschichte, momentane Arbeit und mögliche Entwicklungen in der Zukunft des Movimentos aufklärten. Nachdem auch die vielen Fragen unsererseits beantwortet waren, machten wir uns erst einmal auf den Weg, das Gelände kennenzulernen. Die anfangs harmlos begonnene Wanderung sollte sich sehr schnell als eine kleine Abenteuerwanderung herausstellen, in der es sowohl über sehr schmale, wackelige Brücken ging, als auch über diverse Wasserstellen gewatet werden musste. Endlich wieder im Dorf angekommen, überraschten uns die Arbeiterfamilien mit frischen Kokosnüssen, die uns wieder zu Kräften kommen ließen sowie mit einem kompletten Mittagessen, das sie speziell für uns zubereitet hatten. Abgesehen davon, dass es ein bisschen trocken war, tat es vielen von uns gut. Auch sonst waren die Menschen des Movimento sehr freundlich zu uns.
Zum Abschluss tanzte fast das ganze Dorf mit uns noch eine Siranda, es wurden Bilder gemacht und wir bekamen sogar eine rote Fahne des Movimento geschenkt. 
Recht müde machten wir uns auf den Heimweg. Einige von uns gingen noch in Recife spazieren, der Rest fuhr direkt in die Pousada. Nun war Ausruhen angesagt, denn es sollte noch eine lange Nacht auf uns warten. In Recife fand der Maracatu Atômico statt, eine riesige Open-Air-Party mit traditionellen Tänzen und Verkleidungen. Wieder einmal mussten wir Deutsche die unglaublichen Tanzkünste der Brasilianer bestaunen, neben denen man sich wie ein steifer Baumstamm vorkommt. Es sollte noch ein langer, sehr spaßiger und amüsanter Abend werden, denn die Party hat wirklich gehalten, was sie versprochen hatte.
Thomas
Samstag, 29. 08. 98
Die letzten Tage waren zwar interessant, aber auch anstregend. Man hatte kaum Gelegenheit sich auszuruhen, geschweige denn das Erlebte zu verarbeiten. Erstaunlicherweise haben wir uns recht schnell an die Gegebenheiten angepasst. Nichtsdestotrotz waren die bisherigen Eindrücke/Erfahrungen derart überwältigend, dass bei dem einen oder anderen auch eine gewisse Verwirrung herrschte. 
Ein Tag der Erholung war angesagt. Und welcher Ort eignet sich wohl dafür am besten? Keine Frage, natürlich der Strand von Gaibu. Nach einem üppigen Frühstück in der Pousada fuhren wir endlich los. 
Am Ziel angekommen, genossen wir dann erstmals die einzigartige Aussicht. Ein kleines Schmuckstück der Natur, fernab vom Touristenrummel, ließ kein Zweifel aufkommen: Das wird ein ruhiger, erholsamer Tag. Doch die Freude war von kurzer Dauer. Nachdem wir im Meer gebadet hatten, fing es an zu regnen. Wir packten schnell unsere Sachen und verkrochen uns unter die Sonnenschirme. Während einige von uns vor lauter Erschöpfung eingeschlafen waren, nutzen Maike und Marc die Gelegenheit, sich mit den Erziehern, Tonho und Loy, über das brasilianische Bildungswesen zu unterhalten. Das Ergebnis der angeregten Diskussion war erschütternd: Tonho stellte mit Bedauern fest, dass das brasilianische Bildungswesen seinen elitären Charakter beibehalten hat. Zum einen ist die öffentliche Schule nicht kostenlos - zu den Kosten gehören Einschreibgebühren, Kosten für Lehrmittel, Schuluniform, aber auch beispielsweise Schuhe. Zum anderen wurde der Hochschulzugang erheblich erschwert; kaum ein ein Absolvent der Sekundarschulen kann die Hochschulaufnahmeprüfungen bestehen, ohne zuvor kommerzielle Vorbereitungskurse (cursinhos) besucht zu haben. 
Inzwischen hatte der Regen nachgelassen und wir beschlossen uns ein wenig zu stärken. Das Mittagessen war wie gewohnt reichhaltig und einfach köstlich. Gut gelaunt und bestens ausgerüstet zogen wir anschließend los, um die felsige Küstenlandschaft zu erkunden. Da es ziemlich neblig war, konnten wir am Horizont lediglich die Konturen der Stadt Recife sehen. Ich muss gestehen, auch mein Geist war von Nebel umhüllt. Es war mir unmöglich das Erlebte zu überdenken und auszuwerten. Ich hatte zwar kein Kulturschock erlebt, aber das viel beschworene Elend, die ausweglose Situation der Straßenkinder und der Kampf der Erzieher hatte eine ziemlich bedrückende Wirkung auf das Gemüt. Es bleibt sicherlich eines der größten Geheimnisse Brasiliens, wie die Betroffenen damit fertigwerden. Wir, damit meine ich die Privilegierten unter uns, müssen erkennen, dass Armut und Ausbeutung in der Dritten Welt auch das Ergebnis von Wachstum und Wohlstand in den Industrieländern, von Rohstoffverschwendung hier zu Lande und von weltweiter Aufrüstung sind. 
Nach diesem Ausflug gönnten wir uns noch eine kleine Erfrischung am Strand. Die unerschütterlich gute Laune der Brasilianer wirkte ansteckend. Auf der Rückfahrt nach Olinda konnten sowohl die Einheimischen als auch wir unsere Gesangskünste unter Beweis stellen. 
Nach einem recht üppigen Abendessen zogen es einige von uns vor, in der Pousada zu bleiben. Die Unternehmungslustigen hingegen schlenderten durch die stimmungsvollen, steilen Altstadtgassen von Olinda. 
Senta
Sonntag, 30. 08. 98
Der heutige Tag stand ganz im Zeichen der Erholung. Wir fuhren in einen Park namens Zumbi Safari. Hier sollte es eine Reihe regionaler Sehenswürdigkeiten an einem Ort gebündelt geben: Mangrovenwald, ein hübscher See, Strand und eine Maniokmühle. 
Nach einem kurzen Imbiss begannen wir einen langen Spaziergang, bei dem wir alles Sehenswerte besuchen wollten. Die Tatsache, dass sich selbst die dunkelsten Brasilianer mit Sonnenschutz versorgten, flößte uns großen Respekt vor der Dauer des Ausfluges ein. Wir gingen zunächst zu einem kleinen See, an dem es uns so gut gefiel, dass wir gleich baden gingen. Währenddessen entwickelten sich viele Gespräche im kleinen Kreis. Mich zum Beispiel interessierte, welche Rolle die sexuelle Aufklärung in brasilianischen Schulen und im pädagogischen Konzept unserer Partnerorganisation spielt. Die Erzieher erklärten mir, dass dieses Thema ein wichtiger Bestandteil ihrer Arbeit ist, da es in der Schule nie behandelt wird. Abgesehen davon besuchen sowieso wenige der armen Kinder eine Schule. Sie waren sehr überrascht darüber, dass sexuelle Aufklärung in deutschen Schulen Bestandteil des Lehrplans ist und beurteilten dies als gut und wichtig. 
Da wir diesen schönen Platz am See nicht verlassen wollten, holten wir unser Mittagessen mit dem Auto ab, um es in der freien Natur zu genießen. 
Der folgende Regen verhinderte, dass wir unseren Spaziergang zu Ende führten. So begaben wir uns nach einem kleinen Umweg über einen Aussichtsturm zurück zum Haupthaus. 
Dort sorgte der Barkeeper für brasilianische Musik, so dass sich gleich eine Tanzstunde anschloss. 
Nach der Dämmerung fuhren wir nach Hause, da die Köchin mit dem Abendessen wartete. 
Am Abend gingen noch einige in eine typische Straßenkneipe. 
Marc
Montag, 31. 08. 98
Der Projektbesuch bei der Grupo Ressurreiçao begann mit einer Odyssee oder anders formuliert, einem Stadtrundgang durch Olinda. 
Wir fuhren zuerst ein Stück mit dem Bus, hatten aber nur eine ungefähre Beschreibung des Weges. Die Endhaltestelle war verlegt worden, und Ines konnte sich nicht mehr genau an den Ort erinnern, an dem die Gruppe arbeitet. Nach einigen Telefonaten und Rundgängen durch Olindas Straßen holte uns ein Junge ab, und wir kamen eineinhalb Stunden später als erwartet beim Projekt an.
Aber das war natürlich não problema. Wir wurden sehr herzlich von vielen Kindern empfangen und besichtigten erstmal die Räumlichkeiten. Die Grupo Ressurreiçao ist ein Präventionsprojekt, das mit meist 7 bis 18-jährigen Kindern der umliegenden ärmeren Stadtteile Olindas arbeitet. Es werden verschiedene Workshops, wie Körbe flechten aus Papier, Sticken, Puppen bauen aus Müll und Puppentheater, angeboten. Außerdem bieten sie Kurse in alternativer gesunder Ernährung für Mütter an. Der Erlös aus dem Verkauf von Körben und Stickereien trägt zu einem kleinen Teil mit zur Finanzierung des Projekts bei.
Die Kinder sind die ganze Zeit unseres Besuchs über total aufgeregt und ich ärgere mich zum x-ten Mal darüber, dass ich nicht genug brasilianisch spreche und verstehe, um mich mit ihnen zu unterhalten. Die Jungen tanzen für uns Capoeira und wir spielen zusammen Fußball und Brennball.
Die Kinder, die am Projekt teilnehmen, gehen vormittags in die Schule und nachmittags zur Gruppe oder wenn die Schule am Nachmittag ist, umgekehrt. So gibt es zwei Gruppen, die von 7 Erziehern betreut werden. Den Frauen und Männern konnte man die Begeisterung für Ihre Arbeit ansehen und trotz der Finanzierungsprobleme ihre ganze Energie dafür aufwenden, sich um die Kinder zu kümmern. Sie betreuen die Kinder bei den Hausaufgaben, spielen und basteln mit ihnen, sind teilweise Familie, wenn die Kinder, wie wir es in einem Fall erfahren haben, keine Eltern mehr haben.
Von den Erziehern ist geplant, eine Schreinerwerkstatt einzurichten, um eine Art Berufsausbildung für die Kinder anzubieten. Da diese Art von Arbeit aber bei den Behörden als Kinderarbeit definiert wird, kann das Projekt vom Staat nicht gefördert werden. Wie bei anderen Projekten, ist die Finanzierung durch mehrere, wechselnde Organisationen nur bedingt sicher. Aber das beeinflusst die optimistische Einstellung der Erzieher nicht. Das kann man nur bewundern.
Sabine
Zusatzbericht Montag, 31. 08. 98
Eine weitere Gruppe von 6 Personen besuchte heute das Projekt Semente de Amanhà. Dieses Projekt hatte mich letztes Jahr so begeistert, dass ich es unbedingt wieder besuchen wollte.
Das Ziel der Erzieher ist es, die Kinder aus dem Stadtteil davon abzuhalten, auf die Straße zu gehen. Wir haben Kinder von 11 bis 17 Jahren kennengelernt. Da es so wahnsinnig viele sind, werden sie in zwei Gruppen eingeteilt. Es ist wirklich beeindruckend, wie viel Kraft die Erzieherinnen aufbringen müssen. Sie haben in Ihrem Stadtteil auch mit Drogen zu kämpfen, außerdem fällt im Herbst eine finanzielle Unterstützung aus, so dass sie stark um Ihre Existenz kämpfen müssen.
Als wir ankamen, waren die Kinder gerade beim Basteln, vor allem Mädchen, da die Jungen beim Fußballspielen waren. Aus Palmenblattstengeln waren Stempel gebaut worden und es war wunderschön zu sehen, mit wie viel Kreativität die Kinder an die Arbeit gingen. Nähen war auch beliebt. Uns wurden die schönsten Muster präsentiert.
Der Weg zum Fußballplatz danach glich einer kleinen Wanderung, doch als ich die Jungen in der knallen Sonne spielen sah, schämte ich mich für meine Schweißausbrüche. Dieses Spiel hatte richtige Koordination, einen richtigen Trainer; mal was ganz anderes. Sie spielen auch richtige Turniere. Im Haus haben wir die Pokale bewundert.
Dort konnten uns dann alle Kinder Fragen stellen. Es hat mich gewundert, was für teilweise anspruchsvolle Fragen kamen. Ich hatte das Gefühl, dass den Kindern hier sehr viel geboten und geholfen wird, und sie das auch zu schätzen wissen. 
Es hat mich auch sehr gefreut, viele vom letzten Jahr wiedergesehen zu haben. Nach dem Mittagessen gab es noch eine Gesprächsrunde mit den Erziehern, wo sie uns auch Fragen stellen konnten.
Insgesamt hat mich die Atmosphäre wieder total beeindruckt; ein krasser Gegensatz zu den Straßenkindern. Die Kinder lachen alle, sind glücklich und zum Abschied bekamen wir alle ein riesengroßes "Ciao" !
Maike
Dienstag, 01. 09. 98
Maike und ich bekamen an diesem Vormittag die besondere Möglichkeit, mit Tonho auf die Straße zu gehen.
Eigentlich war geplant, dass wir mit zwei Straßenkindern zur Drogenberatungsstelle gehen wollten. Tonho erwähnte jedoch schon am Vorabend, es sei wahrscheinlich, dass die zwei gar nicht erscheinen würden, obwohl sie eigentlich beide motiviert sind von der Straße wegzukommen - wie viele andere auch.
Tonho behielt Recht, sie kamen nicht.
Es war deshalb so schade, da der eigentliche Grund für unser Kommen André war, einer der Straßenjungen. Wir kennen ihn seit dem letztem Jahr und wollten ihn wiedersehen.
Da einige der Teilnehmer letztes Jahr schon am Workcamp teilgenommen haben, war das Interesse groß zu erfahren, was aus den Kindern und Jugendlichen, die wir letztes Jahr kennengelernt haben, geworden ist.
Die meisten Kinder, mit denen wir die Zeit auf dem Sitio verbracht haben, sind wieder auf der Straße, vielen geht es schlechter. Samuel ist nach Tonhos Aussage in einem staatlichen Heim untergebracht, in dem es ihm sehr gut gehen soll.
André hat den Sommer über als Eisverkäufer gearbeitet und muß nun die Zeit zum nächsten Sommer überbrücken. 
Nun war der Wunsch groß, einige von den Kindern wiederzusehen.
So ging es auch Maike, die André treffen und mit ihm reden wollte. 
Leider kam es nicht zu dem erhofften Gespräch, da die Zeit, als er die Gruppe zufällig getroffen hat, dazu nicht ausgereicht hat.
Nachdem es an diesem Morgen auch nicht geklappt hat, gingen wir mit Tonho zu einer Stelle, an der sich ein Teil der 2-Tages-Kinder aufhielten. Sie kamen uns schon von Weitem entgegengerannt und wollten uns dann auch das Haus zeigen, in dem sie wohnten. Die Kinder müssen durch das obere, enge Fenster krabbeln um herein zu kommen.
Dann führten uns die Kinder zur „Schule der jungen Arbeiter“. Dort bekommen sie, wie sie erzählten, von Zeit zu Zeit etwas zu essen.
Was uns überraschte, war, dass in diesem Haus deutsche Studenten der Zahnmedizin ehrenamtlich für drei Monate arbeiteten. Wir hätten nie angenommen, dort Deutsche zu treffen!
Nach dieser Führung durch die nähere Umgebung verbrachten wir noch kurze Zeit bei den Straßenkindern und machten uns danach auf den Weg, die anderen zu treffen.
Abends waren wir zu Tonhos Tanzstunde eingeladen, bei der wir einen weiteren  Einblick in die regionale und überregionale Tanzkultur bekommen haben. Da es nicht unsere erste Tanzstunde war, konnten wir die schon erlernten Schritte erweitern. 
In Brasilien hat das Tanzen eine wichtige gesellschaftliche und traditionelle Stellung. Jeder Tanz hat seine eigene Entstehungsgeschichte und Funktion. 
Wie zum Beispiel Capoeira: Dieser berührungslose Kampftanz ist in der Zeit entstanden, als in Brasilien, meist afrikanische, Sklaven gehalten wurden. Die Menschen wollten ihre Kultur beibehalten. Mit der Zeit mussten sie sich anpassen und fügen. So entwickelte sich nach und nach das im Nordosten praktizierte Capoeira. 
Wir bekamen von Loi und Tonho die Grundschritte vom Cocô, Maracatu und Frevo beigebracht. 
Zdena
Zusatzbericht Dienstag, 01. 09. 98
Am Vormittag hatten Ines , Steffi, Sabine und Marc einen Termin beim deutschen Konsulat. Während wir auf den Empfang warteten, lernten wir einen deutschen Studenten kennen, der uns vom Deutsch-Brasilianischen Kulturzentrum in Recife erzählte. Er sagte, dass es in dieser Institution einige Brasilianer gibt, die gerne Deutsch sprechen und über Deutschland mehr erfahren würden. Deshalb lud er uns zum Stammtisch am nächsten Abend ein.
Nun konnte uns Herr Kummer vom Deutschen Konsulat empfangen. Die Solidaritätsjugend sowie Ruas e Praças hatte schon im Frühjahr Kontakt zu ihm, so dass ihm die Arbeit unserer Partnerorganisation schon bekannt war. Wir erzählten ihm von unseren Eindrücken und den aktuellsten Entwicklungen in unserer Deutsch-Brasilianischen Partnerschaft. Herr Kummer interessierte sich sehr für den Verlauf unseres gegenwärtigen Projekts und für unsere Arbeit in Deutschland. Er betonte dass, der Kontakt zwischen Solidaritätsjugend und Konsulat wichtig ist und bot uns im Falle von Problemen seine Hilfe an. Zum Abschluss erwähnte er, dass er sich wieder über einen Besuch von uns freuen würde und verabschiedete uns mit einigen Tips zum Verhalten im brasilianischen Alltag.
Marc
Mittwoch, 02. 09. 98
Nach dem Frühstück teilten wir uns für den heutigen Vormittag in zwei Gruppen auf. Die einen beteiligten sich an der Straßenarbeit von Ruas e Praças, die anderen besuchten das in Olinda ansässige Projekt Sobe e Desce. Die Erzieher von Sobe e Desce zeigten uns zunächst ihre Büro- und Arbeitsräume; hier werden die traditionellen Kostüme für die Folkloretänze aufbewahrt, die die Erzieher mit den Kindern einstudieren und aufführen. Außerdem hatten sie zahlreiche Fotos von ihrer Arbeit und den Volksfesten, an denen die Tänze gezeigt wurden. In den Räumen waren auch die Arbeiten der Kinder aus den von Sobe e Desce durchgeführten Workshops zu sehen: Stoffmalerei auf Kissenbezügen, Zeitungsarbeiten, die zu Körben geflochten waren, Bilder an den Wänden, Perlenketten und Miniatur-Berimbaos (ein Musikinstrument, das aus einem mit einer Saite bespannten Stock und einem ausgehöhlten, geöffneten Kürbis als Klangkörper besteht und zum berührungslosen Kampftanz Capoeira gespielt wird). Dann verließen wir das Büro, um verschiedene Treffpunkte aufzusuchen. 
Zuerst trafen wir Kinder aus der Gemeinde, die am Treffpunkt arbeiteten, indem sie dort Autos putzten und auf sie aufpassten. Damit verdienen sie sich maximal drei Reais für einen Vormittag. Das Geld wird an die Familie abgegeben oder für den Kauf von Schulsachen verwendet. Die Kinder der Gemeinde gehen eigentlich alle zur Schule, die kleinen gehen vormittags zur Schule und arbeiten nachmittags, die großen machen es umgekehrt. 
Auch hier treffen wir jedoch auf einen Jungen, der keine Kontakte mehr zu seiner Familie hat. Er ist dreizehn Jahre alt und sagt, dass er bereits seit acht Jahren auf der Straße lebt und sein Geld für Leim ausgibt. Allerdings war er auch schon im 2-Tages-Rhythmus auf Capim de Cheiro. Wir fragten die Kinder, warum sie hier sind. Sie antworten, dass ihnen die Arbeit mit Sobe e Desce gefällt, weil sie ihnen besonders in ihrer Freizeit einen Ersatz für das Herumhängen auf der Straße bietet. Eine weitere Art, mit der sich die Kinder der Gemeinde ein wenig Geld verdienen, ist, den Leuten, die hier einkaufen, die Einkäufe nach Hause zu bringen. Wir verließen den Treffpunkt und gingen weiter zu einer großen öffentlich zugänglichen Markthalle. 
Auch sie ist ein Treffpunkt, allerdings treffen sich Sobe e Desce hier mit den Straßenkindern. Es ist wichtig, die Kinder der Gemeinde von den Straßenkindern zu unterscheiden, denn ihre Situation unterscheidet sich grundlegend: Die Kinder der Gemeinde stammen von hier und Leben bei ihren Familien; zumindest kehren sie abends heim. Die Straßenkinder dagegen stammen von außerhalb. Sie leben nicht mehr bei ihren Familien und verbringen auch die Nacht auf der Straße. Dienstags und donnerstags finden hier die Treffen der Basisgruppen statt. In diesen Basisgruppen diskutieren die Straßenkinder ihre Probleme und ihre Forderungen an den Staat und entsenden Vertreter in die höheren Ebenen sowie auf das Nationale Straßenkindertreffen in der Hauptstadt Brasiliens, Brasilia. Grundsätzlich trifft sich Sobe e Desce dienstags und donnerstags mit den Basisgruppen und betreibt mittwochs und freitags Arbeit auf der Straße. 
In der Markthalle trafen wir ein Mädchen aus der Gemeinde, das für Sobe e Desce den Status einer Vermittlerin und Ansprechpartnerin innehat. Sie ist 17 Jahre alt, lebt seit elf Jahren in dieser Gemeinde und besucht die zweite Klasse der Oberstufe. Ihrer Aufgabe ist es, die Zustände der Kinder und Familien zu untersuchen, davon zu berichten und sich mit Sobe e Desce zu beraten. 
Die Basisgruppe gibt auch eine kleine Zeitung heraus, in der sie über sich und ihre Aktionen berichtet. Das Mädchen dient auch für die übrigen Kinder als Anlaufstelle, wenn Sobe e Desce einmal nicht erreichbar sind. Als wir sie nach ihrem Berufswunsch fragten, antwortete sie, dass sie gerne Erzieherin bei Sobe e Desce werden möchte. 
Dann wendeten wir uns dem Projekt Sobe e Desce selbst zu und befragten die Erzieher nach Aufgaben und Struktur. Ca. 20 Kinder kommen regelmäßig zu Sobe e Desce, um mit ihnen zu arbeiten. Weitere Kinder werden direkt in der Favela betreut. Wird an einem Samstag eine große Veranstaltung organisiert, erscheinen sogar bis zu 70 Kinder. Sobe e Desce besteht aus acht Erziehern, wobei Carlos und Lia, die uns im Moment begleiten, die Basisgruppen der Gemeinde leiten. Weitere Erzieher kümmern sich um die Straßenkinder und arbeiten dementsprechend auf der Straße. Die verbleibenden zwei Erzieher übernehmen die Verwaltung und die Koordination der Arbeit. Silvia arbeitet sowohl auf dem Capim de Cheiro als auch auf der Straße.
An diesem Treffpunkt sahen wir auch zwei uns bekannte Kinder wieder: Fabian, der von sich sagt, dass er keine Drogen mehr nimmt und dass er keinen Kontakt mehr zu den anderen Straßenkindern hat, und Raoudé, der eigentlich im 5-Tages-Rhythmus auf Capim de Cheiro sein sollte, der aber heute hier ist und Drogen dabei hat. 
Von der Markthalle aus ging es weiter zu einem Straßenkinder-Treffpunkt, dem "Praça do Jacaré" (Platz des Krokodils).
Dort schlägt eines der Kinder vor, wir sollten uns doch mit einem Lied vorstellen. Der Text und die Melodie waren recht einfach, so dass auch wir deutschen Teilnehmer mitmachen konnten.
Es ging so:
"Como é teu nome? 
Eu preciso saber! 
Meu nome é ... 
E quem é você?"
Wie ist dein Name? 
Ich muß es wissen! 
Mein Name ist... 
Und wer bist du? 
So sangen wir, saßen im Kreis, stellten uns vor und fragten unsere Nachbarn reihum nach den Namen, bis alle dran gewesen waren. Der "Praça do Jacaré" ist Jacquelines Arbeitsplatz. Sie tanzt mit den Kindern, die sie hier trifft, Capoeira, malt und bastelt mit ihnen. Kommt sie mit ihnen ins Gespräch, fragt sie die Kinder auch nach ihrem Interesse an einem Aufenthalt auf Capim de Cheiro. Lesen und Schreiben wird nur bei Bedarf vermittelt.
Die Kinder interessiert Existentielleres, und auch die Erzieher beschäftigen sich eher damit, die Kinder weiterzuvermitteln und bei ihnen ein Bewusstsein für das Leben auf der Straße zu entwickeln. Jacqueline berichtete, dass die Kontaktaufnahme mit den Straßenkindern auch sehr schwierig sei: Sie haben Hunger und selbst zu den Erziehern, die ihnen helfen wollen, kein Vertrauen.
Einer der größeren warf ein: "Ihr kommt einfach nur her und macht Fotos von uns und der Natur und dann nehmt ihr sie mit und zeigt sie in Deutschland!" 
Ein Vorwurf, der das oft voyeuristische Verhalten weißer Touristen anklagt. Die Erzieher von Sobe e Desce erklärten dazu, dass Touristen kämen und Fotos von ihrer Straßenarbeit machten, und dass sie sich dafür auch interessierten. Es gefällt ihnen, dass dieses Interesse bei den Touristen besteht; doch sie bemängeln, dass es bei diesem kurzzeitigen Interesse bleibt und keine weitere Unterstützung erfolgt. Die Erzieher von Sobe e Desce berichteten weiter, dass es noch immer viele Vorurteile in der Bevölkerung sowohl den Straßenkindern als ihnen gegenüber gibt. Deshalb planen sie, Straßentheater zu spielen, um die Problematik besser an die Öffentlichkeit zu bringen. Selbst den Erziehern wird Vandalismus vorgeworfen und durch ihre Arbeit mit den Straßenkindern geschieht es oft, dass auch sie Drogen- und Ausweiskontrollen über sich ergehen lassen müssen. Ein weiteres Ziel der Gruppe ist es, dafür zu sorgen, dass die Kinder etwas zu essen bekommen; dann sind sie auch eher an einer Mitarbeit interessiert und fähig, an Workshops teilzunehmen.
Wir verlassen auch diesen Treffpunkt und gehen weiter zu einer Favela, in der sich ein legaler Kinder- und Jugendstrich für die einheimischen Freier befindet. Der Zuhälter besitzt ein Hotel, in dem er die Prostituierten wohnen läßt. Der erzielte Gewinn wird zwischen dem Zuhälter und den Prostituierten aufgeteilt. Der Zuhälter unterhält auch eine Nachtbar, in der Striptease gezeigt wird. Die Jugendlichen, die für ihn arbeiten, sind zwischen 10 und 21 Jahren. Drogen werden auch hier verkauft. 
Dass Sobe e Desce eine Zusammenarbeit mit seinen Schützlingen versucht, sieht er gar nicht gerne, und hat ihnen daher die Arbeit mit den betroffenen Jugendlichen verboten. Die Mädchen verdienen bei ihm rund 100 Reais im Monat, wobei sie 50 Reais davon fürs Wohnen abgeben. Die Jungen verdienen in der Regel weniger. 
Wir betraten die Favela nicht und bewegten uns nur am Rand entlang. Die Arbeit von Sobe e Desce besteht auch hier darin, den Jugendlichen die eigene Situation bewusst zu machen, was jedoch den Zuhälter verärgert. Abends gehen selbst die Erzieher nicht mehr in die Favela. Es ist einfach zu gefährlich. Manchmal jedoch erlaubte der Zuhälter einem Jugendlichen vom Strich die Teilnahme an der Straßenarbeit; eine Gelegenheit für Sobe e Desce, mit ihnen über die ausbeuterische Situation (schlechte Bezahlung und Lebensumstände) zu reden. 
Wir kehrten in das Büro von Sobe e Desce zurück und unterhielten uns nochmal über ihren Schwerpunkt: Die Straßenarbeit. 
Es ist schwer, eine solche Arbeit zu steuern. Die Teilnahme an der Straßenarbeit ist sehr unregelmäßig. Meist schwankt die Zahl der beteiligten Kinder von einem erfolglosen Tag, indem sich keiner sehen läßt, bis zu einer Beteiligung von ca. 10 Kindern. Insgesamt sind es etwa 30 Straßenkinder, die Sobe e Desce betreut. Nochmals betonen die Erzieher den Unterschied zwischen den Gemeinde- und den Straßenkindern. 
Erstere leben zu Hause, gehen zur Schule und nehmen keine Drogen. Daraus erfolgt der Arbeitsansatz von Sobe e Desce, ihnen die Geschichte ihres Landes, Rechts- und Selbstbewusstsein zu vermitteln. Bei den Straßenkindern wird die Arbeit schon schwieriger, denn ihnen mangelt es oft an Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit, da sie kein Zuhause mehr haben, nicht zur Schule gehen und oft unter Drogen stehen. 
Die Erzieher haben immer wieder auch intern mit Problemen zu kämpfen. Die Niedergeschlagenheit unter ihnen war zuletzt recht groß, da viele Kinder starben, brutale Morde verübt wurden, und Kinder den begonnenen Prozeß nicht fortführen wollten. 
Hinzu kamen Uneinigkeiten zwischen den Erziehern. Die Verarbeitung der täglichen Auseinandersetzung mit dem Schicksal der Kinder und Jugendlichen ist nicht leicht, und nur das Gefühl einer überwiegenden sozialen Verantwortung bremst die Lust der Erzieher, auszusteigen und fördert ihren Willen, trotzdem weiterzumachen. 
Zum Schluss baten uns die Erzieher um Anregung und Kritik. 
Danach bedanken wir uns und verließen Sobe e Desce, um etwas zu Mittag zu essen. 
Nachmittags fuhren wir mit den beiden jungen Frauen, die das Projekt Artemanha leiten, zu ihrem Arbeitsplatz, einer Siedlung nahe das Müllbergs. 
Anfangs wohnten die Menschen dieser Reihenhaus-Siedlung mitten auf dem Müllberg, und auch Artemanha hatte sein Projekthaus direkt dort errichtet. Doch um das Elend ein bisschen weniger offensichtlich zu machen, wurden die Anwohner umgesiedelt. Da das Projekthaus der Erzieherinnen kein an sich bewohntes Haus darstellte, wurde es ersatzlos abgerissen. Seitdem arbeiten die beiden mit den Kindern und Jugendlichen vom Müllberg unter freiem Himmel. Dieses Jahr hatten wir neben unserem Gepäck jedoch auch eines dieser offenen quadratischen Zelte mitgenommen. Ines' Eltern haben es gespendet. Kaum waren wir mit dem Bus angekommen, machten wir uns daran, das mitgebrachte Zelt aufzubauen. Von den Kindern erhielten wir sofort tatkräftige Unterstützung, und es dauerte nicht lang, bis es stand und befestigt war. Auf einer ausgebreiteten Decke ließen sich schließlich alle Kinder unter dem Zelt nieder. 
Die Kinder hier gehen alle zur Schule, und manche schienen gerade von dort zu kommen. Sie stellten uns einige Fragen (Wo wohnt ihr? Seid ihr Geschwister? Wohnt ihr schon lange in Deutschland? Seid ihr mit dem Flugzeug oder mit dem Bus gekommen?), die wir gerne beantworteten, und uns dann alle vorstellten. Dann erzählten uns die Kinder, was sie beim Projekt so alles machen. Dass sie Fußball spielen und andere Spiele machen, dass sie nur von Dienstag bis Freitag im Projekt mitarbeiten und dass montags eigentlich keine Projektarbeit stattfand, erzählten sie uns. Dann begann es ein wenig zu regnen und es zahlte sich aus, dass wir ein Zelt hatten und das aufgestellt war. 
Dann zeigt eine der Erzieherinnen eine Kartonage, auf der eine Geschichte aufgeschrieben war. Sie hieß "Bilhetino de desculpa" (Entschuldigungskarte). 
Sie erzählte die Geschichte: Eine Hexe hat Geburtstag, und zu diesem Fest lädt sie alle Tiere ein. Aber die Tiere haben sehr große Angst vor der Hexe, denn sie kocht ein schreckliches Essen. Deshalb suchen alle Tiere eine gute Entschuldigung, um nicht zum Geburtstag der Hexe gehen zu müssen. Dann hält die Erzieherin in der Geschichte inne und fragt die Kinder, was die Hexe denn essen würde. Die Kinder riefen durcheinander und nannten Schlangen und Frösche. Verwundert fragte sie, woher sie das denn wüssten, ob sie vielleicht Hexen wären. Dann setzte sie hinzu, sie würde gleich alle in Frösche verwandeln, worauf die Kinder vergnügt aufschrien. Schließlich kam sie zum Thema zurück und meinte, die Kinder sollten sich Wege überlegen, um sich zu entschuldigen. Sie könnten Bilder malen oder Briefe schreiben. Blätter und Stifte wurden verteilt, und die Kinder machten sich daran, etwas zu malen oder zu schreiben. 
Wir verließen den Treffpunkt und gingen mit Andrea, der anderen Erzieherin, wieder zum nahen Müllberg, auf dem sich die Leute hier ihr weniges Geld verdienen. 
Die Gemeinde, die die Leute umgesiedelt hatte, hat für den Müllberg eine Biowiederaufbereitung gestartet. Das bedeutet jedoch nur, dass der Müll zugeschüttet, und der Hügel in hohen Stufen terrassiert wurde. Aber natürlich existiert noch immer eine große offene Müllfläche, in der die Menschen nach bestimmten Materialien suchen, die sie dann sammeln, um sie für die Wiederverwendung für ein paar Centavos zu verkaufen. Noch immer arbeiten die Menschen hier unter einer enormen Schadstoffbelastung in ständiger Vergiftungsgefahr - auch durch die im schwelenden Müll entstehenden Vergiftungsgase. Auf dem Müll stehen einfache Hütten, in denen die Mütter die kleinsten Kinder zurücklassen und sie in den Pausen, die sie sich gönnen, versorgen. Die größeren Kinder arbeiten wie ihre Eltern auf dem Müllberg und bestreiten ihr Leben aus dem Müll, sie haben weder Zeit noch Gelegenheit zur Schule zu gehen. Die Maßnahmen der Regierung bzw. der Gemeinde, die die Leute umgesiedelt haben, haben nichts weiter bewirkt, als die Verlagerung des Wohnorts. Die Arbeit auf dem Müllberg ist auch recht gefährlich. Oft genug geschieht es, dass eines der Kinder beim Versuch, etwas Besonderes im Müll zu fassen, unter die Ketten der Planierraupen gerät und dadurch verstümmelt wird. Besonders nachts, wenn nur noch die eigenen Taschenlampen oder eben das Licht der Planierraupen den Müll beleuchten, um ein Weiterarbeiten zu ermöglichen, geschehen solche Unfälle. Einer der Jungen, der hier im Müll Materialien sammelt, erzählte, er habe fünf Geschwister, ursprünglich seien sie aber zehn Kinder gewesen. Eine junge Frau von 24 Jahren, die ebenfalls den Müll durchsucht und sortiert, berichtete, sie habe Kinder im Alter von drei, vier und sechs Jahren. Ihr Jüngstes sei zwei Monate alt und werde von der Großmutter versorgt, während sie hier arbeitet. Die Lastwagen kommen und gehen. Sie liefern Müll an, und sie nehmen Aussortiertes wieder mit. Die Bäckereien z.B. lassen hier Holz holen, das sie zum Heizen der Öfen verwenden. Die Sonne ging bereits unter, und wir kehrten zum Zelt zurück. Inzwischen hatten die meisten Kinder Bilder gemalt und stürmten voller Begeisterung zu Ines, um sie ihr zu schenken. Gemeinsam bauten wir das Zelt wieder ab, verabschiedeten uns herzlich und fuhren zurück zur Pousada, um etwas zu Abend zu essen. 
Nach dem Essen waren wir wieder zu Tonho eingeladen, doch zuvor sollten wir eine Sängerin kennenlernen, die hier aus Olinda stammte und der es trotz ihrer einfachen Herkunft gelungen war, großen Erfolg zu haben. Es war Dona Selma de Côco, eine ältere, aber äußerst liebenswürdige Frau. Stolz zeigte sie uns CD´s, denn sie hatte Aufnahmen in Deutschland und Belgien gemacht. Auch Konzerte hatte sie in Deutschland schon gegeben. Sie war berühmt dafür, dass sie den Côco tanzte und sang. Sie freute sich sehr über unseren Besuch, aber wir hielten uns, da es bereits abends war, und wir noch zu Tonho wollten, nicht länger bei ihr auf. So besuchten wir Tonho und Selma, die beide im Projekt Grupo Ruas e Praças tätig sind, und ließen den Abend ausklingen. Leider klagte Emmeran über Magenbeschwerden. Es ging ihm nicht so gut; das sollte uns noch Sorgen machen. 
Stephanie
Donnerstag, 03. 09. 98
In der Nacht war es mit Emmeran nicht besser geworden; im Gegenteil, er hatte Schüttelfrost und Fieber. Berenice musste mit ihm zum Arzt gehen. Für den Vormittag war das Auswertungstreffen im Movimento mit Ruas e Praças geplant. 
Fünf Erzieher waren anwesend, fünf nahmen am Lesen- und Schreiben-Workshop teil, und zwei waren auf Capim de Cheiro. 
Zunächst äußerte sich die brasilianische Seite. 
Sie bedauerten, dass wir speziell mit Ruas e Praças nur wenig auf der Straße waren, da wir andere Projekte besucht hatten, viel Zeit auf Capim de Cheiro verbracht hatten und die Zeit schnell vergangen war. Zunächst waren bei ihnen auch Bedenken wegen der Größe (sechs Personen) der Gruppe bei der Straßenarbeit, denn es hätte sich störend darauf auswirken können, und es hätte mehr Probleme mit den Anwohnern geben können.
Es ist aber alles gut gelaufen, und so hat es allen gut gefallen. Auch der Kontakt mit unserer Gruppe wurde als gut eingeschätzt. Der längere Aufenthalt auf Capim de Cheiro wurde insofern positiv bewertet, als dass wir die Möglichkeit hatten, sowohl den 2- als auch den 5-Tages-Rhythmus kennenzulernen. Selma schloß ab, indem sie kurz aufzeigte, wie es zum Wochenablauf gekommen war. Man wollte mehr Zeit auf Capim de Cheiro und auch mehr Zeit auf der Straße verbringen. Das setzte jedoch voraus, dass die deutsche Gruppe länger blieb. Der Aufenthalt blieb jedoch auf drei Wochen beschränkt, so dass ein Schwerpunkt gelegt werden musste. Aufgrund des letzten Auswertungstreffens entschied man sich für Capim de Cheiro.
Da man jedoch hoffte, wir hätten vier Wochen zur Verfügung, wurde die Zeit knapp.
Es ist eine bessere Absprache der Projektbesuche nötig. Deshalb der Vorschlag, nur noch halb so viel Projekte zu besuchen, um stattdessen alle Stufen des Prozesses sehen zu können: Von der Arbeit auf der Straße über die Projekte bis hin zu Capim de Cheiro. Außerdem war ursprünglich geplant, an einem Tag jeweils die eine Hälfte auf der Straße und die andere im Projekt zu verbringen. Auch auf der deutschen Seite wurde festgestellt, dass zwar durch die Länge des Aufenthaltes auf Capim de Cheiro beide Rhythmen miterlebt werden konnten, dass dadurch aber wenig Zeit für die Arbeit auf der Straße blieb. Weiter wurde der Vorschlag gemacht, mehrmals den gleichen Treffpunkt zu besuchen, um einen besseren Kontakt zu den Kindern zu entwickeln. Insgesamt wäre es wichtig, zurück zu dem Ursprünglichen, zur Straßenarbeit, zu gehen, und weniger die Präventionsprojekte zu besuchen. Auch die Idee, eine stärkere Aufteilung der Gruppe durch einen längeren Aufenthalt von z.B. 2-er Gruppen in ein und demselben Projekt vorzunehmen, wurde geäußert.
Selma war sehr zufrieden mit der Arbeit auf dem Sitio. Sie war der Meinung, wir hätten große Integrationsfähigkeit und gutes Einfühlungsvermögen bewiesen. Sie war überzeugt, dass wir viel von Capim de Cheiro mitgenommen haben. Positiv schätzte sie ein, dass Teilnehmer zum wiederholten Mal auf dem Sitio waren, und die Gruppe dadurch gut auf den Aufenthalt vorbereitet war. Ein weiterer Vorschlag war, die ersten Tage in der Stadt neben einer Akklimatisierung für eine Stadtbegehung, einen Entdeckungsrundgang bzw. eine Stadterkundung zu nutzen. Der Aufenthalt auf dem Sitio wurde positiv bewertet, da er ein Zusammenleben mit den Kindern und das Erlernen nonverbaler Kommunikationswege ermöglicht. Auf der Straße gelang es nicht, die Beobachterposition und den Besuchscharakter wirklich abzulegen. Weiter gab es Fragen von deutscher Seite nach den Wegen der Erzieher, mit Frustration umzugehen und damit fertig zu werden. Auch nach den Inhalten der Gespräche der Erzieher mit den Kindern wurde gefragt. Die Themen dieser Gespräche sind Drogen, die Familie, das Capim de Cheiro, Gewalt, Schule und ärztliche Versorgung. Die Erzieher versuchen, den Kindern den Zugang zum Capim de Cheiro zu ermöglichen oder ihnen einen Ersatz anzubieten, damit sie nicht auf die Straße müssen. Außerdem versuchen sie, etwas über die Familien der Kinder herauszufinden.
Ansonsten beschäftigten wir uns nur noch mit Verwaltungsfragen: Den Bau des Workshop-Hauses und der Stromversorgung des Sitios. 
Nach dem Abschlusstreffen blieb uns noch etwas Freizeit in der Stadt. Des Weiteren mußten noch einige Einkäufe gemacht werden für das Abschiedsfest am Abend, zu dem wir die Erzieher der Projekte eingeladen hatten. Inzwischen war Berenice mit Emmeran beim Arzt gewesen, und es ging ihm etwas besser.
Am Abend wurde es ein schönes Abschiedsfest, bei dem es viele Umarmungen und so manches Freundschaftsgeschenk gab.
Stephanie
Freitag, 04. 09. 1998
Nach unserem ausgiebigen und langen Abschlussfest waren heute nicht alle fit. Aber es war der Tag der Abreise, und trotz allem mussten noch einige Dinge erledigt werden. Die einen räumten die Reste des Vorabends auf, andere rechneten, die nächsten mussten noch Koffer packen und wieder andere gingen noch einkaufen, um das letzte Geld auszugeben. Außerdem wollten sämtliche Einkäufe verstaut sein, was sich als gar nicht so einfach herausstellte. Andenken, Geschenke, Musikinstrumente und vor allem T-Shirts waren schwer unterzubringen. Doch schließlich waren alle Gepäckstücke verschlossen, und die ganze Gruppe hatte sich versammelt. Wir waren bereit zur Abfahrt, aber der zweite Kombi-Fahrer ließ noch auf sich warten. Schließlich machten wir uns auf den Weg. Auf der letzten Fahrt durch Recife wurden noch einmal Erinnerungen wach, neue unbekannte Details des brasilianischen Alltags wurden beobachtet, und natürlich wurde man durch die Armut rechts und links mancher Straßen auch daran erinnert, weshalb wir in Recife waren: Um Armut kennenzulernen, um armen Menschen zu helfen und um den Rest der Welt darüber aufklären zu können. Es war unsere letzte kontrastreiche Fahrt durch Recife, vorbei am Hafen, über Brücken mit Blick auf die Favelas am Fluss und abschließend durch das etwas noblere Viertel Boa Viagem.
Am Flughafen angekommen, ging das Einchecken überraschend schnell. Wir setzten uns in ein Restaurant, wo uns auch bald unsere brasilianischen Freunde fanden. Selma, Tonho, Loy, Matuto und Walter waren gekommen. Es wurden noch letzte angeregte Gespräche geführt, Witze gemacht und Adressen ausgetauscht. Danach gingen wir vor den Eingang zur Wartehalle.  Hier mussten wir uns nun trennen. Wir umarmten uns alle herzlich, tanzten noch einmal und sangen Lieder und umarmten uns noch einmal. Einigen kamen kleine Tränen, alle waren sehr traurig. Schließlich mussten wir uns auch noch von Berenice und Michael trennen, die noch 2 Wochen bleiben wollten. Wir brachten es trotz allem übers Herz, hinter der Eingangstür zu verschwinden. Vielen fiel es auch leicht, weil sie sich nun so sicher wie nie waren, dass dies nicht ihre letzte Reise nach Brasilien gewesen ist. Nun hatten wir einen Flug vor uns, der unter keinem guten Stern begann. Zunächst gab der Pilot einen Fehler im Navigationssystem bekannt, und anschließend sorgte ich mit der Theorie, dass Flugzeuge immer paarweise abstürzen, für Unruhe. Vor kurzem die Swissair... Mir war noch nicht bekannt, dass das zweite Unglück schon passiert war. Aber alle Angst war umsonst, da wir sicher am Frankfurter Flughafen angekommen sind. Wir einigten uns noch, wann wir uns wiedersehen werden, und anschließend ging jeder seinen eigenen Weg.
Ereignisreiche 3 Wochen waren nun zu Ende. Die Erlebnisse werden uns noch lange beschäftigen.
Marc


Kommentar
Schon während des Vorbereitungstreffens war ein großes Gespanntsein in der Erwartung der Reise bei den TeilnehmerInnen der Solidaritätsjugend zu spüren. Sie bereiteten die Referatsthemen gründlich vor und waren sehr neugierig auf die Informationen über Brasilien. 
Die Straßenkinder-Problematik wird in den Medien hier zu Lande sehr intensiv propagiert. Auch wird ein Gefühl von großem Abenteuererlebnis erzeugt, weil sich das Schicksal der Straßenkinder auf einer großen Bühne voller schöner Strände und dem Chaos der großen Städte abspielt. Das Paradoxe im Verhältnis von Armut und Reichtum im brasilianischen Alltag zieht die Aufmerksamkeit vieler Bürger der reichen Industrieländer auf sich aber auch deren Mitleid. So empfand ich auch die TeilnehmerInnen der Solidaritätsjugend als neugierig, aufmerksam gegenüber jedem Detail und voller Mitleid mit den Menschen, die in einer harten sozialen Wirklichkeit leben. Die abenteuerliche Vor- und Einstellung der Deutschen fernen Ländern gegenüber war somit selbstverständlich auch bei der Solidaritätsjugend zu sehen. Die Vorstellung, in der "Pampa" (auf dem Sitio), ohne Strom, fließendem Wasser und mit einer reichen Flora im Haus zu leben, sollte für sie ein einmaliges Erlebnis werden. Die Gruppe zeigte sich während der Begegnung sehr kooperativ und reagierte auf alle Schwierigkeiten, die auf sie zukamen mit großer Anpassungsfähigkeit. Der interkulturelle Kommunikationsaustausch (mit "Händen und Füßen", Spielen usw.) war ein Erfolg. Am Ende der Begegnung kannten die TeilnehmerInnen die Namen und die menschlichen Eigenschaften der Kinder und der ErzieherInnen. Die Kinder hatten zwar ihrerseits Schwierigkeiten, die deutschen Namen zu behalten, doch sie hatten den kreativen Einfall, den TeilnehmerInnen der Solidaritätsjugend, Spitznamen nach deren persönlichen Eigenschaften zu geben. 
Dieses interkulturelle Treffen ist meiner Meinung nach, eine wesentliche Voraussetzung, eine humanitäre Jugend zu erziehen. Die Armut in ihrer kontroversen Dynamik aus der Nähe zu sehen, erschreckte und zog gleichzeitig die TeilnehmerInnen an, sie wahrzunehmen. Diese Jugendbegegnung bietet mit Sicherheit Anstöße für bewusstes soziales Handeln, das in Zukunft Fachkräfte oder soziales Engagement wecken kann. 
Für die ErzieherInnen bedeutete die Begegnung eine Intensivierung der Kraftanstrengung bei der Armutsbekämpfung, die oft durch Resignation und Enttäuschung im Alltag absinkt. 

Berenice


Das Nachbereitungstreffen am 17. und 18. 10. 98 in Karlsruhe
Genau sechs Wochen nach unserer Rückkehr aus Brasilien stand das Nachtreffen an. In der Zwischenzeit hatte bei allen der Alltag Einzug erhalten, und doch konnte wohl niemand die Gedanken über Brasilien verdrängen. Doch nach sechs Wochen hat man auch viel über das Erlebte und Gelernte nachgedacht, und deshalb trafen wir uns noch einmal zum Austausch.
Nach einem großen Hallo und den ersten Foto-Orgien wollten wir dann auch den ernsthaften Teil des Treffens zügig abhandeln. Die Diskussion über verschiedene Aspekte der Reise war effektiv, so dass wir schnell zu Ergebnissen kamen.
Anschließend besuchten wir ein Theaterstück über Straßenkinder in Brasilien, das in einem Karlsruher Jugendtheater gezeigt wurde. "Rote Schuhe" von Tiziana Lucattini handelt von zwei Mädchen aus dem armen Nordosten, die in den Süden wollen, da dort alles besser zu sein scheint. Die teilweise sehr realistische Darstellung machte uns sehr betroffen und erweckte viele Erinnerungen.
Am Abend war dann Kochen und gemütliches Beisammensein angesagt.
Nach einem gemeinsamen Frühstück nutzten wir den zweiten Tag noch, um wenige letzte Punkte zu diskutieren. Außerdem verfassten wir noch Briefe, die zusammen mit Fotos an alle brasilianischen Freunde und Gruppen geschickt wurden. Das Treffen endete am Nachmittag.
 

Die Ergebnisse der Auswertung: 

1. Form der Maßnahme:
Die Durchführung von zwei Vorbereitungstreffen, gefolgt von der Reise und einem Nachbereitungstreffen wurde von allen als gut bezeichnet. Wir waren uns einig, dass diese besondere Jugendbegegnung einer sehr intensiven thematischen Vorbereitung bedarf, dass aber auch das gegenseitige Kennenlernen nicht zu kurz kommen darf, da man schließlich unter ungewohnten Bedingungen aufeinander angewiesen ist.

2. Die Gruppe:
Die Gruppe wurde im Allgemeinen als homogen empfunden. Gelegentlich auftretende Probleme wurden offen ausgesprochen. Der Kontakt zu den Brasilianern war immer gut und schon nach wenigen Tagen sehr eng. Auch in der Freizeit sowie bei der Verabschiedung am Flughafen war das zu spüren.

3. Unterkunft und Verpflegung
Die Unterkunft der vergangenen Jahre, eine kleine Pension in Olinda, bot auch dieses Jahr eine angenehme Heimat. Das Abendessen wurde wieder von einer Köchin bezogen und stellte alle zufrieden, ohne die Gruppenkasse allzu sehr zu belasten.

4. Das Team
Das Team bestand aus Marc und Zdena, Mitglieder der Arbeitsgruppe Recife der Solidaritätsjugend Karlsruhe, Ines, ehemalige Praktikantin im Partnerprojekt und Dolmetscherin des Vorjahres sowie Berenice, in Deutschland lebende brasilianische Soziologin. Das gesamte Team hatte in den vergangenen Jahren Brasilienerfahrung gesammelt, was die Organisation vereinfachte. Die Bereiche Vertretung der Solidaritätsjugend und Koordination (Marc), Finanzen (Zdena) sowie Übersetzung (Ines und Berenice) wurde untereinander aufgeteilt. Teambesprechungen konnten leider nicht regelmäßig stattfinden, doch trotzdem funktionierte die Zusammenarbeit und Organisation reibungslos.

5. Das Programm
Im Vergleich zu vergangenen Maßnahmen wurde der zeitliche Ablauf erstmals in größerer Form geändert: So wurde der Aufenthalt auf dem Sitio verlängert. Diese Entscheidung ermöglichte es der diesjährigen Gruppe, die verschiedenen pädagogischen Prozesse auf dem Sitio kennenzulernen, was eine große Bereicherung war. Der Aufenthalt in der Stadt dagegen musste um einige Tage verkürzt werden. Die Konsequenz war, dass das Programm in der Stadt viel zu voll war und es sehr wenig Freizeit gab, obwohl schon einige Termine gestrichen worden waren. Aus diesem Grund empfehlen wir, dass folgende Gruppen wieder nur eine Woche auf dem Sitio bleiben.
Die Programmpunkte selbst waren sehr interessant und abwechslungsreich. Die Zeit auf dem Land wurde besonders intensiv erlebt, da man hier einen sehr engen Kontakt zu den Kindern wie auch Erziehern hat. Man sollte den Sitio-Aufenthalt unbedingt am Anfang belassen, da die Teilnehmer hier das Handwerkszeug erlernen, um später in der Stadt kommunizieren zu können.
Der Aufenthalt in der Stadt war geprägt von Projektbesuchen und kulturellen Veranstaltungen. Das Kennenlernen der Arbeit unserer Partnerorganisation in der Stadt kam dabei eindeutig zu kurz, während die Besuche bei Stadtteilprojekten insgesamt etwas zu ausgedehnt waren. Eine große Bereicherung war der Besuch bei der Arbeiterbewegung, da er eine schockierende aber gleichzeitig faszinierende Welt zeigte. Der Besuch einer anderen Stadt fand dieses Jahr nicht statt, weil wir der Ansicht waren, dass das Verhältnis von Fahrtstrecke zu Erlebniswert nicht stimmte. Trotzdem empfehlen wir nachfolgenden Gruppen, sich ein lohnenswertes Ziel für eine touristische Veranstaltung zu suchen.

6. Der Transport vor Ort
Wegen eines Defektes war der Mikroomnibus der Straßenkinderbewegung nur eingeschränkt einsatzbereit, so dass der Transport der Gruppe nicht immer ohne Probleme verlief. Da fehlende Kommunikationsmittel die Planung erschweren, sollte man in Zukunft versuchen, alle Transportangelegenheiten gleich nach der Ankunft zu organisieren.

7. Das Partnerprojekt Grupo Ruas e Praças
Die Zusammenarbeit mit unseren brasilianischen Partnern klappte hervorragend. Die Brasilianer gaben sich sehr große Mühe, uns ein möglichst breites Spektrum ihrer Heimat vorzustellen. Aufklärung über Probleme, Kennenlernen lokaler Bräuche, Besuche bei Sozialprojekten, Einladungen in eine Tanzschule und vieles mehr waren Bestandteile des Aufenthaltes.

8. Kommunikation und kultureller Austausch
Die Teilnahme von zwei Dolmetscherinnen hat die Kommunikation stark vereinfacht und intensiviert. Von Anfang an waren die deutschen Teilnehmer daran interessiert, einige portugiesische Worte oder Redewendungen zu erlernen. Außerdem fanden Deutsche wie Brasilianer sehr schnell Wege der nonverbalen Kommunikation, so dass auch viele persönliche Gespräche und enge Kontakte entstanden sind. Vor allem in der Freizeit gingen die Deutschen immer wieder auf die Brasilianer zu, um sich über Deutschland und Brasilien zu unterhalten.
Alle Programmpunkte wurden mit mindestens einer Dolmetscherin durchgeführt, so dass inhaltlich alles verstanden werden konnte.
Durch die vielen gemeinsamen Unternehmungen entstand ein reges Miteinander, das häufig auch von der brasilianischen Lebensart, hauptsächlich der Musik, geprägt war. Die deutsche Gruppe fühlte sich dabei sehr wohl und versuchte stets, an der brasilianischen Kultur teilzuhaben. Man erinnere sich nur an das Maracatu Fest in Recife, bei dem wir Deutschen (unter Anleitung brasilianischer Tanzlehrer) in der ersten Reihe tanzten, und ungefähr 50 Brasilianer unseren Schritten folgten. Bei sämtlichen kulturellen Veranstaltungen waren die Brasilianer (und zwar nicht nur unsere Partner) angenehme Zeitgenossen, die uns Tänze beigebracht oder einfach Gespräche begonnen haben. Die Gastfreundlichkeit der Brasilianer konnte man jederzeit spüren.
Bei den beiden Vorbereitungstreffen wurde versucht, eine kleine Einführung in die Geschichte und Kultur des Nordostens zu geben. Die Gruppe ist der Ansicht, dass man dieses Thema ausführlicher behandeln sollte, damit man die Bräuche vor Ort besser verstehen kann.
Auch dieses Jahr haben wir versucht, in Form einer Collage ein Stück unserer Wirklichkeit mit nach Brasilien zu bringen. Dies war sehr hilfreich, so dass nachfolgende Gruppen sich hier unbedingt etwas Ähnliches einfallen lassen sollten.

9. Gesamtbewertung
Zum Abschluss kann man sagen, dass diese Reise wohl bei jedem Teilnehmer etwas bewegt hat. Brasilien wird die Gedanken der meisten noch längere Zeit bestimmen und mit Sicherheit zu einem ausgeprägten Bewusstsein für unsere eigene Situation sowie für die der dritten Welt führen. 
Durch unsere Kontakte in Brasilien war es uns möglich, das Land auf eine Art und Weise kennenzulernen, wie sie dem normalen Besucher wohl immer verwehrt bleiben wird. Die Aufklärung über die sozialen Probleme sowie die Einweihung in die örtliche Kultur war eine besondere Mischung. In unseren Gedanken wird es immer eine Koexistenz von schockierenden und faszinierenden Brasilienbildern geben.
Viele von uns sind nun motiviert, sich weiter mit der dritte Welt Problematik auseinanderzusetzen, andere von uns wollen sich sogar ehrenamtlich dafür engagieren, sofern sie es nicht schon tun. Alle waren sich einig, dass sie sich von nun an auch mehr für die Probleme zu Hause interessieren werden. 
Die Freundschaft zwischen der Solidaritätsjugend und Grupo Ruas e Praças wurde weiter gestärkt und um einige persönliche Kontakte reicher. Berenice meinte, dass aus brasilianischer Sicht eine Partnerschaft mit Europa immer gewünscht wird. 
Wir alle teilen die Auffassung, dass diese Veranstaltung etwas Einmaliges ist.

Marc
Glossar
AG-Recife  Arbeitsgruppe Recife, Teil der Solidaritätsjugend Karlsruhe, sammelt Spenden und unterstützt Grupo Ruas e Praças
Capoeira berührungsloser Kampftanz afrikanischen Ursprungs
Cocô Tanz zum Karneval in Olinda
Favela Elendsviertel
Frevo Tanz zum Karneval in Olinda
Inhame kartoffelähnliche Pflanze
Maracatu regionaler Tanz aus der Sklavenzeit
Morador Bewohner, hier: Straßenkind, das auf dem Sitio wohnt
Olinda Vorstadt von Recife, Weltkulturerbe der UNESCO
Pousada Pension
Real, Reais bras. Währung, 1 R$ = 100 Centavos
Recife Hauptstadt des Bundesstaates Pernambuco, wirtschaftliches Zentrum des Nordostens
Sitio  Capim de Cheiro "Kinderdorf", das mit Hilfe der Solidaritätsjugend Karlsruhe erbaut wurde. Heimstätte für Straßenkinder
2-Tages-Prozess  Die Straßenkinder können den Tagesablauf des Sitios kennenlernenund entscheiden, ob sie hier länger bleiben möchten.Außer dem Verbot von Drogen gibt es keine Einschränkung.
5-Tages-Prozess  Zwischenstufe auf dem Weg zum Morador. Die Kinder müssen mitarbeiten und Verantwortung übernehmen.
 
Reisebericht des
Workcamps 1997
Home
Reisebericht des
Workcamps 1999