| Eine Ursache
Übersicht:
|
|
Favela, im Hintergrund Recifes Nobelviertel Boa Viagem
|
| Wie die Armut entstanden ist |
|
Der Grund allen Übels liegt in den Armenvierteln. Deren Ursache
ist in der Geschichte Brasiliens verankert: Noch aus Kolonialzeiten ist
Brasilien in Großgrundbesitz eingeteilt. 43,8 % des brasilianischen
Landes gehört Großgrundbesitzern mit mehr als 1000 ha Grundstück.
Die Landbevölkerung besitzt also kaum Land, so dass sie sich ihren
Lebensunterhalt nur durch Arbeit bei den Großgrundbesitzern verdienen
können. Durch das extreme Profitdenken der Arbeitgeber ist es für
die Landbevölkerung selbst durch sehr viel Arbeit schwierig, genug
zu verdienen. In Folge dessen gab es eine große Landflucht, die inzwischen
etwas abgeflaut ist. In der Hoffnung auf ein besseres Leben zieht es die
Landbevölkerung in die Städte.
| Was sind
Favelas
In den Städten erfüllen und erfüllten sich die Hoffnungen
und Träume der Menschen so gut wie nie. In ihrer Not siedelten sie
sich in Armenvierteln, sogenannten Favelas, an. Eine Favela ist zunächst
illegal besetztes Land, auf dem die Menschen notdürftige Hütten
bauen. Es existieren keinerlei Besitzansprüche, und nicht selten kam
es vor, daß die ganze Favela mit Baggern dem Erdboden gleichgemacht
wurde und die Menschen ihr weniges Hab und Gut verloren haben. Verläuft
die Geschichte einer Favela glücklicher, so wird sie irgendwann legalisiert.
Das heisst die Grundstücke und Häuser gehen in den Besitz der
Bewohner über, was eine gewisse Rechtssicherheit bedeutet. Ab diesem
Zeitpunkt kann der Staat mit dem Aufbau einer Infrastruktur beginnen. Abwasserkanal,
Schule, Stromanschluss, Frischwasserzuleitung und befestigte Straßen
werden mit der Zeit gebaut. Dies dauert bis zum Abschluss Jahrzehnte, wenn
nicht ein ganzes Jahrhundert. Die Favela von St. Amaro in Recife zum Beispiel
bekam nach über 60 Jahren den ersten Abwasserkanal. Dieser ist sogar
geschlossen, was in Armenvierteln nicht oft der Fall ist. Bis die Infrastruktur
fortgeschritten ist sind die Lebensumstände erbärmlich. Auf den
Wegen liegen Bretter, damit man nicht im Schlamm versinkt, und wenn es
geregnet hat ist manches Haus unerreichbar. Der einzige Wasserkanal ist
Frischwasserzufuhr, Müllhalde und Fäkalienentsorgung in einem.
Da diese Kanäle oft stehende Gewässer sind, verbreiten sie einen
unglaublichen Gestank. Von den hygienischen Verhältnissen und der
Gefahr von Krankheiten kann man sich ein lebhaftes Bild machen. Nur ganz
wenige Favelas haben den Wandel zum sauberen Unterklasseviertel geschafft,
die meisten werden sich wohl nie verändern. |
Übersicht
Befestigtes Wohnhaus in einer Favela |
|
| Die Menschen in den Favelas |
|
Das Leben unter diesen Umständen kann man oft nur als Überlebenskampf
bezeichnen. Das Leben wird von der Frage geprägt, was es morgen zum
Essen gibt. Dass diese soziale Situation die Eskalation von Gewalt und
den Konsum von Drogen zur Folge hat, ist klar. Schießereien, Raub
und Vergewaltigungen sind an der Tagesordnung. Alkohol und Drogen "helfen"
dabei, den harten Alltag zu vergessen. Die Familien bestehen oft aus 6
und mehr Personen. Dabei sind nicht viele Väter mitgezählt, weil
diese die Frauen häufig sitzenlassen. Brasilien ist weltweit das Land
mit den meisten alleinerziehenden Müttern. Und die Zahl der Kinder
wächst immer weiter, da Verhütung für viele etwas unbekanntes
ist. Damit genug Einkommen für die ganze Familie da ist, müssen
schon kleine Kinder Geld beschaffen, entweder durch Betteln oder durch
Arbeit. Die Arbeit der Kinder hat zur Folge, dass sie keine Zeit mehr haben,
um in die Schule zu gehen. Deshalb sind viele der armen Kinder und Jugendlichen
Analphabeten, was auch meistens für die Eltern gilt. Der Weg zu einer
Berufsausbildung und damit zu einer besseren Zukunft bleibt versperrt.
Es ist beinahe unmöglich für diese Menschen, diesen Teufelskreis
zu verlassen.
| Wie
es schließlich zu Straßenkindern kommt
Dass Kinder und Jugendliche alles versuchen, um den oben beschriebenen
Lebensbedingungen zu entgehen, ist logische Konsequenz. Die Geschichte
eines Straßenkindes beginnt in der Favela. Die Kinder müssen
schnell erwachsen werden. Eine richtige Kindheit haben sie nicht. Schon
im Alter von 6 Jahren werden die Kinder weggeschickt, um einen Teil des
Familieneinkommens zu verdienen. In diesem Alter sehen die Kinder noch
süß und mitleiderregend aus, und deshalb funktioniert das betteln
ganz gut. Die Kinder fahren (bis zu einer bestimmten Körpergröße
kostenlos) mit dem Bus in die Innenstadt, da sie dort mehr Menschen mit
Geld erreichen können. Und eines Tages kehren die Kinder nicht mehr
zu ihren Eltern zurück. Dies kann verschiedene Ursachen haben. Man
kann die Situation im eigenen Stadtteil anführen, die weder Möglichkeiten
zum Geldverdienen noch zu einer sinnvollen Freizeitbeschäftigung bietet.
Für viele sind es familiäre Gründe, zum Beispiel weil sie
von den Eltern geschlagen werden. Mädchen werden häufig von den
Eltern missbraucht. Ausserdem gibt es finanzielle Gründe. Zum einen
kann man das erbettelte oder verdiente Geld selbst verwenden, ohne mit
der Familie teilen zu müssen. Zum anderen kann man das Geld für
die Busfahrt nach Hause sparen, das man Zahlen muss, wenn man größer
ist. Und das ist immerhin mehr als die Hälfte des Tageslohns eines
Gelegenheitsarbeiters. Es gibt noch viele andere Gründe für die
Entscheidung, auf der Straße zu bleiben. Oder anders ausgedrückt:
Es gibt nicht genug Gründe, nach Hause, in die Favela, zurückzukehren.
Schließlich ist das warme Klima mitverantwortlich, da man zum Schlafen
nicht unbedingt ein Dach über dem Kopf braucht. Zur eigenen Sicherheit
sind jedoch 4 Wände notwendig, aber auch die fehlen häufig. |
Übersicht
Wohnhaus in einer Favela, teilweise eingestürtzt |
|
| Probleme der Straßenkinder |
|
Die Probleme der Straßenkinder sind vielfältig. Abgesehen
von der Ursache ihrer Situation, dass sie keine Schul- und Berufsausbildung
haben, gibt es noch viele alltägliche Probleme. Straßenkinder
haben äußerst selten Ausweispapiere. Dies führt zu einer
rechtlichen Unsicherheit speziell gegenüber der Polizei, die sie oft
in überfüllte Gefängnisse bringt. Viele werden nach der
Verhaftung nicht mehr gesehen. Arbeitgeber bei Gelegenheitsjobs nutzen
die Kinder und Jugendlichen oft aus und wollen nicht bezahlen. Diese können
sich dagegen nicht wehren, da sie keine Ausweis- oder Arbeitspapiere besitzen,
und damit auf dem Papier gar nicht existieren und folglich auch nicht arbeiten
können. Neben solchen Jobs verdienen die Kinder ihr Geld zum Beispiel
durch den Verkauf von Süßigkeiten in Bussen und auf der Straße
oder durch Betteln. In den letzten Jahren hat die Zahl der Straßenmädchen
stark zugenommen. Deren wirtschaftliche Situation ist meist etwas besser,
weil sie sich prostituieren. Recife war in der Vergangenheit nach Bangkok
das zweitgrößte Bordell der Welt, bis eine große deutsche
Charterfluggesellschaft ein Landeverbot in Recife erhielt. Die größte
Gefahr für die Straßenkinder kommt in Gestalt von Todesschwadronen.
Das sind Auftragskiller, oft Polizisten und Ex-Polizisten. Sie werden engagiert,
um Straßenkinder zu ermorden, meist von Geschäftsleuten, die
um ihre Umsätze fürchten, wenn sich vor ihrer Ladentür Straßenkinder
aufhalten. Ein Kinderleben kostet nur eine Handvoll Dollar. Gerichtsverfahren
gegen diese Mörder gab es selten, gibt es aber immer öfter. Die
ausgebliebene Erziehung der Kinder hinterlässt auch im Verhalten der
Kinder Spuren. So fehlt häufig das Gefühl für fremdes und
eigenes Eigentum, und das Gerechtigkeitsempfinden ist nicht immer voll
ausgeprägt. Zu all diesen Problemen kommt noch der Drogenkonsum, hauptsächlich
Schusterleim. Der ist billig, berauscht und wirkt appetitzügelnd.
Die Probleme der Straßenkinder sind vielfältig und scheinen
unlösbar. Wir glauben trotzdem, dass es sinnvoll ist, zu helfen. Lesen
Sie die Seiten Straße und Sitio,
um mehr über die Hilfe für Straßenkinder zu erfahren.

|