aus: ai-Info, November 1994 
Straßenkinder als Freiwild
 

Von Harald Gesterkamp 

 Wenn Kinder aus Gründen der Armut auf der Straße leben müssen, leben sie in vielen Ländern Lateinamerikas gefährlich. Aus Brasilien und Kolumbien erfährt amnesty international jedes Jahr von Hunderten ermordeten Kindern. Dahinter stecken zumeist Geschäftsleute und Ladenbesitzer, für die Straßenkinder lediglich "unerwünschte Elemente" und eine Störung ihrer Geschäftsinteressen darstellen. Ihre Mordbefehle führen zumeist Todeskommandos aus, die sich - dafür gibt es Beweise - in der Regel aus Polizisten zusammensetzen. 

 Im Zentrum der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá sind im August 1993 sogar professionell gestaltete Plakate aufgetaucht: "Beerdigungen" wurden in großen Lettern angekündigt. Und dann hieß es: "Industrielle, Ladenbesitzer, Bürgerorganisationen laden zum Begräbnis der Verbrecher ein, die in diesem Bezirk tätig sind. Es wird mit dem heutigen Tag beginnen und bis zu ihrer Ausrottung stattfinden." Mit den "Verbrechern" waren offenbar Straßenkinder und Obdachlose gemeint, denen die Behörden eine Reihe von kleinenDiebstahldelikten anlasteten. Die Drohung mit der Ausrottung ist durchaus wörtlich zu nehmen: Allein im Jahr 1991 wurden in Kolumbien etwa 2800 Kinder ermordet. Es mutet wie ein schlechter Scherz an, daß jene makabren Plakate ausgerechnet am Vorabend einer Konferenz über Gewalt und Grausamkeit gegen Kinder in Bogotá geklebt wurden. 

 Daß "sozial unerwünschte Personen" in Kolumbien ermordet werden, kommt immer häufiger vor. Beispielsweise wurden am 13. Februar 1994 Javier Gonzáles, Jairo Murcio und ein weiteres, unter dem Namen "Asprilla" bekanntes Kind durch Kopfschüsse getötet, als sie die Nacht schlafend vor einem Kaufhaus verbrachten. Ort des Verbrechens war Timiza, ein Bezirk der kolumbianischen Hauptstadt. 

 Auch in Brasilien und Guatemala ist die Gewalt gegen Straßenkinder alltäglich. Hunderte von Straßenkindern werden Jahr für Jahr von Polizisten in Uniform oder Zivil in Brasilien ermordet. Bekannt wurde vor allem das Massaker vor der Candelária-Kirche in Rio de Janeiro. Militärpolizisten eröffneten das Feuer auf etwa 50 schlafende Kinder, acht starben im Kugelhagel. Viele der Überlebenden werden bis heute eingeschüchtert und verfolgt, damit sie nicht vor Gericht gegen die Mörder in Uniform aussagen. Doch internationaler Protest hat immerhin dazu geführt, daß sich vier Militärpolizisten demnächst vor Gericht verantworten müssen. 

 In Guatemala zeigt sich, daß der Einsatz von amnesty international gegen die Menschenrechtsverletzungen an Straßenkindern erfolgreich ist. Die Organisation protestiert mit Telegrammen, Briefen und per Telefax bei den Behörden, wenn sie Kenntnis von Übergriffen erhalten hat. Zwei Jahre lang wurde kein Straßenkind mehr ermordet. Doch jetzt eskaliert die Gewalt erneut: Mindestens vier Kinder und Jugendliche wurden allein im September 1994 von Polizisten oder angehörigen eines privaten Sicherheitsdienstes getötet. Sergio Miguel Chávez wurde nach einem Diebstahl auf dem Markt in Guatemala-Stadt am 7. September von einem Polizisten in den Kopf geschossen und starb im Krankenhaus. Unbekannte Männer drückten Fidel Solórzano am 22. September einen Beutel in die Hand, der wenig später explodierte und den zwölfjährigen Jungen tötete. Rubén García González und der erst zehnjährige Daniel Rosales starben zwei Tage später durch Schüsse eines Wachmannes, der Berichten zufolge das Feuer auf drei schlafende Kinder eröffnet hatte. Der Dritte, Victor Manuel García, erlitt schwere Verletzungen.


 
 
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Massaker vor der Candelária-Kirche:
"Skandalurteil" empört Brasiliens Menschenrechtler