| aus Handelsblatt, 31.5.1999
"Der Club der klugen Köpfe" Wieder erschüttert ein Skandal die Regierung Cardoso. Wieder sind führende Ökonomen beteiligt. Korruption und Hinterziehung gehören offenbar zum Job der Wissenschaftler. Von ALEXANDER BUSCH, São Paulo "Skandale gibt es von Japan bis England", sagt Eduardo Giannetti do Fonseca, einer der führenden brasilianischen Ökonomen, "aber in Brasilien häufen sie sich doch ziemlich." Diese erhöhte Skandalfrequenz hat in der Regierung von Präsident Fernando Cardoso zu einer gewissen Routine geführt. Inzwischen löst der Soziologieprofessor im Präsidentenamt die Vorfälle souverän. Er konnte ja auch fleißig üben. Ob beim Stimmenkauf für seine Wiederwahl vor zwei Jahren, den Insiderinformationen der Zentralbank im Januar bei der Abwertung oder jetzt bei den Vorgängen um die Telebrás - immer fährt Cardoso die gleiche Strategie: Er handelt mit seinen Widersachern einen Kompromiß aus. Ein Pöstchen hier, ein öffentlicher Zuschuß dort, und plötzlich tritt der eben noch zornige Untersuchungsausschuß auf der Stelle und schläft irgendwann ein. Handfeste Beweise oder gar Festnahmen - das lehnen die höflichen und stets um den Takt bemühten Brasilianer als viel zu hart ab. Dieses Irgendwie-kommen-wir-doch-noch-zu-einer-gemeinsamen-Lösung heißt "jeitinho". Das klingt im brasilianischen leicht und blumig und läßt sich ins Deutsche nur unschön übersetzen. So ein jeitinho wurde auch jetzt gefunden beim Skandal um die abgehörten Gespräche zwischen Cardoso und seinem wichtigsten Regierungsökonomen. Dabei ging es um die Privatisierung des Telekomriesen Telebrás im Juli des vergangenen Jahres. Jeder Brasilianer mit einem Internetanschluß kann sich die Dialoge anhören, aus denen hervorgeht, daß Cardoso und seine Mitstreiter bei der Versteigerung kräftig manipuliert haben. Die deswegen bereits im November zurückgetretenen Ökonomen behaupten auch jetzt wieder, dies zum Wohle von Brasiliens Haushalt getan haben zu wollen. Und Cardoso? Der läßt seinen Sprecher sagen, daß die Vorwürfe doch nichts als aufgewärmter Kaffee aus dem vergangenen Jahr seien. Danach trommelte er die Führer seiner Fraktion zusammen - die nominell mehr als zwei Drittel des Kongresses vertreten - und fordert sie auf, öffentlich Solidarität zu bekunden. Was sie auch alle tun. Damit ist klar: Dieser Skandal wird keine Wellen schlagen. Die Börse erholt sich direkt, die Schuldtitel steigen, und weiter geht's mit der Tagesordnung - alles paletti, oder brasilianisch: tudo bem!? Nicht ganz. Die Passagen aus den 44 mitgeschnittenen Bändern, die die angesehene Tageszeitung Folha de São Paulo veröffentlicht hat, beleuchten ein trübes Kapitel der brasilianischen Ökonomenzunft im besonderen und der Exekutive des Amazonaslandes im allgemeinen. Für Mitteleuropäer ist das schwer zu fassen: Da organisiert eine Gruppe von brasilianischen Spitzenökonomen die größte Privatisierung des Jahres weltweit wie eine Überaschungsparty. Immerhin ging es um 22 Milliarden Dollar, die vor allem ausländische Unternehmen für das gesplittete Telekomunternehmen auf den Tisch legten. Wie aufgedrehte Yuppies in einem Wallstreetfilm ziehen die brasilianischen Ökonomen in ihren Telefonaten untereinander die Fäden in einem Megadeal, bei dem an der Oberfläche alles transparent verläuft. Zwei mächtige Instrumente stehen ihnen für ihre Manipulationen zur Verfügung: Einerseits ist es das milliardenschwere Kapital der staatlichen Pensionsfonds, über die die Regierung absolute Befehlsgewalt hat, weil sie kaum kontrolliert werden. Andererseits ist es die staatliche Entwicklungsbank BNDES, die, ausgestattet mit einem größeren Kreditvolumen als die Weltbank für Lateinamerika, in Brasiliens Wirtschaft das Sagen hat. Die Etats der Bank, die zudem - wie praktisch - die Privatisierungen leitet, sind unter Cardoso immens gewachsen. Wer die Dialoge liest, dem schwirrt, auch wenn man mit den Personalien vertraut ist, bald der Kopf. Wer redet da mit wem, wer vertritt da welche Interessen? Ist das jetzt der Chef der staatlichen Entwicklungsbank, der mit der Investmentbankerin darüber nachdenkt, wie unschlagbare Finanzierungen zusammengeschustert werden könnten? Überredet da der wirtschaftspolitische Berater den Präsidenten, doch mal bitte den staatlichen Pensionsfonds zu aktivieren, damit er sich auf die Seite des gewünschten Konsortiums schlägt? Da telefoniert der Vertreter der Investmentbank vom Telefon des Freundes, zufällig der Hauptverantwortliche für die Privatisierung, mit der Staatsbank, um Kredite zu sichern. Und das alles in einem lockeren Ton, als würde man sich zum Bier verabreden. Diese Vermischung zwischen öffentlicher und privater Sphäre kommt nicht von ungefähr: Das beteiligte halbe Dutzend Personen - alle zwischen Mitte 40 und Mitte 50 alt - kennt sich seit langem. Sie haben an den gleichen Fakultäten studiert und meist in Harvard oder sonstwo in den USA promoviert. Sie gehören zu einem illustren Ökonomenkreis, den beinahe jedes größere lateinamerikanische Land vorweist. Die Karrieren dieser Spitzenökonomen sind ein ständiges Bäumchen-wechsel-dich zwischen Jobs in der Regierung und der Privatwirtschaft - gewürzt mit Ausflügen zu Weltbank, IWF und an die Wallstreet. Nehmen wir André Lara Resende, einer der Vordenker der Wirtschaftsreform "Plano Real". Wie der MIT-Experte 1994 die brasilianische Inflation aufs Kreuz legte, das hat ihm unter den führenden Ökonomen weltweit höchste Achtung eingetragen: "Extrem intelligent", schwärmt etwa Jeff Sachs über seinen brasilianischen Kollegen, der auch als Chefunterhändler über die brasilianische Außenschuld oder in der Zentralbank glänzte. Seine Skizze zur Reform des brasilianischen Rentensystems gilt als genial. Auch in der Entwicklungsbank BNDES war seine Präsidentschaft mustergültig, bis ihn der Abhörskandal Ende letzten Jahres aus der Bahn schmiß. Doch das vorläufige Ende seiner öffentlichen Karriere dürfte Resende wenig stören: Seine Ausflüge in die öffentliche Sphäre hat er immer wieder hat er immer wieder mit Auftritten bei privaten Banken unterbrochen. In letzter Zeit widmete er sich vor allem seiner eigenen Investmentbank Matrix, die zuletzt glänzende Gewinne verzeichnete. Oder Elena Landau: Die ehemalige Chefin der Privatisierungsbehörde wechselte nach drei Jahren zur brasilianischen Filiale der Investmentbank Bear Stearns. Als lokale Präsidentin der US-Bank begleitete sie von einem Tag auf den anderen - was wohl? - die Privatisierungen in Brasilien für ihren neuen Klienten. Oder ihr Gatte Pérsio Arida, der mit Resende den Plano Real konzipierte, die Entwicklungsbank BNDES leitete und jetzt Mitinhaber der angesehensten brasilianischen Investmentbank ist. Als Präsident der Zentralbank im März 1996 geschah ihm ein kleiner Fauxpas: Infolge der Mexikokrise mußte der Real überraschend abgewertet werden. Ausgerechnet der Bankier - ein ehemaliger Zentralbankchef -, in dessen Ferienhaus Arida den Karneval verbracht hatte, verdiente sich bei der Abwertung eine goldenen Nase. Arida mußte gehen - aber geschadet hat ihm das nicht weiter. Etwas ungeschickt stellte sich jetzt Chico Lopez an, der geschaßte kurzzeitige Zentralbankpräsident vom Januar: Trotz seines Direktorenpostens führte er unter dem Namen seiner Frau sein privates Wirtschaftsprognoseinstitut weiter. Als dann in den turbulenten drei Tagen der Freigabe des Reals fast hundert Banken noch mehrere Milliarden Dollar eintauschten - da war auch dem letzten klar, daß hier massiv Insiderwissen weitergegeben wurde. Weil sich Lopez bockig zeigte und nicht als Opfer für alle herhalten wollte, wurde er - ganz unbrasilianisch - in Handschellen aus dem Kongreß abgeführt. Doch verurteilt wird weder Lopez noch irgendeiner der beteiligten Ökonomen bei dem jetzigen Abhörskandal - das zeigt die Erfahrung. Die brasilianische Staatsanwältin Ela Wieck Castilho weist in ihrer Promotion nach: Im Finanzsektor Brasiliens wird kaum jemand bestraft. Das hat Tradition: "Seitdem die Eroberer Brasiliens an Land gingen, hat der Staat in Brasilien nur eine Funktion", sagt der Experte Kenneth Maxwell: "Mechanismen zu entwickeln, damit sich diejenigen, die an der Macht sind, persönlich bereichern können." |
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