| 6 nach 8, Schülerzeitung D.-Bonhoeffer-Schule, Weinheim.
Warum bist Du denn weiss und sprichst so komisch? von Michael Schwinger, Abi 97 an der DBS Diese Frage musste ich mir zu Beginn meines sechsmonatigen Praktikums
in Recife, einer Millionenstadt im armen Nordosten Brasiliens des öfteren
stellen lassen. Mit der Zeit sprach ich dann mehr Portugiesisch und war
auch nicht mehr ganz so weiss - nicht nur meine Haut, auch mein Denken,
Handeln, meine Lebensweisse waren brasilianischer geworden.
Sechs Monate Recife, sechs Monate Arbeit mit Strassenkindern in einer Welt, einem Klima, einer Kultur, einer Sprache völlig verschieden von der einigen. Ich musste nicht nur lernen, eine Stunde auf den Bus zu warten, dank der Rationalisierung Wasser zu schleppen, genug zu trinken oder eine funktionierende Telefonzelle zu finden, sondern auch, genug zu trinken, täglich Reis und Bohnen als einigermassen ansprechende Mahlzeit zu betrachten, Cirânda, Côco, Maracatû und Afoxé zu tanzen und zu verstehen, warum der erste Schluck aus der Bierflasche für Götter und Geister auf den Boden gekippt werden muss. Ach ja, da war noch was. Natürlich war ich in Deutschland zu faul gewesen, vorher Portugiesisch zu lernen, so dass mein verbale Ausrüstung zunächst aus kaum mehr als „Tudo bem?“ (Alles klar?) und „Obrigado“ (Danke) bestand. Auch dauerte es eine weile, bis „meine“ Kinder verstanden, dass ich keiner von den „Gringos“ zum anbetteln war, sondern ein Erzieher wie meine 14 KollegInnen von Grupo Ruas e Praças (Gruppe Strassen und Plätze) auch. Ich lernte, wie man eine Kombi (das sind jene runden VW-Busse, die hier schon ewig nicht mehr gebaut werden) fährt, ohne dass sie unter einem zusammenkracht, wann Mangos reif sind, spürte aber auch am eigenen Leib, dass Kokosnüsse, die einem auf den Kopf knallen weh tun und Skorpionstiche noch viel mehr, man daran aber nicht unbedingt stirbt. (Als ich nach einer halben Stunde meinen Arm wieder bewegen konnte, war ich jedenfalls ziemlich froh.) Andererseits versuchte ich vor allem mit dem Vorurteil aufzuräumen, alle Europäer sein dreckig. („Gibt es nicht ein Land in Europa, wo die Leute nur einmal im Jahr duschen?“) Während meines Praktikums durchlief ich den gesamten Prozess
von Ruas e PraVas, ich ging auf die Strasse, um dort mit den Kindern und
Jugendlichen zu malen, zu spielen (mein Fussballspiel ist noch schlimmer
als befürchtet) und vor allem zu reden. Die ganzen Neuigkeiten, von
Liebe, Überleben und leider immer wieder Gewalt. Diese Kinder und
Jugendlichen überleben zumeist durch kleinere Arbeiten, Betteln, Prostitution,
Diebstähle oder als Drogenkuriere. Die meisten schnüffeln Leim
oder nehmen Tabletten, um nachts nicht einzuschlafen, denn das ist zu gefährlich.
So starb vor wenigen Wochen Gel, ein siebzehnjähriger Junge, den ich sehr gut kannte, weil sich Reste einer Kugel, durch die er vor zwei Jahren bei einem Schusswechsel zwischen zwei Dealern ein Auge verlor, entzündet hatten. Dies sind die Rückschläge, mit denen ich zu leben lernte. Eigentlich dachte jeder er sei weg von der Strasse weg, er lebte auf dem zum Projekt gehörenden Bauernhof, ging in die Schule und war auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz. Er war der beste Mango-mit-Stein-vom-Baum-Werfer den ich kannte - und das mit nur einem Auge! Doch die Vergangenheit holte ihn ein, das marode öffentliche Gesundheitssystem konnte ihm nicht mehr helfen. Es sind Geschichten, wie diese, die zum weitermachen anspornen. Ich habe in sechs Monaten so viele wunderbare Menschen kennen gelernt, die eine Chance verdient haben, nicht nur zu überleben, sondern zu einem menschenwürdigen Leben. So war auch das Motto des V. nationalen Strassenkindertreffens 1998 in Brasilia „Wir wollen Leben und nicht Überleben“, an dem auch Ruas e PraVas und einige der betreuten Kinder und Jugendlichen teilnahmen, um für ihre gesetzlich garantierten Rechte, ein Ende der Gewalt und eine bessere Gesundheitsversorgung und Erziehung zu demonstrieren. Es gibt Möglichkeiten, diesen Kindern zu Helfen. So stellt
Ruas e PraVas verlorene Bande zwischen Kind und Familie wieder her, betreut
die Familien, um Möglichkeiten zur Rückkehr des Kindes in die
Familie zu schaffen, hilft bei Arztbesuchen, Entzugs- und Bewährungshilfeprogrammen,
Behördengängen, Schulanmeldungen oder versucht, Kinder an andere
Einrichtungen zu vermitteln.
Und ich? Ich sitze hier im fernen Deutschland und gehe Klinken
putzen auf der Suche nach (moralischer wie finanzieller) Unterstützung.
So wird es zum Beispiel einen Informationsabend geben und die diesjährige
Weihnachtsspendenaktion der SMV wird Ruas e PraVas zu Gute kommen.
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