aus Der Spiegel 32/2000, 7.8.2000
Rote Fahnen über Rio

Angeführt von neomarxistischen Kadern erheben sich Brasiliens Landlose ­ gegen die Not, die Killerkommandos der Gutsbesitzer, die korrupte politische Kaste. Brennt bald das Land?

Von Matthias Matussek

 Es ist der Kampf gegen die Großgrundbesitzer, der sie stark gemacht hat. Der Kampf gegen ihre Prügelkommandos, ihre Hunde, ihre Killer, der Kampf um Land. Aber wie kämpft man gegen eine Bank? Mit Mistgabeln und Sensen?

 Vor dem imposanten Wolkenkratzer der Entwicklungsbank BNDS in Rios Zentrum haben die Strategen der brasilianischen Landlosenbewegung ihre Artillerie in Stellung gebracht: Armut und rote Fahnen. Dutzende von Zelten aus schwarzen Plastikplanen, darin barfüßige, zerlumpte Gestalten, herbeigekarrt von den Feldern aus dem Umland ­ all das liegt nun hartnäckig, störend, mit dumpfem Vorwurf im Strom der Angestellten, die mit weißen Hemden und Krawatten zur Mittagspause hasten.

 Der Gegner ist unsichtbarer und mächtiger als ein Gutsbesitzer, hier, wie überall in Lateinamerika, für die Aufständischen von Mexiko genauso wie für die indianischen Bauern, die immer mal wieder Ecuador lahm legen ­ er ist die neue Ordnung einer globalen Wirtschaft.

 In seinem jüngsten Report erkennt der Nordamerikanische Kongress für Lateinamerika im "neuen ländlichen Aktivismus" besorgt die Gefahr eines Flächenbrands. Die Bauernfrage meldet sich zurück, Zapata lebt. Titel des Reports: "Adelante" ­ Vorwärts!

 Der "Movimento dos Trabalhadores Rurais Sem Terra" (MST), die größte Massenbewegung Lateinamerikas, organisiert eine halbe Million Besitzlose, und in diesen Tagen der Randale beweist sie einmal mehr, wie gut sie das tut. Zeitgleich in 14 Hauptstädten des Landes tobt sich ihr "spontaner Volksaufstand" aus, mit Bürobesetzungen, Demonstrationen, Landnahmen. Und da es noch keine neue Sprache des Widerstands gibt, wird die uralte bemüht, die Phrasenmaschine des Sozialismus, die im anarchischen, sambafröhlichen Rio erst recht wirkt wie ein grimmiger Karnevalsscherz.

 Den Strategen ist es gelungen, die rote Fahne auf dem Dach der Bank zu hissen, und der jugendliche Nilson gibt Einsatzbefehle übers Handy und
trägt ein Marx-T-Shirt: "Unser Kampf dient dazu, einen authentischen Sozialismus aufzubauen ..."

 Was Sozialismus ist, weiß der Bauer Mauro nicht, der dort in der Mittagssonne schwarze Bohnen rührt. Er braucht Kredite, einen Traktor. Diese rote Folklore duldet er als merkwürdigen Spleen der Strategen, und sie scheint zu funktionieren: "Die Leute haben Respekt vor so was." Fest steht: Der Kampf um Land hat die städtischen Nervenzentren erreicht.

 In Brasilien ist es ein Kampf, der zunächst gerechter nicht sein könnte, eine epische Schlacht von Gut und Böse, und so alt wie die Nation selbst.
Ein Kampf, in dem Helden geboren wurden und Volksheilige wie jener Gesetzlose Medeiro Vaz in Guimarães Rosas Epos "Grande Sertão", der seine Fazenda niederbrennt, Kämpfer um sich sammeltund auszieht, "um Gerechtigkeit auf den Acker zu bringen".

 Eine Agrarreform gab es schließlich nie in diesem unermesslichen Land ­ es wurde durch willkürliche Schenkungen der Krone und wilde Eroberungen zugeschnitten, und stets war es eine Einladung zur Ausplünderung durch die Stärksten. Kleinstaaten sind so entstanden, wie die des Fazendeiro Aparecido Dotto, der ein Gebiet von der Größe Hessens sein Eigen nennt, samt Flüssen, Wäldern, Bergen. 

 Gerade mal ein Prozent der Farmen kontrollieren heute 53 Prozent des brasilianischen Bodens und bestellen ganze 0,14 Prozent davon. Auf der
anderen Seite Millionen von "boias frias", Tagelöhnern, die sich bei der Bohnen- und Maisernte verdingen und nicht genug haben, um zu leben. 

 Als die Rationalisierungsschübe der achtziger Jahre zusätzliche Hunderttausende Tagelöhner von den Äckern trieben, waren es die linken Aktivisten
der 1984 gegründeten MST, die zum radikalsten Widerstand aufriefen: Sie nehmen sich Land, um es zu bestellen.

 Seither organisieren die MST-Kämpfer mit strengen Kaderprinzipien die schwarzen Zeltstädte der Elenden am Rande der großen Fazendas. Alkohol und Drogen sind verboten. Waffen erst recht ­ bis auf jene Sensen, die zum Einsatz kommen, wenn das Signal zum Angriff, zur Invasion gegeben wird.

 Meist in den frühen Morgenstunden: Dann greifen die Mütter nach ihren Kindern, und die Männer packen die Knüppel, und dann werden die Zäune
durchschnitten, und die rote Fahne ist immer dabei.

 Ein Kampf, so heroisch wie brutal ­ rund tausend Aktivisten kamen bei den Invasionen bisher ums Leben. Im August 1995 wurden in Rondônia, dem wilden Westen des Landes, elf Besitzlose bei einer Demonstration von Militärpolizisten erschossen ­ die Fazendeiros gaben den Mördern, alle noch auf freiem Fuß, nach dem Blutbad gut gelaunt einen aus.

 Doch die MST gab nicht auf. Und nun ist sie in den Städten. Bei den Protesten im Norden wird ein Landloser von der Polizei erschossen. Dutzende
werden verhaftet. Präsident Fernando Henrique Cardoso empört sich über die "Gesetzlosigkeit" der MST und reaktiviert Notverordnungen aus der Junta-Zeit.

 Die MST geht dem Präsidenten gewaltig auf die Nerven. Sie passt nicht in sein Modernisierungskonzept. Im Übrigen haben ihre Aktivisten vor einigen Jahren seine eigene Fazenda besetzt. Und die Feiern zum 500. Jubiläum der Nation haben sie ihm ­ vor den Augen der Welt ­ mit Massenprotesten verhagelt.

 Die Medien sind nicht zu halten. "Veja", das größte Nachrichtenmagazin des Landes, zeigt MST-Führer João Stédile in einer Fotomontage als
waffenstolzen James Bond. Ein Kommentator der "Folha de São Paulo" versteigt sich zur Behauptung, die MST-Demagogie sei die der Nazis. 

 Den Außenstehenden überrascht die Wut, die sich da entlädt. "Gesetzlosigkeit", weil ein paar Schreibtische kaputtgehauen wurden? Ist das nicht
lächerlich, gemessen an der endemischen Gesetzlosigkeit der Gegenseite? Etwa, dass da seit zehn Jahren ein Untersuchungsausschuss über 600 Fälle von politischer Korruption bearbeitet ­ und noch keine einzige Verurteilung ausgesprochen hat?

 Rund 1900 Großgrundbesitzer, das stellen nun die Behörden fest, haben ihre Ländereien unrechtmäßig erworben ­ die doppelte Fläche Polens.

 Doch die politischen Eliten des Landes reagieren wütend und schrill auf die MST. Und ängstlich. Die MST, das erkennt man instinktiv, ist ein Pulverfass, das bald das ganze Land in Brand stecken kann. Mehr als das: So wie die Sandinistas in den achtziger Jahren ist die brasilianische MST zur Hoffnung heimatloser Linker in aller Welt geworden. Helfer aus Stuttgart und Paris pilgern zu den Landbesetzern.

 MST-Führer Gilmar Mauro ist ein Medienprofi in Turnschuhen. "Bitte noch einmal", wünscht sich der BBC-Journalist im Hauptquartier der MST in São Paulo. "Das mit der Ungerechtigkeit, aber kürzer." Mauro gibt ihm das Statement über die ungerechte Landverteilung, gekürzt und sendefertig und so zahlensicher, wie man sich einer gerechten Sache nur sein kann.

 An den Wänden der schmucken Villa kaum Revolutionskitsch, sondern Diagramme ­ die MST, ein nüchterner Konzern, der rechnen kann.

 Ihr gehören Rundfunkstationen und Zeitschriften, Läden, die nicht nur Agrarprodukte wie Honig, Milch, Fleisch, Kräutertees vertreiben, sondern auch T-Shirts, CDs, Blue Jeans, Kalender, Schlüsselanhänger.

 Die meisten MST-Kooperativen führen einen Teil ihrer Gewinne an die Organisation ab. Und die können beträchtlich sein ­ Vorzeige-Kooperativen wie Novo Sarandi erwirtschaften Profite von etwa zwölf Millionen Dollar. Mit ihrem geschätzten Jahresbudget von 20 Millionen Dollar besoldet die MST 800 fest angestellte Aktivisten. Unter den Großsponsoren der Bewegung: die katholische Kirche.

 Für den 36-jährigen Mauro, selbst Kind von Landlosen und Sem-Terra-Aktivist der ersten Stunde, ist Präsident Cardoso "der schlechteste Präsident, den Brasilien je hatte". Dabei hat der im Ausland mit einigem Recht geachtete Inflationsbekämpfer und "New Economy"-Technokrat, eine
unbestechliche Lichtgestalt im korrupten PolitSumpf Brasiliens, mit insgesamt zwölf Millionen Hektar fast so viel Land zur Ansiedlung freigemacht wie seine Vorgänger seit Ende der Militärdiktatur.

 Mauro macht eine Gegenrechnung auf: Seit 1990 sind 942 000 kleine Bauernbetriebe in den Bankrott getrieben worden ­ in den nächsten Jahren
werden weitere zwei Millionen Landarbeiterfamilien in den Städten erwartet. Was sind dagegen die 370 000 Familien, die Cardoso ansiedeln ließ?

 Im Übrigen: Die populärste Forderung der MST, ein Stück Land, ist unter marktwirtschaftlichen Bedingungen allein völlig wertlos. "Ohne Subventionen wären auch die Bauern in Deutschland oder Frankreich oder den USA nicht lebensfähig."

 Mauro präsentiert seine Elendszahlen mit grimmiger Genugtuung. "Wir werden unsere Aktionen verschärfen", sagt er, "die Unruhe wird zunehmen."
Anzeichen gibt es zur Genüge. Unlängst hatte die MST den Streik der Lehrer São Paulos unterstützt, die seit fünf Jahren auf einen Inflationsausgleich ihrer Gehälter warten, die bei knappen 500 Mark monatlich liegen.

 Gleichzeitig hat sich neben den Sem Terra, den Landlosen, auch die Sem Teto organisiert ­ die Menschen "ohne Dach", Verarmte, die in die Städte
geflüchtet und dort gestrandet sind. Allein in der Metropole São Paulo leben drei Millionen in Baracken aus Sperrholz und Müll, weitere Zigtausende kampieren im Freien ­ was für ein Potenzial zur Revolte!

 Unumwunden gibt Mauro zu, dass auch in den Rängen der MST über bewaffneten Kampf diskutiert wurde. "Die Versuchung ist da." Aber man habe sich dagegen entschieden. "Unser Weg ist der Massenprotest." Trotz der wütenden Reaktionen der Presse hält er die Tage des Protests durchaus für einen Erfolg. Die MST hat nur eine Kostümprobe abgegeben ­ und sie ist voller Zuversicht für die Premiere.

 Von weitem wirkt das, was da neben einer Straßenpiste im Norden des Bundesstaates São Paulo schwelt, wie große Müllsäcke, die einer abgeworfen hat. Es sind Zelte aus schwarzen Plastikplanen, eine Rauchfahne, die aus einem Lehmofen gegen die aufgehende Sonne aufsteigt, verschlafene Männer, die sich darum kauern und Tee schlürfen.

 Sergio und die Seinen stammen aus der nahen Stadt Ipateva. Können sie nicht dort warten, bis irgendwo ein Flecken Erde frei wird? "Wer Land will, muss kampieren", sagt Luis Carlos Roman, der Koordinator der nahen MST-Kooperative streng. Es gibt Regeln, und die oberste Regel ist der Kampf. Kampieren ist Kampf. Sergio und die Seinen sind die Reserve für die nächste Invasion oben im Norden.

 Es ist fruchtbarer Boden in diesem Bundesstaat São Paulo, der allein rund ein Drittel des Inlandsprodukts erwirtschaftet. Keine Frontgegend mehr,
sondern etablierte Kleinbauernwirtschaft, die funktioniert. Rund zwei Drittel derjenigen, die sich hier das Nutzungsrecht erstritten haben, haben sich in MST-Kooperativen zusammengeschlossen, in fünf "Agrovilles". Die MST hilft beim Vertrieb und Verkauf ihrer Produkte, sie führen bis zu drei Prozent ihrer Erträge als Beitrag an die Organisation ab.

 Die einen betreiben die Schweinezucht, die anderen den Maschinenpark, und wieder andere kümmern sich um die 250 Rinder. Tatsächlich Rinder! Nur die Reichen haben Rinder. "Ich hätte nie gedacht", sagt der behäbige Ilam, der eine Kuh impft, die gekalbt hat, "dass ich mal Vieh besitzen würde ­ wie ein richtigerFazendeiro." So ist eine gewisse spießige Behaglichkeit in die adretten Familienhäuschen der Kooperative eingekehrt, eine Art DDR auf niedrigerem Niveau, und diese Zufriedenheit ist gleichzeitig ein Erfolg und eine Gefahr für die MST.

 Je erfolgreicher sie ist, desto mehr schafft sie sich selber ab.

 Der alte Kämpe Antonio Cevedo da Silva etwa, der vor 14 Jahren bei der Besetzung die Sense geschwungen hat: Heute hat er jeden Mittag Fleisch auf dem Tisch, und wenn DJ Marco im MST-eigenen "Radio Campesino" Hörerwünsche erfüllt, dann wünscht sich Antonio nicht die Revolutionsballade "Companheiros de Guevara", sondern "musica sertaneja", Volksmusik aus dem Sertão.

 Die Grundschule hier draußen, ein freundlicher, weiß getünchter Bau unter Jacca-Bäumen, ist staatlich. Und weil die Schulen São Paulos derzeit
gegen die Kriminalität mobilisieren, hängt auch hier draußen das Banner der Aktionswochen "Gegen Gewalt in den Schulen". Es wirkt wie von einem
anderen Stern.

 Drinnen sitzen Kinder, die so sauber gekleidet, so gut genährt, so ausgeglichen fröhlich sind, wie man sie in Rio nur an Privatschulen zu Gesicht
bekäme. Nicht gerade eine Kaderschmiede im Übrigen ­ keiner von den Pennälern weiß, wer Ché Guevara war. Und keiner von ihnen will Berufsrevolutionär werden. Eher Anwalt oder Professor oder Mechaniker. Giovanni schlägt aus der Reihe. Er will "Polizist in der Großstadt werden". Warum? "Da ist mehr los als hier."

 Wahrscheinlich hat jede Gesellschaft Glück, wenn das größte Problem ihrer Kinder darin besteht, dass sie zu friedfertig ist. In Brasilien bezeichnet es das Paradies. Sicher, in den Masterplänen der brasilianischen "New Economy" tauchen Positionen wie "zufriedene Kinder" nicht auf. Und
wirtschaftlich ist diese Kooperative kein Feuerwerk der Profitmaximierung. Sie trägt sich seit zwei Jahren gerade mal selber, und das nur, wenn es
endlich regnet, damit mit der neuen Aussaat begonnen werden kann.

 Und wenn es nicht regnet? Wenn ihr die Puste ausgeht? Dann müsste der brasilianische Staat alle Mittel locker- machen, um sie zu erhalten ­ schon
zartes Vorgehen gegen Steuerflucht und Korruption würde ausreichende Milliarden in die öffentlichen Kassen spülen.

 Das Geld könnte nicht besser angelegt werden. Denn wenn die Agrovilles bei Ipateva aufgeben müssten wie so viele andere Kleinbauernbetriebe im
Lande, würde eine weitere, verzweifelte Generation in die Stadt strömen, und nicht wenige davon müssten unter Brücken und im Müll kampieren,
vom Straßenraub leben und von Drogengeldern.

 Zwei Wochen nachdem sich Präsident Cardoso für seinen Sieg über die "gesetzlose" MST feiern lässt, haben sich Gläubige in Rios Kirche "Unsere
Jungfrau von Lourdes" versammelt, um Gott zu danken: Zum ersten Mal in der jüngeren Geschichte Brasiliens ist ein Großgrundbesitzer verurteilt worden ­ er hatte den Landlosen-aktivisten Expedito Ribeiro de Souza töten lassen. Am Tag zuvor war das Urteil in Belém verkündet worden, und
diese Andacht ist nur eine von vielen, die im ganzen Land abgehalten werden.

 Pater Henri berichtet von einem neunjährigen Kampf um Gerechtigkeit. Vom Defilee bestochener Zeugen und eingeschüchterter Richter, von der
Flucht des Killers aus dem Polizeigewahrsam, von der Lässigkeit, mit der der Fazendeiro trotz erdrückender Beweise herumstolzierte. Sicher, der liebe Gott hat noch viel zu tun, denn an diesem Tag ist ein weiterer Landloser ermordet worden ­ er stammte aus jenem MST-Camp, dessen Bauern vor Rios Entwicklungsbank zwei Wochen zuvor demonstriert hatten. 

 Doch jeder kleine Sieg der Gerechtigkeit ist Weihrauchopfer wert. Und so tanzen an diesem Abend Mädchen schrecklich schön in weißen Tuniken und beschwören den Heiligen Geist und den Kampf ums Land, und in dieser Mischung aus Gloria und Rachedurst, aus Bergpredigt und Kampflogistik schlägt das Herz der Landlosenbewegung.

 Pater Henri, ein silberhaariger, drahtiger Dominikaner mit Falkengesicht, der einige Attentate überlebt hat, ist Anwalt des kirchlichen Landpastorats
CPT, das sich in diesem Kampf engagiert. Nicht nur in diesem ­ die katholische Kirche Brasiliens steht am Beginn der Landlosenbewegung überhaupt, sie gab ihr Struktur und Mittel, lange bevor João Stédile, einst CPT-Funktionär und Seminarist, mit anderen die MST aus der Taufe hob. Die katholische Kirche mag die Feuilletonisten im satten, müden Westeuropa zu scharfsinnigen Widerlegungen anregen ­ hier ist sie das spirituelle
Kraftwerk für Veränderung.

 Sie ist längst nicht in allem mit der MST einverstanden, doch sie macht auch deutlich, wie klein der Schritt ist von der Bergpredigt zum "Kommunistischen Manifest".

 Auf keinen Fall säße Jesus im Planalto, dem Präsidentenpalast, meint Padre Henri. "Außer um von Pilatus verurteilt zu werden." Wegen seiner
"Gesetzlosigkeit".

 An diesem Abend in der Kirche wird ein anderes Credo angesprochen als das des geschmeidigen Betriebs von Wachstumsrate und Börsenlotto. Ein uraltes, das sich einfach nicht wegrationalisieren lässt: Mitleiden mit den Schwachen, soziales Gewissen, das Gespür für Gerechtigkeit.

 Zur Berliner Konferenz über "Modernes Regieren im 21. Jahrhundert" war neben Bill Clinton auch Präsident Cardoso eingeladen. Es gab kaum einen Redner, ob Wirtschaftsboss oder Politiker, der auf dieser Konferenz nicht gewarnt hätte vor der Gefahr, die der globalisierten Welt erwächst, wenn sie über der wirtschaftlichen Frage die soziale vernachlässigt.

 Wenn Brasiliens Präsident Cardoso auch nur ein Wort verstanden hat, müsste er die verwirklichte Agrarreform als das große Vermächtnis seiner
verbleibenden Regierungszeit anstreben.


 
 
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