| aus Badische Neueste Nachrichten, 29.7.97
"Sage mir, was dein Traum ist" Rafael Indlekofer lebt für Straßenkinder in Brasilien D.C. Mit 16 Jahren wußte er plötzlich, was er eines Tages werden wollte. Damals war Rafael Indlekofer noch Schüler am Karlsruher Lessing-Gymnasium und engagierte sich in der Jugendarbeit der Gemeinde St. Bonifatius. Schon mit 15 Jahren leitete er eine Jugendgruppe und lernte, wie man Kinder "fesseln" kann. Dann kam ein entscheidendes Erlebnis, das ausschlaggebend war für Rafaels künftigen Lebensweg. Ein brasilianischer Pater besuchte die Gemeinde und berichtete vom Elend der Straßenkinder Brasiliens. Von Kindern, um die sich keiner kümmert außer der Polizei. Immer auf der Flucht vor Killertruppen und korrupten Polizisten vegetieren sie in den Elendvierteln der Millionenstädte. Drogen und Prostitution gehören zu ihrem Alltag wie Kälte, Hunger und die ewige Angst, erschossen zu werden. "Gleich nach dem Abitur bin ich nach Brasilien aufgebrochen und habe als Streetworker gearbeitet", erzählt Rafael Indlekofer. Was der junge Mann zunächst als Übergang betrachtete, wurde sein Leben. Er konnte die Augen vor dem Elend dieser Kinder und Jugendlichen nicht verschließen. "Pro Tag sterben 40 000 Kinder auf der Welt vor Hunger", sagt Indlekofer. "Mir war bewußt, daß man daran nur dann etwas ändern kann, wenn die Menschen auf der ganzen Welt sich zusammenschließen." Die Arbeit mit den Kindern, um die sich keiner kümmert, wurde sein Lebensinhalt. Daß er selbst nur vom Existenzminimum lebte, bedrückte ihn kaum, weil er trotz Rückschlägen und Enttäuschungen glücklich war. "Seine Karlsruher Freunde schicken ihm monatlich Geld, daß er sich in seinem bescheidenen Quartier in Recife über Wasser halten kann", heißt es in dem Buch "Krieg der Kinder", das über die Kindermorde in Brasilien berichtet und in dem die Arbeit Rafaels in den Favelas (Elendsvierteln) als vorbildlich geschildert wird. Zehn Jahre schon lebt der Karlsruher in Südamerika, hat Kinderdörfer gegründet und Schulen, in denen die Kinder sogar einen Beruf erlernen können. "Wenn ein Junge zu uns kommt, dann frage ich ihn zuerst: Was ist dein Traum?" In Hohenwettersbach gibt es eine Gruppe der Solidaritäts-Jugend, die mit ihrem Vorsitzenden Erwin Ruf jedes Jahr ins Kinderdorf "Duftendes Gras" fährt und an Ort und Stelle die Arbeit mit ihren Spenden unterstützt. Auch "Brot für die Welt" und "Misereor" fördern inzwischen Rafaels Projekt. Und was erleben Karlsruher Kinder, wenn sie wie die Kinder der dritten Welt einmal auf der Straße Schuhe putzen oder an der Tankstelle Scheiben wischen? "Ich habe mich gedemütigt gefühlt und erniedrigt", erklärt eine Schülerin der Drais-Realschule. "Die meisten wimmeln uns ab und sagen, daß sie keine Zeit haben. Nur die Ausländer haben Verständnis. Sie freuen sich, daß wir Rafaels Arbeit unterstützen." Der Dritte-Welt-Laden beim Jubez am Kronenplatz gibt allen Auskunft, die Rafaels Projekt direkt oder indirekt unterstützen wollen. |
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