| aus Frankfurter Rundschau, 3.3.98
Mörder hetzen Straßenkinder Helfer sieht Brasiliens Polizei hinter den Gewalttaten Von Uwe Pollmann Sieben Straßenkinder und Straßenjugendliche werden pro Tag in Brasilien ermordet. Allein in den letzten drei Jahren wurden nach Aussagen der brasilianischen Straßenkinderbewegung 7000 Minderjährige teilweise brutal massakriert. "Und Polizeikräfte sind oft dabei" - sagte der brasilianische Straßensozialarbeiter Demetrius Demetrio im Gespräch mit FR-Mitarbeiter Uwe Polmann. Vor über 15 Jahren gründete Demetrio eines der ersten Straßenkinderprojekte in der nordostbrasilianischen Stadt Recife. Seither mußte er immer wieder ermordete Minderjährige identifizieren, die auch sein Hilfsprojekt besuchten. Allein während seines jetzigen Aufenthaltes in Deutschland seit Ende 1997 wurden drei Jugendliche aus seinem Projekt ermordet. Zwei von ihnen hatten vor einigen Wochen bei einem Straßenfest Streit mit der Polizei, wurden festgenommen und mißhandelt. Als sie sich nach ihrer Freilassung beschweren wollten, verschwanden sie. "Vier Tage später wurden sie tot aufgefunden", so Demetrio (33). "Ihre Gesichter waren mit Gewehrkolben verunstaltet worden, ihr Gebiß gebrochen. Die Körper hatten mehrere Merkmale von Mißhandlungen, viele Blutergüsse und Einschüsse ins Gesicht und ins Herz." Die Ermordeten gehörten zu einer Gruppe von Straßenjungen, die von dem Straßenkinderprojekt "Gemeinschaft der kleinen Propheten" auf einer Farm außerhalb von Recife eine handwerkliche Ausbildung erhalten und nebenher die Schule besuchen. Einer der Jungen hatte gute Chancen für eine Ausbildung in der Computerindustrie. Demetrio meint generell: "Bei solch brutalen Morden weiß man schon durch die Form, wie sie getötet wurden, daß Polizisten dahinterstecken müssen. Das Gesicht wird verunstaltet, das Gebiß zerstört, die Sexualorgane entfernt. Das sind die Merkmale der Mörder, die sich oft in der Polizei finden. Mehrere Untersuchungen in Brasilien haben die Vorwürfe bestätigt, daß Polizisten Teil der Mordmaschinerie sind. Ohnehin wenden "Ordnungshüter" in Brasilien häufig Gewalt an: Immer wieder kommt es zu Aufständen in Jugendanstalten wegen angeblicher Übergriffe von Wächtern. In Rio de Janeiro töten Polizisten pro Jahr so viele Menschen wie in den USA. 61 Prozent ihrer Opfer haben Kopfschüsse. "Die Gründe für die Polizeigewalt sind klar", klagt Demetrio an. "Viele Polizisten kommen selbst aus Slums oder gewalttätigen Familien, sind unterbezahlt und schlecht ausgebildet." Manch einer arbeitet als Wachmann oder läßt sich als Killer von Geschäftsleuten anheuern. Diese Killer sollen die wachsende Zahl der Straßenkinder abschrecken. Währenddessen hat der Staat den Sozial-, Gesundheits- und Bildungssektor in den vergangenen Jahren rigide zusammengekürzt. "Da sind Proteste aus dem Ausland sehr wichtig", regt der Straßenkinder-Betreuer aus Recife an. Nach Eingaben aus Europa von hunderten Einzelpersonen und von Europa- und Bundestagsabgeordneten haben die Behörden in Recife jetzt zugesichert, die Morde an den Jugendlichen aus Demetrios Projekt genauestens zu untersuchen und den Schutz der Einrichtung zu gewährleisten. Demetrius Demetrio: "Kurzfristig hilft uns das, aber langfristig bietet das keine Sicherheit." |
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