| aus Frankfurter Rundschau, 25.8.98
Eine ersteigerte Jungfrau hebt das Selbstbewußtsein Auch in Zentral-Brasilien blühen Machismus und Sexismus der gehobenen Gesellschaft Von Klaus Hart (Rio de Janeiro) Die Millionenstadt Goiania fehlt in den Reiseprospekten, liegt fern der Traumstrände in Zentralbrasilien, und doch blühen auch dort weiterhin Sextourismus und Kindesmißbrauch. Allein über 700 Mädchen zwischen nur neun und 14 Jahren, durchweg aus verelendeten Familien, prostituieren sich an über 120 Stellen der Stadt, häufig für nur drei Mark umgerechnet. Zuhälterringe, so stellte jetzt ein parlamentarischer Untersuchungsausschuß weiter fest, bringen die Mädchen zudem in Massagesalons, Hotels oder Privatclubs. Wie im Nordosten sind auch in Goiania Versteigerungen von Jungfrauen alte Macho-Tradition. "Man stellt ein Mädchen auf den Tisch," berichtet eine Betroffene, "und immer bieten an die 50 Männer bis zu 5000 Real" - etwa neuntausend Mark. Natalia Soares, Leiterin einer Frauenseelsorge, erklärte: "Eine Jungfrau zu ersteugern, gilt als aufregend, verleiht höheren Status, man avanciert zum Tagesgespräch unter den Männern der High-Society." An dem makabren und darüber hinaus obszönen "Vergnügen" beteiligen sich fast durchweg nur Politiker, Großgrundbesitzer, Unternehmer, Ärzte und gutverdienende Freiberufler. Sex-Wochen mit einem jungfräulichen Mädchen kann man in Goiania und Umgebung zudem regelrecht buchen. Gerissene Anwerber, die gewöhnlich eine gutbezahlte Arbeit versprechen, locken sogar direkt vor den Schultüren Minderjährige an. Nach diesen Angaben wird Widerstand gegen Prostitution häufig in sogenannten Privatgefängnissen gebrochen. Nicht zufällig werden in dem neuen Untersuchungsbericht von Goiania nicht ein einziges Mal Ausländer erwähnt, denn im zunehmend machohaften und sexistischen Brasilien sind Männer, die Minderjährige mißbrauchen, zu weit über 90 Prozent Einheimische vor allem der Mittel- und Oberschicht. Die brutalste sexuelle Ausbeutung von Kindern erfolgt dort, wo Ausländer schwerlich hinkommen, beispielsweise in den zahlreichen Goldgräbercamps Amazoniens. Vor rund anderthalb Jahren bekam Brasilien gute Noten für eine großangelegte, aufwendige Regierungskampagne gegen Sextourismus und Kindesmißbrauch, die perverse Männer aus der ersten Welt als Hauptübel hinstellte, das es zu bekämpfen gelte. Doch nicht nur Menschenrechtler, Bischöfe und kirchliche Sozialarbeiter kritisierten, daß die Kampagne an den Realitäten vorbeigehe. Der Kardinal von Rio de Janeiro, Eugenio Sales, warnte vor der "ungehinderten Pornographie-Expansion". Die Gesellschaft unterwerfe sich moralisch dekadenten Gruppen, in Brasilien hersche ein pornographisches Klima. Und der bekannte Befreiungstheologe Frei Betto fragte in Kolumbien: "Wie lassen sichVergewaltigungen verhindern, wenn die Werbung für Telefonsex suggeriert, daß das totale Lustempfinden im Körper einer Unbekannten zu bekommen ist?" Die derzeitige Sexismus-Werbung richtet sich gezielt an Kinder. Die täglich in den Radios gespielten Tanztexte von Kinderstars sind obszön-pornographisch und senken psychische Hemmschwellen. Hinzu kommen Misere und Rekordarbeitslosigkeit, die ebenfalls sexuelle Ausbeutung fördern. Die im nordostbrasilianischen Hinterland tätige Franziskanerin Maria Oliveira sagte zur FR: "Viele Mädchen prostituieren sich, weil die eigenen Eltern sie dazu anregen oder zwingen." In Sao Paulo und Rio de Janeiro bieten sich laut einer UN-Studie rund 80000 Minderjährige feil. |
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