aus Welt am Sonntag, 24. 1. 98 
Das moderne Gesicht der Sklaverei

In Brasilien, im Sudan und in Indien werden noch immer Menschen zur Fronarbeit gezwungen. Menschenrechtsorganisationen deckten auf, daß vor allem Frauen und Kinder für ein paar Mark verkauft werden

 Hamburg G.B. - Eine uralte Plage der Menschheit erhebt am Ende dieses Jahrhunderts ihr Haupt: die Sklaverei. 

 "Sklaverei", erklärt Mike Dottridge, Direktor der in London ansässigen Menschenrechtsorganisation Anti-Slavery International, "ist keineswegs verschwunden, sie kommt nur in Verkleidung daher." In Brasilien etwa heißt die moderne Form der Sklaverei Schuldknechtschaft. In ihr fand sich, berichtet die amerikanische Zeitung "Wall Street Journal", Adelcio Ferreira wieder. Ferreira war arbeitslos, seine Familie hungerte. Der Verwalter einer großen Ranch im brasilianischen Bundesstaat Goias bot Ferreira an, er wolle ihm, seiner Frau und seinen drei Kindern Arbeit geben - für sieben Mark am Tag. Vom Lohn würden nur die Kosten der Lebensmittel der Familie einbehalten. 

 Adelcio Ferreira und seine Familie begaben sich auf den langen Weg zur Ranch. Dort entdeckten sie, daß die Preise für die Lebensmittel, die ihnen geliefert wurden, weit überhöht waren. Nie wurde ihnen Lohn ausbezahlt, sie gerieten vielmehr von ihrem ersten Tag auf der Ranch an immer tiefer in Schulden. Der Verwalter drohte: Sie dürften die Ranch erst verlassen, wenn sie ihre Schulden abgearbeitet hätten. Die Aufseher, die die Arbeiter überwachten, waren bewaffnet. Jüngst machte der brasilianische Staat der Ausbeutung ein Ende: Das Land der Ranch wurde beschlagnahmt und an die Arbeiter verteilt. Nun verfügt Adelcio Ferreira über eigenen Grund und Boden. 

 In einer Urwald-Region im Nordosten Brasiliens entdeckten Polizisten eine Reihe von Lagern, in denen insgesamt 200 Männer gefangengehalten und zur Arbeit gepreßt wurden: Sie mußten Bäume zur Herstellung von Holzkohle fällen. Die Brüder Geraldo und Gilcelio Santos hatten die Männer mit dem Versprechen, ihnen einen Tageslohn von neun Mark zu zahlen, in die abseits gelegene Region gelockt. Die Kosten, die ihnen für Transport, Arbeitsgeräte und Nahrung auferlegt wurden, verschlangen weit mehr als den versprochenen Lohn. Die Brüder betrachteten die Männer als ihr Eigentum und ließen sie rund um die Uhr bewachen. Einer der Polizisten äußerte: "So etwas habe ich noch nie in meinem Leben gesehen." Der Gefangene José Carlos do Nascimento, der mit Schlägen zur Arbeit getrieben worden war, seufzte nach seiner Befreiung: "Selbst Tiere lebten besser als wir." 

 Sklaverei ist nahezu so alt wie die Geschichte der Menschheit. Viele Kriege endeten mit der Versklavung ganzer Völker. Zehn Millionen Afrikaner wurden von Sklavenhändlern auf den amerikanischen Kontinent geschafft: allein vier Millionen in die USA, ebenso viele nach Brasilien. In Brasilien wurde die Sklaverei vor 111 Jahren, 1888, verboten. In Äthiopien bestand sie offiziell bis 1942 fort - und in einer Reihe von Ländern ist sie heute noch alltäglich. 

  • Die Schweizer Menschenrechtsorganisation Christian Solidarity International hat ermittelt, daß allein im arabisch beherrschten Norden des Sudan Zehntausende Schwarzafrikaner als Sklaven gehalten werden, vor allem Frauen und Kinder. Die Organisation kauft regelmäßig Menschen frei und bringt sie in ihre Heimat im Süden.
  • In Zentralafrika werden Männer zur Arbeit in Diamantenminen gepreßt.
  • In Brasilien wie in anderen südamerikanischen Staaten werden Kinder zur Schwerstarbeit in Bergwerken gezwungen. Oft ohne Lohn.
  • In Pakistan werden 7,5 Millionen, in Indien 10 Millionen Kinder von Fabrikherren und Grundbesitzern in Knechtschaft gehalten. Sie müssen die Schulden abarbeiten, die ihre Väter und Großväter gemacht haben.
  • Menschenhändler locken junge Frauen aus Birma und Nepal in indische Billig-Bordelle. Auch aus den Golf-Staaten gibt es immer wieder Berichte von versklavten Frauen.
Vor 150 Jahren, zur Mitte des 19. Jahrhunderts, kostete ein gesunder Mann bei den Sklaven-Auktionen im US-Staat Mississippi rund tausend Dollar. Damals Vermögen. Die Geldversprechen, mit denen brasilianische Arbeiter heute geködert werden, belaufen sich nur noch auf wenige hundert Dollar. Im Sudan werden Menschen für den Gegenwert von zwei Ziegen verschachert.

 
 
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